Stellungnahme zu Beweidungsprojekten in Leer Nabu gibt Fehler zu und schießt gegen den Landkreis
Eigene Versäumnisse bei den Beweidungsprojekten waren laut Nabu-Landeschef nicht tierwohlgefährdend. „Ein Abschlachten“ hingegen wäre es, die Herden, wie vom Kreis gewünscht, kurzfristig aufzulösen.
Leer - Der Nabu-Landesverband und der Landkreis Leer liegen weit auseinander bei der Bewertung der Beweidungsprojekte in Tedingaer Vorwerk und Coldam. Wie berichtet, mussten in Thedigaer Vorwerk im Mai ein Kalb und ein Jungtier nach Verletzungen eingeschläfert werden. In Coldam steckten zwei Konik-Fohlen im Schlamm fest und kamen dort um.
Nabu-Landesvorsitzender Dr. Holger Buschmann äußerte sich am Mittwoch in einer Pressekonferenz erstmals selbst zu den Vorkommnissen. Er räumte Fehler des Nabu ein. Diese seien aber allesamt nicht tierwohlgefährdend gewesen, so der Biologe. Er dreht den Spieß nun um und wirft dem Landkreis Leer vor, falsche Angaben über den damaligen Zustand der Herde zu machen und Anordnungen zu treffen, die nicht in der vorgegebenen Zeit erfüllbar seien.
Nabu-Chef spricht von Tierquälerei, die der Landkreis fordere
Besonders empört ist Buschmann über die Aussage des Landkreises, dass die Beweidungsprojekte in Thedingaer Vorwerk und in Coldam zum 30. September zu beenden seien. Darüber sei der Nabu zunächst durch die Medien und dann durch eine Anhörung informiert worden. Sollte es nach Abschluss der Anhörung, in der der Nabu zunächst seine Argumente darlegen darf, eine entsprechende Anordnung geben, werde der Nabu dagegen eine gerichtliche Eilentscheidung anstreben, so Buschmann.
Andernfalls komme es auf den Beweidungsprojekten zu „einem Abschlachten der Tiere“, sogar trächtiger Kühe. „Das ist Tierquälerei. Da machen wir nicht mit. Das soll der Landkreis selber machen“, schimpfte Buschmann: „Dazu kriegt mich kein Mensch.“
Zwei Betreuer fielen im Winter aus
Der Nabu-Vorsitzende räumte einige Versäumnisse ein. Es sei – und der Landesverband wisse nicht, warum – tatsächlich versäumt worden, im Jahr 2022 Blutuntersuchungen an den Tieren vorzunehmen und den Mist auf dem Versorgungsplatz abzuschieben. Die Tierdichte sei inzwischen zu hoch, sodass seit Längerem zugefüttert werden müsse. Das sei nicht im Sinne des Projekts, das eigentlich vorsieht, dass Heckrinder und Koniks ganzjährig ohne konstante Zufütterung auskommen.
Und es seien derzeit zu viele Bullen in der Herde, so Buschmann. Die Gründe dafür kenne der Nabu-Landesverband ebenfalls nicht, denn die Verantwortung für die Beweidungsprojekte lag bei der „Landschaftspflege und Naturerlebnis Ostfriesland gGmbH“ (Luno), einer 100-prozentigen Nabu-Tochter. Als einer der Tierbetreuer im Winter verstorben und ein weiterer erkrankt sei, sei die Betreuung des Beweidungsprojekts am Thedingaer Vorwerk schwierig geworden.
Buschmann: Drei Jungtiere erkennbar struppig, der Rest in gutem Zustand
All die genannten Versäumnisse hätten die Tiergesundheit aber nicht gefährdet, sagte Buschmann. Die Tiere seien ausreichend versorgt worden. Nur drei Jungtiere seien im Frühjahr erkennbar struppig gewesen, was auf Parasitenbefall oder unzureichende Versorgung hindeuten könnte. Zwei dieser Jungtiere seien inzwischen tot, das dritte wohlauf in der Herde.
Die fünf toten Tiere
Ein Kalb sei nach dem Abbruch der Blutentnahme am 10. Mai allem Anschein nach niedergetrampelt worden, sagte Dr. Holger Buschmann. Es sei eine Nacht lang beobachtet und dann eingeschläfert worden. Ein nicht gut genährt wirkendes Jungrind sei am 21. Mai am Bein verletzt auf der Weide entdeckt und ebenfalls eingeschläfert worden. Ein weiteres nicht gut genährt wirkendes Jungrind sei zum Aufpäppeln auf den Woldenhof gebracht, wegen seines schlechten Zustandes aber auch eingeschläfert worden. Zwei Konik-Fohlen seien Anfang Mai außerhalb der normalerweise genutzten Bereiche im Schlamm steckend tot aufgefunden worden. Am Tag zuvor seien sie wohlauf gewesen. Der Nabu hat dafür keine Erklärung und vermutet, dass die Tiere durch Drohnen aufgeschreckt worden sein könnten.
Am Tod von insgesamt fünf Tieren trage der Nabu keine Schuld. Das Tiere sich verletzt hätten, liege an an unglücklichen Umständen. Oder es sei vielleicht sogar von Dritten verschuldet, die die Herde mit Drohnen erschreckt hätten, meint Buschmann. Wenn der Landkreis sage, dass die Herde insgesamt in einem schlechten Ernährungszustand gewesen sei, stimme das nicht. Die Tiere seien regelmäßig zugefüttert und mit Wasser versorgt worden.
Laut Buschmann habe der Nabu schon länger vor, die Heckrind-Haltung einzustellen. Um dies tierschutzgerecht umsetzen zu können, sei jedoch ein Zeitrahmen von etwa zwei bis drei Jahren nötig.
Empört über einige Anordnungen und Fristsetzungen
Der Nabu-Vorsitzende zeigte sich von mehreren Anordnungen des Landkreises sowie Zwangsgeldandrohungen empört: „Ich bin unfassbar sauer darüber.“ Fristen würden so knapp gesetzt, dass eine Umsetzung unmöglich sei. Zudem gebe es Widersprüche zwischen den Forderungen unterschiedlicher Ämter. Deswegen habe der Nabu in drei Fällen Klage eingereicht.
Der Landkreis äußerte sich am Mittwoch nicht zu allen Vorwürfen, widersprach auf ON-Nachfrage Buschmanns Aussagen aber in Teilen. Zum einen sei nicht angeordnet worden, dass die Beweidung zum 30. September enden soll. Der Kreis habe diese Vorstellung geäußert und der Nabu nun Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen. Dann werde eine Entscheidung getroffen.
Landkreis bleibt bei seiner Einschätzung
Zum Zustand der Tiere im Mai teilte Landkreissprecher Philipp Koenen Folgendes mit: „Die Tiere sind derart scheu, dass man oftmals nicht nah genug herankommen kann, um den Ernährungszustand gut beurteilen zu können. Der Einsatz von Ferngläsern ermöglicht eine etwas bessere Beurteilung. Eine Begutachtung aus der Nähe fand aber durch die Amtstierärztin statt, als bei der missglückten Fangaktion zur Blutuntersuchung im Mai die Heckrinder zusammengetrieben in der Fangvorrichtung liefen. Und dort zeigte sich, dass der Großteil der Tiere in einem schlechten Ernährungs- und Pflegezustand war. Zudem lagen unzumutbare Haltungsbedingungen vor, sowohl was den Zustand der Weiden und der Unterstände betraf, als auch die Versorgung der Tiere. Dies führte zu entsprechenden Anordnungen des Veterinäramtes.
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Kritisch sei aus Sicht des Kreises „der hochgradige Verwurmungszustand der Tiere. Ein weiteres Tier wurde am 7. Mai aus der Herde vom Tierhalter separiert; es war in einem sehr schlechten Ernährungs- und Pflegezustand, was zuvor trotz Begutachtung der Herde mittels Fernglas wiederholt nicht aufgefallen war. Somit kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich weitere Tiere in der Herde befinden, die in einem kritischen Ernährungs- und Pflegezustand sind.“