Lehrermangel im Kreis Aurich Viele Schulleiter blicken mit Sorge in das Schuljahr
In vielen Grundschulen fehlt es deutlich an Lehrern. Wo dies nicht intern aufgefangen werden kann, werden Lehrer von anderen Schulen abgeordnet. Die fehlen dann dort. Ein Bürgermeister redet Tacheles.
Aurich - Mit Sorge blicken viele Schulleiter auf die kommenden Monate. Denn der Lehrermangel hat sich dem Vernehmen nach auch in Ostfriesland im Vergleich zu den Vorjahren deutlich verschärft. Offizielle Zahlen dazu liegen noch nicht vor. Gerade Realschulen, Haupt- und Realschulen, Kooperative Gesamtschulen und Oberschulen müssen bei Bedarf Lehrkräfte an Grundschulen abordnen – und stehen dadurch teils selbst vor Engpässen.
Die ON haben mit mehreren Schulleitern unterschiedlicher Schulstufen gesprochen – und veröffentlichen die Antworten mehrheitlich in anonymisierter Form. Denn Aussagen dazu werden von den Schulbehörden nicht gerne gesehen. Ein umfangreicher Fragenkatalog zur Zahl der ausgefallenen Stunden im vergangenen Schuljahr, zu Krankschreibungen, zu ausgeschriebenen und besetzten Stellen und zur Zahl der nun abgeordneten Lehrkräfte, den die ON am Mittwoch an das Regionale Landesamt für Schule und Bildung geschickt hat, blieb an diesem Tag unbeantwortet.
Einige Grundschulen fanden „kreative Lösungen“
Mehrere Grundschulleiter sagten den ON, sie hätten „Glück gehabt“. Während die Stundenplanung ein paar Wochen vor den Ferien noch aussichtslos erschienen sei, habe sich die Situation inzwischen weitgehend entspannt. Im ON-Gespräch war mehrfach von „kreativen Lösungen“ die Rede, die nötig seien, um allen Unterricht erteilen zu können. So würden kleinere Klassen beispielsweise für den Sportunterricht zusammengelegt. Oder Pädagogische Mitarbeiter erteilen in den ersten zwei Klassen den Kunstunterricht. „So etwas geht nur dann, wenn in dem Fach keine Noten vergeben werden“, hieß es.
Einige Schulleiter betonten aber auch, dass solche kreativen Lösungen schon immer nötig gewesen seien. Und dass die Unterrichtsversorgung immer im Fluss sei. „Schon nächste Woche kann eine Lehrkraft langfristiger ausfallen“, hieß es. Solche Probleme ließen sich oft intern lösen. Lob gab es für die Personalverantwortlichen beim Landesamt für Schule und Bildung, die sich sehr bemüht hätten, mit Schulleitung und Lehrkräften Lösungen zu finden.
Rettung brachten in einigen Fällen Vertretungslehrkräfte
In einigen dieser Fällen konnten kurzfristig Vertretungslehrkräfte gefunden werden, wodurch sich die Situation entspanne. Dabei handelt es sich um Lehrkräfte, die ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben, sich beispielsweise noch im Studium befinden. Diese Vertretungskräfte würden nun von erfahrenen Lehrkräften an die Hand genommen, hieß es mehrfach aus Schulen. Andere Schulleiter berichteten, dass Lehrkräfte in Teilzeit angesichts der Situation erfreulicherweise bereit seien, ihr Stundenkontingent aufzustocken.
Längerfristig ausfallen dürfe nun aber niemand vom Lehrpersonal mehr, hieß es mehrfach. Und einige Schulleiter sind bereits mit genau dieser Situation konfrontiert und wissen nicht, ob es eine Vertretung für erkrankte Kollegen geben wird. „Abgesehen davon blickt man angesichts des Mangels an Lehrkräften ohnehin mit Sorge auf die nächsten Jahre“, hieß es.
Ohne Abordnungen läge der Versorgungsgrad teils bei 70 Prozent
Mehrere Schulleiter sprachen von einer prekären Situation in diesem Schuljahr und von dramatischem Lehrermangel. Belastend sei auch, dass sich einige Einstellungsverfahren so lange hinziehen, dass zu Schuljahresbeginn nicht bekannt sei, ob Stellen besetzt werden können oder nicht.
Mehrere Schulleiter sagten auch, dass es ohne abgeordnete Lehrer diesmal in ihrer Grundschule überhaupt nicht gehen würde. Die Situation sei von Schule zu Schule unterschiedlich. In mehreren Gesprächen war jedoch die Rede davon, dass ohne Abordnungen und kreative Lösungen die Unterrichtsversorgung in einzelnen Grundschulen nur bei etwa 70 Prozent liegen würde.
An einer Schule fehlten vor den Ferien noch 90 Lehrerstunden
Der aktuellste Wert in der Statistik des Niedersächsischen Kultusministeriums stammt derzeit vom 8. September 2022. In vielen Grundschulen liegt die Unterrichtsversorgung demnach bei annähernd oder sogar über 100 Prozent. Doch es gab auch damals schon andere Werte. Die Situation an einigen Grundschulen war zum Abschluss des vergangenen Schuljahres teils bereits prekär, auch wenn der offizielle statistische Wert zu Schuljahresbeginn bei etwa 95 Prozent lag.
Versorgungsquote
Bei etlichen Schulen lag die offizielle Versorgungsquote am Stichtag bei annähernd oder über 100 Prozent. Darin werden erteilte Vertretungsstunden allerdings nicht erfasst. Einige Schulen hatten auch zu Beginn des letzten Schuljahres schon eine Versorgungsquote von unter 95 Prozent: IGS Marienhafe-Moorhusen 88,5 Prozent, KGS Hage-Norden 94 Prozent, Oberschule Norden 93,1 Prozent, Realschule Dornum 94,8 Prozent; Grundschule Upgant-Schott 82,8 Prozent, Grundschule Leezdorf 94,8 Prozent, Grundschule Moordorf 94,7 Prozent, Frya Fresena Grundschule Großheide 87,7 Prozent, Grundschule Wiesens 77,6 Prozent.
So fehlten in einigen großen Grundschulen kurz vor den Sommerferien für das neue Schuljahr noch etwa 90 Lehrerstunden. Für einige Klassen gab es keine Klassenlehrer, auch für die neuen ersten Klassen waren die Prognosen nicht gut. Der zuständige Schuldezernent Thomas Brederlow war wegen der angespannten Lage kurz vor den Ferien in Gesamtkonferenzen vertreten. Wie die Situation an diesen Schulen inzwischen ist, konnten die ON am Mittwoch nicht in Erfahrung bringen.
Statistik erfasst die Vertretungsstunden gar nicht
Klar ist: Aufgrund von fehlendem Personal ist die Ganztagsbetreuung in einigen Grundschulen schon heruntergefahren worden. Es gibt dafür nun deutlich weniger Plätze. AGs und viele inhaltliche Angebote konnten und können ebenfalls nicht mehr abgedeckt werden. Für das beginnende Schuljahr wurde bereits die Betreuung für die Hausaufgaben gestrichen.
Was in der Landesstatistik ohnehin nicht auftaucht, ist die Zahl der Vertretungsstunden und der geleisteten Überstunden. Dass Lehrkräfte zeitweise in Vertretung erkrankter Kollegen mehr arbeiten, ist den Gesprächen zufolge gang und gäbe. Die Überstunden werden notiert und werden nach Möglichkeit wieder abgefeiert, sobald dies möglich ist. Je angespannter die Personallage, desto weniger Gelegenheit dazu gibt es aber. „Wir können sehr froh sein, dass es noch Kollegen gibt, die zu Überstunden und Abordnungen bereit sind“, hieß es aus einer Schule. Mehrere Schulleiter lachten auf die Frage hin, wie es mit ihren eigenen Überstunden aussehe. Von mehreren Hundert im Laufe der Zeit war in Einzelfällen zu hören. Andere sagten, sie hätten aufgehört zu zählen.
Einige Fächer müssen gekürzt werden
Bei den weiterführenden Schulen macht sich bemerkbar, dass Lehrkräfte abgeordnet werden müssen. Die Unterrichtsversorgung liegt nach Aussagen einiger Schulleiter dadurch nun bei rund 90 Prozent, manchmal darüber. Es kommt aber durchaus vor, dass sechs bis sieben Lehrkräfte jeweils mit Stundenkontingenten an andere Schulen abgeordnet werden müssen. Mehr als 40 Wochenstunden fehlen somit schnell in der abgebenden Schule. Das könne nur kompensiert werden, indem der Unterricht in Fächern wie Werken und Textiles Gestalten reduziert werde, hieß es. Das seien Fächer, die Schülern Spaß machen und einen wichtigen Gegenpol zu den verkopften Fächern bilden. Und es seien Fächer, die Schüler mit handwerklichen Tätigkeiten in Verbindung bringen.
Eine Schulleitung sagte, es mache sie wütend, dass vor allem die kleinen weiterführenden Schulen abordnen müssten. Während die Gymnasien und IGSen dazu bis kurz vor Ferienende nicht herangezogen worden seien, treffe es die Haupt- und Realschulen, die Oberschulen und die Kooperativen Gesamtschulen, die im Landkreis Aurich alle sehr gut von Schülern angewählt werden. Dort treffe also ein teils unerwartet hohes Aufkommen an Schülern auf eine durch Abordnungen dezimierte Lehrerschaft.
Schlechte Nachricht für einige Gymnasien in Ostfriesland
Dem Vernehmen nach müssen nun aber auch die Gymnasien zahlreiche Lehrer an die Grundschulen abgeben, um die dort fehlenden Lehrerstunden auszugleichen. Nach Informationen der ON soll die Landesschulbehörde am Dienstag beraten haben und einige Schulleiter am Mittwoch, also einen Tag vor dem Start des neuen Schuljahres, darüber informiert haben. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Gymnasien ihre Planungen und Stundenpläne für das kommende Schuljahr also gerade fertig hatten.
Das Ulrichsgymnasium in Norden (UGN) kommt nach Aussagen von Schulleiter Wolfgang Grätz grundsätzlich klar. Vier Kolleginnen konnte Grätz in den Sommerferien einstellen. Zwar liege die Abdeckung nicht bei 100 Prozent, „aber wir kommen zurecht“, so Grätz. Wie die genauen Zahlen sind, könne er allerdings noch nicht sagen, denn täglich ändere sich noch die Schülerzahl. Waren Anfang Juni 127 neue Fünftklässler am UGN angemeldet, waren es am Mittwoch bereits 141.
Einige freiwillige Abordnungen
Auch Rüdiger Musolf, Schulleiter des Gymnasiums Aurich, sagte, dass die Versorgung mit Lehrkräften zufriedenstellend sei. Das Ulricianum habe bereits freiwillig vor Wochen die Abordnung von drei Lehrkräften angeboten. Sie würden auf eigenen Wunsch mit verschieden großen Stundenkontingenten in nahegelegenen Grundschulen eingesetzt. „Wir unterstützen grundsätzlich gern die Grundschulen, wenn dort Not herrscht“, so Musolf. Vor Jahren sei das Gymnasium schon kurzfristig mit solchen Abordnungen mit hoher Stundenzahl überrumpelt worden. Das sei diesmal anders.
Schulleiter Günter Tautz bezeichnete die Versorgung der IGS Ihlow als „vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Probleme verhältnismäßig gut“. Eine Lehrkraft sei auf eigenen Wunsch an eine Grundschule abgeordnet worden. „Das haben wir unterstützt“, so Tautz. Dass weitere Abordnungen in Aussicht stehen könnten, sei ihm nicht bekannt. Er wisse aber, dass in einigen Grundschulen akuter Mangel herrsche. Aus den Grundschulen im Einzugsbereich der IGS seien ihm aber keine Hilferufe zu Ohren gekommen.
Bürgermeister: Situation ist ungerecht und deprimierend
Tautz kritisierte aber, dass Vertretungsstunden und Überstunden in keiner Statistik erfasst werden, sodass diese nicht die wahre Versorgung abbilde. Und er findet es schade, dass nicht offensiv für den Lehrerberuf geworben wird. „Ich hab neulich im Kino eine Werbung für die Bundeswehr gesehen. Auch um Bewerber bei der Polizei und beim Zoll wird geworben. Warum gibt es keine großangelegte Kampagne für Lehrkräfte?“
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Fredy Fischer meldete sich als Bürgermeister von Großheide zu Wort. Die Gemeinde ist Trägerin einer Haupt- und Realschule – der letzten im Landkreis. Ebenso wie die Realschulen und die Kooperativen Gesamtschulen werde die Friederikenschule als HRS von den Eltern stark angewählt, so Fischer. Politisch sei es offenbar nicht gewollt, dass diese Schulen auch gut mit Personal ausgestattet würden. „Die Gemeinden versuchen als Träger, bei der Ausstattung ihr Bestes zu geben. Unser Anspruch ist es, dass die Friederikenschule eine gute Schule ist. Und das gilt auch für unsere Grundschulen. Aber wir stellen fest, dass an den Grundschulen ein sehr großer Lehrermangel herrscht – auch an unseren Grundschulen“, sagte Fischer. Zum Teil würden sogar Klassenlehrer gesucht.
Wenn nun nur die kleinen weiterführenden Schulen Lehrkräfte abordnen müssten und die Gymnasien und Integrierten Gesamtschulen geschont würden, „ist das nicht gerecht“, so Fischer. Die Situation sei sehr deprimierend. „Sehr gute Schulen gehen zurzeit wegen des Lehrermangels auf dem Zahnfleisch.“