Wohnblöcke in Aurich Rauswurf für alle – 36 Mietparteien müssen sich neue Bleibe suchen
Zwei Wohnblöcke im Auricher Lerchenweg werden vom Eigentümer geräumt. Alle Bewohner müssen sich neue Bleiben suchen. Für Ärger sorgen Müll und hohe Nebenkostenabrechnungen.
Aurich - Zwei Mietshäuser mit insgesamt 36 Parteien im Lerchenweg haben eines gemeinsam: Alle Mieter haben Anfang März die Kündigung erhalten. Zum 31. August müssen alle Bewohner die Gebäude verlassen haben. Denn am 1. September, so heißt es in einem Erinnerungsbrief der Schomaker Immobilien (Dörpen), werden die Heizung sowie alle Versorgungsleitungen abgeschaltet.
Schockiert von der Nachricht ist das Ehepaar Mutiaa Jlilati und Abdulnaser Kurd. Seit dreieinhalb Jahren leben die beiden Syrer in der Wohnung. Sie kamen vor einigen Jahren nach Deutschland, nachdem ihr Sohn Jamal Kurd bereits 2015 aus Syrien geflohen war. Im Gegensatz zu seinen Eltern spricht er Deutsch, übersetzt für sie beim ON-Termin.
Außenbereich ist total vermüllt
Eine neue Wohnung hat das Ehepaar noch nicht gefunden in Aurich. In seiner Heimat in Syrien war Abdulnaser Kurd selbstständiger Metallbauer. In Deutschland ist ihm davon nichts geblieben. Er ist schwer erkrankt und auf Bürgergeld angewiesen. „Und es gibt keine Wohnungen in Aurich“, sagt sein Sohn. Zu dieser Not hinzu kämen die hohen Nebenkostenabrechnungen vor allem für die Pflege der Außenanlagen, die seine Eltern nun bezahlen sollen.
Wer sich das Gelände rund um die beiden Mietshäuser im Lerchenweg anschaut, versteht nicht, wie die Kosten für die Pflege des Bereichs um 140 Prozent steigen konnten von 2021 bis 2022. Sperrmüll, hohes Gras, umgekippte Mülltonnen – dort wurde schon lange nichts mehr getan.
Bewohner verschwinden über Nacht
Das bestätigt Eike Beitz, Sprecher von Schomaker Immobilien, auf ON-Anfrage. Vor rund vier Monaten sei die Pflege der Außenanlagen eingestellt worden, weil am 1. September die Kernsanierung der beiden Gebäude beginnen soll. Im vorigen Jahr allerdings seien die Kosten für die Pflege der beiden Grundstücke explosionsartig gestiegen. Einige Mieter hätten ihren Müll einfach auf dem Grundstück entsorgt. Es habe Bewohner gegeben, die über Nacht verschwunden seien und Messie-Wohnungen zurückgelassen hätten. „Die Reinigung des Grundstücks kostet Geld“, so Beitz. Kosten, die auf die übrigen Mieter umgelegt worden sind.
Laut Beitz hat bereits die Hälfte der 36 Mietparteien die Häuser verlassen. Renoviert werden müssten die Wohnungen nicht mehr, auch wenn das im Mietvertrag so stehe. Denn alles soll saniert werden. Da müsse vorher nicht mehr gestrichen werden. Das Immobilienunternehmen erwarte aber, dass die Wohnungen besenrein übergeben werden. Denn eine Entrümpelung koste schnell 1000 Euro.
Bewohner können sich Anwälte nicht leisten
Im Grunde werden von den beiden Gebäuden laut Beitz nur die Grundmauern stehenbleiben. Das Dach wird erneuert, die Heizungen sollen durch zentrale Wärmepumpen und ein Nahwärmenetz ersetzt werden. Alle Wohnungen erhalten Fußbodenheizungen, die Mauern werden gedämmt. Auch die Stromleitungen werden herausgenommen und auf den neuesten Stand gebracht. Schließlich werden die Bäder in den Wohnungen etwas größer, wenngleich die Grundrisse ansonsten nicht angetastet werden sollen.
„Die Menschen hier sind frustriert“, sagt Jamal Kurd. Seine Eltern würden keinen Müll in die Außenanlagen werfen, sie hinterließen ihren Sperrmüll nicht auf den Rasenflächen. „Und trotzdem sollen sie dafür zahlen.“ Wehren können sich die meisten seiner Meinung nach nicht. Denn einen Anwalt könne sich kaum jemand leisten. Die Steigerung bei den Ausgaben für die Pflege des Außenbereichs sei ja nur ein Posten. Insgesamt seien die Nebenkostenabrechnungen im vorigen Jahr um 41 Prozent gestiegen, so Jamal Kurd. Er zeigt einen umfangreichen Schriftwechsel mit Schomaker Immobilien. Meist sei die Kontaktaufnahme eher einseitig. Es sei schwer, bei dem Dörpener Unternehmen jemanden zu erreichen.
Hälfte der Bewohner ist schon ausgezogen
Schomaker hat die Gebäude erst vor zwei Jahren erworben. Davor, so Jamal Kurd, habe es einen festen Hausmeister gegeben, der ansprechbar gewesen sei. Probleme seien schnell beseitigt worden. Die Zeiten seien vorbei. Im Winter hätten seine Eltern monatelang ohne Heizung auskommen müssen. „Sie schreiben nur Rechnungen.“ Und wer eine detaillierte Nebenkostenabrechnung haben wolle, müsse dafür noch 30 Euro Gebühren bezahlen.
Jetzt müssen zunächst neue Wohnungen gefunden werden. Laut Eike Beitz hat Schomaker selbst in Aurich keine freien Wohnungen. „Aber wir haben mit Inhabern anderer Wohnblöcke Kontakt aufgenommen, ob es dort Kapazitäten gibt.“ Die Kontaktdaten habe man an die Mieter im Lerchenweg weitergegeben. Es werde beim Auszug auch nicht auf Kündigungsfristen geschaut, so Beitz. Die Mieter könnten jederzeit ausziehen. Eine Aussage, die Mutiaa Jlilati und Abdulnaser Kurd momentan auch nicht hilft.
Niedergang seit den 1990er-Jahren
Mehr Erfolg auf dem Wohnungsmarkt hatten einige andere Mieter. Ein Ehepaar, das schon Jahrzehnte in der Wohnanlage lebt, kann kurz vor dem offiziellen Auszugstermin eine andere Wohnung beziehen. Diese habe einen eigenen Eingang, zählt die Mieterin als wichtigen Plus-Punkt auf. Sie sei allerdings auch deutlich kleiner, weshalb nun die Reduzierung des Hausstandes anstehe – unfreiwillig.
Zu Beginn hätten sie und ihr Mann gerne dort gelebt, sagt die Mieterin. Es gebe viele Vorteile: Die Nähe zum Ems-Jade-Kanal, der kurze Weg in die Stadt. Doch ab den 1990er-Jahren habe sich die Wohnumgebung nach und nach verschlechtert. Seit einigen Monaten sei es aber ganz schlimm. Überall liege Müll verstreut. Haustüren seien aufgebrochen. Einige Mieter hätten ihre Wohnung ohne Ausräumen zurückgelassen und nicht mal die Tür hinter sich geschlossen. Inzwischen fällt es dem Ehepaar nach eigenen Angaben nicht mehr so schwer, die gewohnte Umgebung und das jahrelange Zuhause zu verlassen.
Eine andere alleinstehende Mieterin hat ebenfalls recht schnell nach der Kündigung eine neue Wohnung für sich gefunden. Auch sie erzählt von dem langwierigen Heizungsausfall zu Beginn des Jahres: „Das sollte den Abschied wohl erleichtern.“ Sie weiß aber auch von Familien mit Kindern, denen die Suche nach einer neuen Wohnung gar nicht so leicht falle.