Weiderinder-Haltung in Leer  Landkreis widerspricht Aussagen des Nabu-Chefs

| | 27.07.2023 22:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nabu-Landeschef Dr. Holger Buschmann äußerte sich am Mittwoch zu den Vorkommnissen auf dem Beweidungsprojekt Thedingaer Vorwerk. Fotos: Karin Böhmer
Nabu-Landeschef Dr. Holger Buschmann äußerte sich am Mittwoch zu den Vorkommnissen auf dem Beweidungsprojekt Thedingaer Vorwerk. Fotos: Karin Böhmer
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Laut Dr. Holger Buschmann waren fast alle Heckrinder im Mai in gutem Zustand. Der Kreis sieht das anders und konstatiert gravierende Managementprobleme. Von einem weiteren toten Pferd ist die Rede.

Leer - Nabu-Landeschef Dr. Holger Buschmann hat am Mittwoch Stellung zu den verstorbenen Tieren in den Nabu-Beweidungsprojekten Thedingaer Vorwerk und Coldam genommen. Dafür wehte ihm am Donnerstag deutlicher Gegenwind entgegen.

Der Leeraner Landtagsabgeordnete und Kreistagsmitglied Ulf Thiele (CDU) kritisiert, dass Buschmann die Schuld vom Nabu ablenke. Seine Ausreden seien unerträglich, so Thiele.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Ulf Thiele spricht von einem Tierhaltungsskandal. Foto: DPA
Der CDU-Landtagsabgeordnete Ulf Thiele spricht von einem Tierhaltungsskandal. Foto: DPA

Und der Landkreis Leer weist Vorwürfe des Nabu zurück. Während Buschmann sagt, es seien im Mai nur drei Jungrinder in keinem guten Ernährungszustand gewesen, der Rest der Herde aber schon, bleibt die Behörde bei ihrer deutlich anderen Einschätzung.

Fristverlängerung für Stellungnahme beantragt

Die Beweidungsprojekte mit Heckrindern und Wildpferden auf Flächen im Stadtgebiet von Leer sollen beendet werden. An diesem Ziel will der Landkreis trotz der Kritik des Nabu festhalten. „Die Erfahrungen der letzten Monate lassen aus Sicht des Landkreises nicht erwarten, dass eine dauerhaft verlässliche und tierschutzgerechte Versorgung und Betreuung der Tiere gewährleistet werden kann“, so die Bilanz des Landkreises.

Die Absicht, eine Anordnung zu erlassen, dass die Beweidungsprojekte bis zum 30. September beendet werden, sei dem Nabu schriftlich angekündigt worden. Dieser habe nun im Rahmen einer Anhörung die Möglichkeit, sich zu äußern. „Als Tierhalter steht er in der Pflicht, ein Konzept vorzulegen, wie eine Beendigung des Projektes ermöglicht werden kann. Eine offizielle Stellungnahme des Nabu liegt dem Landkreis bisher nicht vor, er hat Fristverlängerung beantragt“, so Landkreissprecher Philipp Koenen.

Landkreis: Hochgradiger Parasitenbefall und Mineralstoffmangel

Die Aussagen Buschmanns, dass Rinder und Pferde - bis auf drei Tiere - in einem guten Zustand gewesen seien, könne der Landkreis nicht bestätigen. „Die Rinder befanden sich überwiegend in einem schlechten Ernährungszustand. Die Untersuchung von verendeten Tieren sowie von Sammelkotproben ergaben einen hochgradigen Parasitenbefall und Mineralstoffmangel der Herden und bestätigten den schlechten Ernährungszustand“, so Koenen. Die seuchenrechtlich vorgesehenen Blutuntersuchungen seien nicht erfolgt. „Die Besatzdichte war und ist zu hoch. Bei den ersten Kontrollen konnten nicht einmal Angaben über die Anzahl der Tiere gemacht werden.“

Bei dem Pressetermin in dieser Woche wirkten die Heckrinder aus der Ferne gut genährt und entspannt. Foto: Karin Böhmer
Bei dem Pressetermin in dieser Woche wirkten die Heckrinder aus der Ferne gut genährt und entspannt. Foto: Karin Böhmer

Tägliche Inaugenscheinnahme, Dokumentation und eine zur Durchführung von Pflege- und Behandlungsmaßnahmen nötige Gewöhnung an Menschen sei nach dem Ausfall zweier Betreuer offensichtlich nicht mehr erfolgt, so Koenen.

Diese Betreuungspersonen hätten zuvor auf ihre Überlastung hingewiesen. „Die auf Anordnung benannten neuen Ansprechpartner haben weite Anfahrtswege und waren zum Teil nicht erreichbar und verweigerten anfänglich sogar die Mitwirkungspflicht“, heißt es vom Landkreis.

Laut Kreis wurde auch ein Pferd eingeschläfert

Bei den Pferden wurden mangelnde Hufpflege, Parasitenbefall sowie Mineralstoffmangel festgestellt. „Ein lahmendes Pferd musste per Ersatzvornahme erlöst werden, weil es den Verantwortlichen nicht gelang, dieses eigenständig und zeitnah zu organisieren“, so der Kreis. Auf der Fläche in Coldam gebe es zudem Pferde, die adipös seien. Ein Vorwurf, den Buschmann schon am Mittwoch als absurd zurückwies. Der Landkreis erhebe eine Reihe von unsinnigen Vorwürfen, die mit der Lebensweise der dedomestizierten Tiere nichts zu tun haben.

Der Kreis unterstreicht seine Vorwürfe zum Ablauf der Blutuntersuchung: Eine Amtstierärztin habe festgestellt, dass die in einer Fangaktion zusammengetriebenen Rinder, die nicht mehr an Menschen gewöhnt waren, unter diesem Stress zur Gefahr für sich selber und für andere wurden. Der Boden sei nicht nur glitschig gewesen, wie vom Nabu behauptet, sondern die Tiere hätten wadentief im Morast gestanden. Ein verletztes Kalb sei gerade nicht „sofort“ von einem Tierarzt in Augenschein genommen worden, da er nicht mehr vor Ort war. Es sei erst am nächsten Tag eingeschläfert worden. „Die Schilderung des Nabu beschreibt nicht annähernd die Situation, die tatsächlich vorgefunden wurde“, so Koenen.

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