Goldene Zeiten bei der SpVg Aurich  Magier der Worte und Gesten

| | 18.08.2023 18:03 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Vor dem Spiel und in der Kabine galt Fußballtrainer Gerhard Gastmann als ein großer Motivator, der seine Spieler mit Worten und Gesten einfing. Im Gespräch mit der ON-Sportredaktion zeigte der 73-Jährige, dass er es immer noch kann. Foto: Romuald Banik.
Vor dem Spiel und in der Kabine galt Fußballtrainer Gerhard Gastmann als ein großer Motivator, der seine Spieler mit Worten und Gesten einfing. Im Gespräch mit der ON-Sportredaktion zeigte der 73-Jährige, dass er es immer noch kann. Foto: Romuald Banik.
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Vor 40 Jahren begann die Trainer-Ära des Sportlehrers Gerhard Gastmann bei der SpVg Aurich. Einer, der wusste, wie Erfolg geht.

Aurich - Schon als Jugendlicher machte sich Gerhard Gastmann Gedanken, welche Spieler sein Vater wohl ausauswechseln würde. Der gebürtige Borssumer, Jahrgang 1950, begleitete häufig seinen Vater Konstant. Der trainierte die Borssumer Herrenmannschaft und sein Filius präsentierte ihm die eine oder andere Idee für Wechsel. Sein Vater war aber nicht nur Trainer, er war auch für einige Jahre Vorsitzender des SV Blau-Weiss Borssum. „In Sachen Fußball und Vereinsarbeit spielte sich vieles bei uns zu Hause und am Sportplatz ab“, erinnerte sich Gastmann. Er spielte auch zwei Jahre für die Blau-Weißen im defensiven Mittelfeld. Ziemlich früh stand sein Berufswunsch fest. „Ich wollte von Anfang an Sportlehrer werden“, sagte Gastmann im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten. Sein Wunsch ging in Erfüllung. Nach Studium und Referendariat wurde er 1977 Lehrer am Gymnasium Ulricianum in Aurich mit den Fächern Sport und Politik.

Der Weg zum Fußball sollte den jungen Mann zuvor noch zum Handball führen. Als Junglehrer spielte er in seiner Freizeit beim MTV Aurich. Er hat noch die temperamentvollen Auftritte bei den Auricher Hallenhandballstadtmeisterschaften vor Augen. Aus dem Spielen wurde mehr. Drei Jahre lang trainierte er die Mannschaft, ehe er von Gerd „Fahne“ Fahnster“ von der SpVg Aurich angesprochen wurde. Gastmann ging zum Ellernfeld. Dort lernte er zuerst als Spieler Trainer Hans-Hermann Mindermann kennen. Als der 1983 Aurich verließ, trat Gastmann seine Nachfolge an. Es begann eine siebenjährige Zusammenarbeit, die mit drei Meisterschaften garniert wurde. Ein Höhenflug von der Bezirksliga, über die Bezirksoberliga und Landesliga hinauf in die Verbandsliga. Damals die vierthöchste Spielklasse. Für Gastmann war die Zeit bei den Rot-Weißen „aufregend und aufreibend“.

Die Auricher Verantwortlichen, insbesondere der Sportliche Leiter Hinrich Taaken und Vereinschef Gerhard Hanstein erwarteten Meisterschaften und Aufstiege.

Nach jedem Aufstieg mussten Spieler gehen

Die Auricher Fußballer lieferten unter der Ära Gastmann. Eine Medaille mit zwei Seiten, meinte Gastmann. Die Erfolge waren klasse, aber er musste nach jedem Aufstieg die Mannschaft neu formieren. „Da musste man sich auch immer wieder von Spielern trennen, für die es in der höheren Klasse nicht mehr reichte“, so der Erfolgscoach. Entscheidungen, die der eine oder andere eben nicht so toll fand. Aber unterm Strich zählte die Leistung der Mannschaft. Klare Entscheidung und die Kunst der Motivation sind zwei Stärken, die ihm zugeschrieben wurden. Einer, der Gastmann als Trainer erlebt hat, war Jürgen Zimmermann. Der heutige Trainer von Germania Wiesmoor bekannte: „Er hat uns motiviert und richtig heiß gemacht. Seine Meinung war entscheidend.“ Das befand auch der aktuelle Trainer des SV Wallinghausen Ewald Mühlenbrock, der als A-Jugendlicher in der Auricher Herrenmannschaft Gastmann erlebte. Er meinte: „Gastmann ist ein großer Fußballfachmann und eine starke Persönlichkeit, wohl einer der besten Trainer, die es in Aurich gegeben hat.“ Auf einem Banner im Auricher Stadion, weißes Tuch und schwarze Buchstaben, hieß es damals: „Gastmann auf Lebenszeit.“

Ein dickes Lob der Fans. Gastmann gab sich bescheiden. Er meinte: „Die Rolle des Trainers wird überschätzt. Es kommt auf die Mannschaft und das Umfeld an. Beides muss stimmig sein.“ Und dafür sorgte vor allen Dingen Taaken, Bankdirektor der Auricher Volksbank. Er zog die Fäden, gründete einen Förderkreis mit Geschäftsleuten und einflussreichen Bürgern und nutzte seine Kontakte zur hiesigen Wirtschaft. Ein Macher, der Brücken baute und Türen öffnete, damit der Fahrstuhl der SpVg Aurich nach oben fuhr. Bis in die 4. Liga. Aurich mobilisierte die Anhänger. Zu Hause wie auch bei Auswärtsspielen. Eine Partie hat Gastmann nicht vergessen. „Es ging im letzten Spiel der Saison 1986/87 in Damme um den Aufstieg in die Verbandsliga. Es waren wohl 500 bis 600 Auricher Fans dabei. Wir haben es geschafft und es war der reine Wahnsinn“, meinte er. Wahnsinn war auch die Auricher Sturmreihe. Mit Heinz Harms, Siegmund Marsollek und Uwe Bollmeyer durchbrachen die Auricher in drei Spielzeiten die 100-Toremarke. Die SpVg Aurich war als Torfabrik gefürchtet und die Stürmer kamen selbstbewusst daher. Auch gegenüber ihrem Trainer, wenn Marsollek immer mal wieder stichelte: „Trainer, Du bist ohne uns nix.“ Gastmann nahm es gelassen, wusste er doch um die Bedeutung seiner Knipser. Und auch der anderen: „Ich hatte gute Ko-Trainer, die nahe an der Mannschaft dran waren und Spieler, die auf dem Platz das Heft in die Hand nahmen.“

Es zählt nur rausgehen und gewinnen wollen

Dabei zählte vor dem Anpfiff nur eine Sache, so Gastmann: „Wir sind da rausgegangen, weil wir gewinnen wollten.“ Es war wohl diese Einstellung, die Gastmann seinen Spielern einflößte. Immer wieder. Auch in der Pause, da, wo das Zeitfenster klein war, galt er als Zauberer der Worte. Ein Zeichen setzen, wenn es darum ging, einen Rückstand noch umzubiegen. Das war sein Anliegen. Nicht selten kniete er in der Kabine vor seinen Spielern, wenn diese verschwitzt auf der Bank saßen und hämmerte ihnen die Aufträge für die zweite Hälfte ein. Gastmann galt als Dirigent. Einer, der sein Ensemble optimal einstellte und eine stimmige Leistung punktgenau auf den Platz brachte. Ein Magier mit getönter Brille, die zu seinem Markenzeichen wurde.

Aurich galt als Mannschaft mit großer Ausdauer. Kraft in den Beinen bis zum Abpfiff. „Das Training war hart“, berichteten Zimmermann und Mühlenbrock. Und weiter: „Wir wurden auf dem Wall am Ellernfeld rangenommen, bis nichts mehr ging.“ 1990 war dann Schluss bei den Rot-Weißen. Gastmann wollte kürzertreten. Der Plan ging nicht auf. Sein Nachfolger Bata Tijanic haute nach acht Spielen in den Sack. Gastmann kehrte zurück und blieb noch bis zum Saisonende. Danach legte er eine Pause ein. Erneut nicht lange, denn es folgten noch zwei Stationen: Beim TuS Esens und SV Großefehn, ehe er dann noch einmal bei der SpVg Aurich von 1997 bis 2001 als Trainer und Teammanager tätig war. Der damalige Vereinschef Dietrich Wilbers holte ihn zurück. Dazu sagte Gastmann: „Für mich war es ein Reiz, es noch einmal zu versuchen. Wilbers hatte viele interessante Ideen, leider ist er viel zu früh verstorben.“

Seit nunmehr 20 Jahren ist Gastmann als Besucher auf den Fußballplätzen in Aurich, Großefehn oder Borssum unterwegs. Zuschauen und mit Wegbegleitern plaudern. Und wenn er nicht am Platz steht, dann ist er gerne mit seinen Enkelkindern auf Tour. „Frei sein, ohne Termine“, das gefällt ihm, denn sein Leben als Familienvater, Trainer, Sportlehrer und später Sportfachleiter am Studienseminar Leer, waren streng durchgetaktet. Wenig Freiräume, aber ein Leben mit vielen Begegnungen, die er nicht missen möchte.

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