Protestpartei im Aufwind  AfD-Kreisverband wächst, andere Parteien schrumpfen

Kim Hüsing
|
Von Kim Hüsing
| 14.08.2023 17:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Anja Arndt, Auricher Kreisverbandsvorsitzende, spricht auf der AfD-Europawahlversammlung in Magdeburg. Foto: DPA
Anja Arndt, Auricher Kreisverbandsvorsitzende, spricht auf der AfD-Europawahlversammlung in Magdeburg. Foto: DPA
Artikel teilen:

Der AfD-Kreisverband Ostfriesland legt bei seinen Mitgliederzahlen zu. Andere Parteien im Kreis Aurich kämpfen um Nachwuchs. Doch in einer Sache sind sich die Politiker weitgehend einig.

Aurich- In bundesweiten Umfragen liegt die AfD mittlerweile bei rund 21 Prozent und damit nur knapp hinter der CDU/CSU. In Auricher politischen Gremien hat die selbst ernannte „Alternative für Deutschland“ bisher kaum eine Stimme. Lediglich zwei Mitglieder sind Teil des Kreistags. Doch das soll sich ändern, wenn es nach der AfD-Kreisvorsitzenden Ostfriesland, Anja Arndt, geht. „Zur nächsten Kommunalwahl werden wir voraussichtlich mehr Kandidaten aufstellen können. Das liegt daran, dass viele unserer Mitglieder entschlossen sind, politisch aktiv zu werden“, so Arndt. Und der AfD-Kreisverband legt weiter zu.

Ende Juni gab die Vorsitzende gegenüber den ON an, dass der Verband 130 Mitglieder zähle. Darunter diejenigen, die noch im Aufnahmeprozess seien. Inzwischen spricht Arndt von 150 Mitgliedern. Der Kreisverband sei seit September 2022 um 75 Prozent gewachsen. Im September seien es noch 84 Mitglieder und drei Förderer gewesen. Damit trotzt die AfD einem weiteren Bundestrend. Denn andere lokale Parteien, wie der Kreisverband Aurich-Norden der Grünen, sprechen von stagnierenden oder sinkenden Mitgliederzahlen. So gibt Karl-Heinz Altmann als Kämmerer des Grünen-Kreisverbandes eine derzeitige Mitgliederzahl von 189 an. Im August 2022 seien es 199 gewesen, zuvor sogar 202. Gerade ältere Mitglieder würden dem Bundesverband derzeit ihren Austritt mitteilen.

Sinkende Mitgliederzahlen bei SPD und CDU

Der FDP-Kreisverband erlebte einen Aufschwung vor der Bundestagswahl. Während 2020 noch 79 Mitglieder zum Auricher Kreisverband zählten, waren es 2021 103. Doch seitdem stagniere die Zahl eher, informiert der neue Kreisvorsitzende Konstantinos Holzer. Bei der mitgliederstärksten Partei in Ostfriesland, der SPD, sind die Zahlen hingegen gesunken. Während vor fünf Jahren noch 2400 Sozialdemokraten im Kreis Aurich gelistet waren, verzeichnet der Unterbezirk aktuell 2100. Im vergangenen halben Jahr seien jedoch auch zwischen 20 und 30 neue Gesichter hinzugekommen. „Das ist recht normal. Nur in den Jahren der Corona-Pandemie sind die Eintritte zurückgegangen“, sagt Unterbezirks-Geschäftsführer Sascha Pickel.

Der Auricher Unterbezirk sei aber immer noch der mitgliederstärkste im Bezirk Weser-Ems. Auch die anderen ostfriesischen Landkreise seien Hochburgen der Sozialdemokratie. Als Zahlen nennt Pickel hier rund 1700 Mitglieder in Leer und über 400 im Kreis Wittmund. „Der Rechtsruck in der AfD macht mir Angst“, sagt Pickel offen. Die steigende Akzeptanz gegenüber der AfD bereite ihm Sorgen. Die zweitgrößte Partei im Kreis schweigt hingegen zu ihren Mitgliederzahlen. Diese gebe der CDU-Kreisverband erst beim Parteitag heraus, so Holger Kleen als Pressebeauftragter der hiesigen Christdemokraten. Dort war im November 2022 schon nur noch von 684 Mitgliedern die Rede. 2020 seien es noch 750 Mitglieder gewesen. Der neu gewählte Kreisvorsitzende Dr. Joachim Kleen appellierte damals an seine Mitstreiter, sich intensiv um Nachwuchswerbung zu bemühen.

Täglich neue Aufnahmeanträge

Während die AfD hofft, dass sich mehr Mitglieder aktiv in die politische Arbeit einbringen werden, sieht Altmann auch hier einen Rückgang. Bei den Grünen würden sich weniger Menschen aktiv beteiligen als noch vor einigen Jahren. Die Arbeit laste auf wenigen Schultern. Im AfD-Kreisverband sei auffallend, dass immer mehr Menschen zwischen 20 und 30 Jahren in die Partei eintreten würden, so Arndt. Die Altersspanne bewege sich zwischen 20 und 70 Jahren, wobei der Schwerpunkt bei etwa 40 Jahren liege. „Wir erhalten inzwischen fast täglich neue Aufnahmeanträge, worüber wir uns natürlich sehr freuen“, sagt Arndt. Die vielen Anträge seien die Konsequenz der „außerordentlichen Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik, die die Bürger und Familien immer schwerer belastet“.

Arndt selbst ordnet die AfD sowohl als Protest- als auch als Programmpartei ein. Mitglieder wollten die Deindustrialisierung stoppen. „Ihnen ist auch wichtig, die Massenmigration zu beenden, die Eigenheime zu erhalten und den Sanierungszwang und Heizungshammer rückgängig zu machen“, so Arndt. Ursachen für extreme Preissteigerungen sollen ebenso beseitigt werden wie die „Bevormundung durch die EU und die Frühsexualisierung von Kindern“. Im ganzen Wahlprogramm seien keine extremistischen oder undemokratischen Forderungen zu finden, so Arndt. Wie das alles umgesetzt werden soll, lässt sie offen.

Grünen Kreisverband fordert „Ruck“

„Das sind erschreckende Tendenzen, die wir mit Sorge betrachten“, sagt Karl-Heinz Altmann von den Grünen zu dem Zuwachs der AfD. Ihm sei es wichtig, Flagge zu zeigen und die eigenen Mitglieder einzubinden. „Es muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen“, so Altmann. Die etablierten Parteien dürften sich nicht länger wegducken, wenn von der AfD besetzte Themen auf den Tisch kämen.

„Wir müssen uns seriös mit den Problemen auseinandersetzen und Lösungen bieten“, betont Jens Beeck als FDP-Mitglied des Bundestages im ON-Gespräch. Die Reaktion der Menschen auf jüngste Vorschläge der Regierungsparteien würde zeigen, dass „man die Gesellschaft nicht an jedem Punkt treiben kann“. Stattdessen müsste Politik mehr hinhören und lernen, Inhalte zu transportieren. „Die Werte der AfD in den Umfragen sollen von vielen ein Warnschuss für alle anderen Parteien sein. Inhaltlich würden diejenigen aber das Gegenteil erreichen“, ergänzt die Auricher FDP-Politikerin Sarah Buss. Deshalb halte sie es für wichtig, die AfD-Vertreter nicht aus der Verantwortung zu entlassen, sondern mit ihnen zu diskutieren.

Arndt leugnet nicht, dass es in der AfD Vertreter wie Björn Höcke gibt, die klar rechtsgesinnte Meinungen vertreten. Doch sie sagt: „Selbst wenn es einige Exponenten der AfD gibt, die sich verbal missverständlich oder unmissverständlich falsch ausgedrückt haben im Sinne eines angenommenen undemokratischen Denkens, dann ist es völlig undemokratisch, eine ganze Partei dafür in Sippenhaft zu nehmen.“ Brandmauern gegen die AfD zu errichten, sei nicht länger möglich. Gerade auf kommunaler Ebene gehe es um praktische Lösungen für ganz konkrete Probleme vor Ort, so Arndt.

Ähnliche Artikel