Schon mehr als ein Jahr Umbau  Kaufleute ächzen wegen Großbaustelle

| | 11.08.2023 22:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Umbau ist in vollem Gange. Kaum Platz für Fußgänger ist vor den Türen der Geschäfte auf der Nordseite (links) der Fockenbollwerkstraße. Foto: Romuald Banik
Der Umbau ist in vollem Gange. Kaum Platz für Fußgänger ist vor den Türen der Geschäfte auf der Nordseite (links) der Fockenbollwerkstraße. Foto: Romuald Banik
Artikel teilen:

Einige Anlieger der Fockenbollwerkstraße ziehen erste Konsequenzen und verkürzen die Öffnungszeit oder schließen zeitweise ganz. Über Einbußen und Umstände klagen alle – bis zur Existenzgefährdung.

Aurich - Berliner-König Jens Höfeler macht den konsequentesten Schritt: Er schließt seinen Berliner-Verkauf bis zum Jahresende. Der Grund: die Umsatzeinbrüche und Umstände, die der Umbau der Fockenbollwerkstraße seit mehr als einem Jahr für ihn bringt. Einige andere Geschäftsleute links und rechts der sonst viel befahrenen Straße haben die Öffnungszeiten eingeschränkt, lange Betriebsferien gemacht oder versuchen zähneknirschend, die Baustellenphase zu überstehen.

Nur wenig Platz bleibt entlang den Geschäften für Fußgänger. Die Zugänglichkeit ist für Kunden sehr erschwert. Foto: Romuald Banik
Nur wenig Platz bleibt entlang den Geschäften für Fußgänger. Die Zugänglichkeit ist für Kunden sehr erschwert. Foto: Romuald Banik

Seit 15 Jahren backen und verkaufen Jens Höfeler und seine Frau Barbara nebenberuflich an den Wochenenden und Feiertagen Berliner und Co. Er habe zuletzt rund 50 Prozent weniger Kunden gehabt als normalerweise. Seit zwei Monaten habe sich die Lage so zugespitzt, dass er nun die Reißleine ziehe, so Höfeler. Seit Wochen könne er seine Backstube nicht mit dem Auto anfahren und müsse alle Zutaten mit der Sackkarre hinbringen. Wenn nun noch der Gehsteig wegfalle, „dann geht es nicht mehr“.

Unzufrieden mit Beschilderung und Kommunikation

Höfeler ist wie etliche andere Kaufleute sauer über die Organisation der Baustelle. Der Umbau der Straße dauere viel zu lange. Und es gebe absurde Entscheidungen. So wurden im Mai „Verbot-des-Durchgangs“-Schilder für Fußgänger und Radfahrer aufgestellt. Wer dann noch zur Bäckerei komme, verhalte sich ordnungswidrig, berichtete Höfeler mit einem Schnauben. Das schrecke die wenigen Kunden noch zusätzlich ab. Auch der Informationsfluss sei bei so vielen verantwortlichen Behörden und Firmen nicht befriedigend.

Die Geschäfte wirken geradezu abgeriegelt. Foto: Romuald Banik
Die Geschäfte wirken geradezu abgeriegelt. Foto: Romuald Banik

Nun seien erstmal bis Silvester Betriebsferien. Dann müsse man sehen, wie sich die Baustelle entwickelt habe. Wieder eröffnen will der Berliner-König auf jeden Fall wieder.

Gastronom: „Katastrophe hoch drei“

Als „Katastrophe hoch drei“ bezeichnet Ghambar Ali Mosalanezhad die Situation an der Fockenbollwerkstraße: „Und das ist schon geprahlt.“ Der Inhaber des Restaurants Romantico hat im Sommer vier Wochen Betriebsferien gemacht, weil es nach seiner Aussage keinen Sinn gehabt hätte zu öffnen. „Früher musste man Tage vorher bei uns reservieren, und jetzt habe ich an einem Freitagabend vier Tische besetzt“, seufzt er.

Seit mehr als einem Jahr rollen die Baumaschinen in der Straße. Zuletzt sei es am schlimmsten gewesen, sagt Mosalanezhad. Alle Zugänge zum Lokal von der Seite und von der Nicolaistraße seien dicht gewesen. „Ich habe 70 bis 80 Prozent vom Umsatz verloren.“ Und so gehe es noch rund ein Jahr weiter, fürchtet der Gastronom. Er müsse sieben oder acht Mitarbeiter bezahlen, auch wenn kaum Gäste kämen. Aber er wolle sein eingespieltes Team auch nicht verlieren. Deshalb gehe er seit einiger Zeit an seine Rücklagen. Anders sei diese Phase nicht zu überstehen.

Sarkasmus und Dank an Kunden

Leider habe die Stadt Aurich wenig Verständnis für die Nöte der Anlieger. Viele gute Worte hat Mosalanezhad für die Planer der Baumaßnahme von der Stadt und der Landesstraßenbaubehörde nicht übrig. Und das geht etlichen Selbstständigen in der Straße so.

An der Fockenbollwerkstraße gibt es fast auf ganzer Länger Geschäfte, Gastronomie oder Dienstleister. Einige sind aber schon zu Baustellenbeginn aus der Straße verschwunden. Foto: Romuald Banik
An der Fockenbollwerkstraße gibt es fast auf ganzer Länger Geschäfte, Gastronomie oder Dienstleister. Einige sind aber schon zu Baustellenbeginn aus der Straße verschwunden. Foto: Romuald Banik

Am Zaun der Zahnarztpraxis Aurich-dental hängt ein Schild: „Trotz Baustelle, trotz städtischer Fehlplanungen, trotz schwer nachvollziehbarer Straßenplanung, trotz langwieriger Einbahnstraßenregelung, trotz zweijähriger Bauphase für circa 500 Meter Straße, trotz Wegfalls der öffentlichen Parkplätze, trotz mehrfach wiederholter Verlängerung der Bauzeit möchten wir uns bei unseren Patienten herzlich bedanken für 100 Prozent Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Treue“, heißt es dort.

Sogar Lieferanten sind verunsichert

Pinar Eriel vom Kiosk am Ostertor klagt über mehr als 50 Prozent Umsatzverlust. „Die Leute können uns hier vorne sogar erreichen, aber sie wissen das nicht und bleiben weg.“ Sie habe neben der Laufkundschaft, die kaum noch komme, viel Stammkundschaft, die mit dem Auto komme. Die Baustelle verunsichere viele. „Ich habe für ältere Kunden auch schon das Auto wieder vom Parkplatz gefahren, weil sie sich nicht wieder raustrauten“, so die Unternehmerin.

Auch die Lieferanten seien verunsichert, so dass Ware manchmal gar nicht abgeliefert werde.

Der Berliner-König macht sehr lange Betriebsferien, kommt aber auf jeden Fall an die Fockenbollwerkstraße zurück, wie er sagt. Foto: Romuald Banik
Der Berliner-König macht sehr lange Betriebsferien, kommt aber auf jeden Fall an die Fockenbollwerkstraße zurück, wie er sagt. Foto: Romuald Banik

Eigentlich sei der Parkplatz nur für den Kiosk und das Restaurant im Eckhaus. „Aber hier parken jetzt die Kunden von allen anderen Geschäften, die nicht mehr zu erreichen sind“, so Eriel. In so einer Situation müsse man eben zusammenhalten.

Riesenumweg mit dem Trecker

Ebenso wenig wie die Kioskbetreiberin hat Heiko Vosberg von der Mühle Vosberg die Öffnungszeiten eingeschränkt. Auch er spürt einen Kundenrückgang von etwa 25 Prozent. „Die Laufkundschaft wie Urlauber, die uns im Vorbeifahren entdecken, ist komplett weg. Es kommen nur noch gute Stammkunden.“ Doch die kämen oft nach ihrem Feierabend vorbei, weshalb eine Verkürzung der Öffnungszeiten keine Option sei.

Vosberg berichtet von Kunden, die die Baustellendauer nur noch lächerlich fänden. Abgeladen werde der Frust dann bei den Mitarbeitern im Laden. Und für die Landwirte, die aus dem Westen Aurichs mit der Ernte kämen, sei ein Umweg von drei Kilometern auch nicht lustig. „Mit dem Trecker ist das schon ein Unterschied“, so der Müller.

Niederlande werden als Vorbild gesehen

Er zieht ebenso den Vergleich zum schnelleren Bauen in den Niederlanden wie Thomas Baier vom Bio-Laden. Beide haben kein Verständnis dafür, dass auf der Baustelle im Winter bei guter Witterung nicht durchgehend gearbeitet wurde und dass freitagmittags die Maschinen ausgeschaltet werden. „Gestern war eine niederländische Kundin im Laden, die vor einem Jahr schon da war und das gar nicht begreifen konnte“, so Baier. Auch ihm falle es schwer zu glauben, dass für rund 800 Meter Straße zwei Jahre nötig sei. Hinzu komme, dass sich immer wieder etwas an der Verkehrsführung ändere. Er sei sehr dankbar, dass die treuen Stammkunden das immer noch mitmachen.

Mit Ironie begegnet die Zahnarztpraxis Aurich-dental der Situation und dankt den Patienten fürs Durchhalten. Foto: Romuald Banik
Mit Ironie begegnet die Zahnarztpraxis Aurich-dental der Situation und dankt den Patienten fürs Durchhalten. Foto: Romuald Banik

Wie einige andere Anlieger geht Baier davon aus, dass die Arbeiten sich bis zum nächsten Sommer ziehen. Es gebe immer Verzögerungen, zuletzt durch das regnerische Wetter. Er habe zwar nun gerade angefangen, ein großes Straßenfest für die Zeit nach dem Umbau zu planen, aber zunächst einmal müssten alle bis dahin durchhalten. Er dringe immer wieder darauf, dass der Umbau schneller fertig werden müsse. „Für unseren Bereich hier vorne hat man die weitgehende Fertigstellung bis zur Weihnachtszeit in Aussicht gestellt“, so Baier. Das sei wichtig, damit er seine 14 Mitarbeiter halten könne.

Baier: „Man rechnet mit sehr spitzem Bleistift, um zu überleben“

Bisher habe er morgens und abends die Öffnungszeit um je eine halbe Stunde verkürzt. Beliefert werde er statt fünfmal nur noch dreimal pro Woche. Alle Kostenpositionen seien auf den Prüfstand gestellt worden. „Man rechnet mit sehr spitzem Bleistift, um zu überleben.“

Ähnliche Artikel

Auswirkungen der Baustelle spürt auch Silvia Redmers mit der Wäscherei und dem Brautmodengeschäft im benachbarten Mühlenweg. Es sei aber aushaltbar. Die Stammkunden hätten sich inzwischen an die Umwege gewöhnt, auch wenn sie nicht begeistert seien. Nur die auswärtigen Kunden, die etwas Schönes für die Hochzeit suchen, „die bestellen wir zu Rudnick und holen sie da ab. Sonst finden die uns nicht“.