Produktionsstart in Emden Holpriger Hochlauf und große Hoffnungen für VW-Elektroautos
Zum symbolischen Start des elektrischen Passat-Nachfolgers ID 7 reisten Vorstände und Betriebsräte aus Wolfsburg an, um Zuversicht zu verbreiten. Beim Fabrik-Rundgang klappte nicht alles auf Anhieb.
Emden - Ein bisschen sinnbildlich für die aktuelle Absatzkrise bei den Elektroautos war es ja doch, dass nicht alles ganz rund lief am Montagvormittag. Ministerpräsident und VW-Aufsichtsratsmitglied Stephan Weil, Konzern-Betriebsratschefin Daniela Cavallo und Markenvorstand Thomas Schäfer hatten sich die graue Mitarbeiterkluft übergeworfen und durften über einen Prüfstand in der neuen Elektro-Auto-Halle 20b im Emder VW-Werk mitfahren. Doch der Vorführeffekt tat seine Wirkung, und manches funktionierte nicht wie gewünscht oder deutlich verzögert, sodass die Verantwortlichen schon leichten Schweiß auf der Stirn bekamen.
Doch davon ließ sich beim sogenannten SOP-Event, einer Feier zum symbolischen Produktionsstart der Elektrolimousine ID 7, niemand betrüben. Ziel war, gute Stimmung in schwierigen Zeiten zu verbreiten. Dafür waren neben Weil mehrere VW-Konzern- und Markenvorstände nach Ostfriesland gereist – letztere übrigens mit dem wenig klimafreundlichen Flieger. So schlängelte sich am Vormittag schnellen Schrittes ein großer Tross von Vorständen, Betriebsräten und Journalisten durch die Frühschicht in den neuen Montagehallen 20 und 20b.
Junge Mitarbeiter berichteten vom Wandel
Der neue Emder Fertigungsleiter Georg Müller erklärte, dass derzeit rund 350 E-Autos am Tag gebaut werden. Montageleiter Richard Bojen erläuterte die 171 Takte am Band – und Weil durfte sich das direkt an der Linie immer mal wieder interessiert anschauen. Das Durchschnittsalter liege bei nur 37 Jahren, erklärte Bojen. Und so durften die jungen Mitarbeiter Stephanie Lorenz aus Westerholt und Dirk Jibben aus Hagermarsch erklären, wie sie den Umstieg von der Verbrenner- auf die Elektrowelt seit 2019 gemeistert haben. „So wesentlich hat sich die Arbeit gar nicht verändert“, berichtete Lorenz – bis auf die vielen Steckverbindungen der E-Autos.
Jibben lobte die Arbeitsbedingungen in den neuen Hallen: „Hier ist mehr Licht und es ist nicht so laut.“ Montageleiter Bojen verabschiedete Weil mit dem Wunsch, ihn in Zukunft „gerne mal nachts um drei“ zu begrüßen – wenn die Nachfrage so groß ist, dass drei Schichten nötig sind.
Personalvorstand lobt große Bereitschaft der Emder Werker
VW-Konzern-Personalvorstand Gunnar Kilian lobte die große „Transformationsbereitschaft“ der ostfriesischen Werker. Emden sei mit mehr als zwölf Millionen produzierten Fahrzeugen einer der traditionsreichsten Standorte des Konzerns – seit 1977 mit dem Passat als Treiber. Die Transformation sei mit Sorgen und Unsicherheiten verbunden. Doch das Team am Standort Emden habe dem Vorstand Vertrauen geschenkt. Auch deshalb habe man seit 2020 mehr als eine Milliarde Euro in die Fabrik investiert. Man habe mehr als 8000 Kollegen mit über 60.000 Trainingsstunden fit für die E-Mobilität gemacht, mit Unterstützung des ersten E-Werks in Zwickau, so Kilian.
Konzern-Betriebsratschefin: Abschied vom Passat tut weh
Auch Konzern-Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo sagte: „Nach der langen Tradition mit dem Passat tut es ein bisschen weh. Aber der ID 7 schließt mit seinen Passat-Genen eine wichtige Lücke in unserem Elektroangebot und wird einschlagen, davon bin ich überzeugt.“ Die gute Nachricht sei: Das Werk Emden fertige mit dem ID 7 weiter ein Mittelklasse-Auto des B-Segments, in dem auch der Passat eingeordnet ist. Auch Cavallo appellierte an die Politik: „Wir brauchen nicht nur gute Produkte, sondern auch einen Strompreis, der dazu animiert, E-Autos zu kaufen.“ Und schließlich: „Auch wenn wir jetzt ein Tal durchfahren, bin ich überzeugt, dass die E-Mobilität die Zukunft ist.“
Emder Betriebsrat: Kämpfen für jeden Leiharbeiter
Der Emder VW-Betriebsratsvorsitzende Manfred Wulff betonte angesichts der aktuellen Absatzprobleme bei den E-Autos: „Wir sind in einer schwierigen Phase. Deshalb müssen wir gemeinsam mit der Politik gegensteuern. Wir wollen endlich Autos bauen. So viele, dass wir irgendwann wieder über Mehrarbeit reden.“ Derzeit baue man noch rund 500 Verbrenner-Fahrzeuge, also Passat und Arteon, pro Tag, aber erst 300 E-Autos. „Das ist aus unserer Sicht zu wenig“, so Wulff. Ziel sei, im zweiten Halbjahr 2024 so viele Autos zu bauen, dass die ursprünglich schon angedachte dritte Schicht Realität wird. Dafür fordert der Betriebsrat auch mehr Werbung für das neue Fahrzeug, auch in klassischen Medien und in Autohäusern – sowie Anreize für das Flottengeschäft.
Zuletzt wurde wegen der Absatzprobleme eine von zwei Schichten gestrichen. Bereits rund 300 Leiharbeiter mussten gehen, mehrere Hundert weitere werden wohl in den nächsten Monaten folgen. „Aber wir kämpfen als Betriebsrat für jeden Einzelnen“, beteuerte Wulff.
Markteinführung in den nächsten Wochen
Der Emder VW-Werksleiter Uwe Schwartz sagte am Montag, die Transformation zu den Elektroautos sei „eine beeindruckende Leistung“. In wenigen Wochen stehe die Markteinführung des ID 7 bei Händlern und Kunden an. „Wir freuen uns auf viele Besteller. Wir als Standort sind bereit.“
Seit vergangenem Frühjahr läuft in Emden der Elektro-SUV ID 4 vom Band, ein Auto im Tiguan-Format. Seit einigen Wochen wird nun zusätzlich der ID 7 produziert, noch in kleinen Stückzahlen von rund einem Dutzend am Tag. Im Frühjahr nächsten Jahres soll dann die Produktion der Kombi-Version des ID 7 starten, also einer Art Elektroversion des beliebten Passat Variant.
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