Zwei tote Kälber in Leer Landwirte üben scharfe Kritik am Nabu
Am Thedingaer Vorwerk sind Heckrindkälber in einem Beweidungsprojekt zu Tode gekommen. Der Nabu steht in der Kritik. Der Landkreis widerspricht den Aussagen des Nabu zum Vorfall und macht Auflagen.
Wiegboldsbur/Thedingaer Vorwerk - Der Naturschutzbund (Nabu) Niedersachsen muss sich Kritik von mehreren seiten gefallen lassen. Zwei junge Rinder, die auf seinen Weiden gehalten wurden, mussten in den vergangenen Tagen eingeschläfert werden. Sie gehören zum Beweidungsprojekt am Thedingaer Vorwerk, das vom Team des Nabu-Woldenhofes in Wiegboldsbur betreut wird.
Zwei Rinder mussten auf Nabu-Weiden eingeschläfert werden
Heckrinder-Weideprojekte des Nabu in Leer vor dem Aus
Nabu gibt Fehler zu und schießt gegen den Landkreis
Nach Angaben des Landkreises Leer geht es „um ein junges Rind, das aufgrund von Verletzungen vor Kurzem eingeschläfert werden musste, und um ein weiteres verletztes Jungtier, das am Montag auf der Weide Thedingaer Vorwerk in Leer getötet werden musste, um es von seinem Leiden zu erlösen“. Das am Montag getötete Rind wird in der Tierpathologie des Niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) in Oldenburg untersucht.
Bilder wurden dem Friesischen Verband für Naturschutz zugespielt
Auf dem Videoportal Youtube hat der Tierarzt Dr. Hansjörg Heeren mit Bezug zu den Vorfällen ein Video hochgeladen. Es zeigt schwer erträgliche Aufnahmen. Ein stark lahmendes Rind ist zu sehen. Und auch ein Jungtier, das in der Nähe von Futter über längere Zeit mit den Beinen im Schlamm feststeckt und am Ende entkräftet und unbeweglich im Matsch liegt.
Heeren ist Vorsitzender des Friesischen Verbands für Naturschutz und ökologische Jagd (FVNJ). Die Aufnahmen seien dem Verband von Menschen aus der Umgebung der Weiden zugespielt worden, sagte er den ON.
Der FVNJ habe sie zu einem Video zusammengeschnitten und die schrecklichen Bilder mit den Naturschutz-Zielen kontrastiert, die der Nabu immer ausgebe, so Heeren. Er sei selbst an der Weide vorbeigefahren, ohne sie zu betreten. Die Bilder seien authentisch, da sei er sich sicher.
Sein Stellvertreter Hero Schulte habe zweimal die Zustände an die Polizei gemeldet. Es sei aber keine Anzeige aufgenommen worden. Inzwischen formuliere ein Anwalt für den FVNJ eine Anzeige gegen Dr. Holger Buschmann, den Vorsitzenden des Nabu Niedersachsen und Verantwortlichen bei der „Landschaftspflege und Naturerlebnis Ostfriesland gGmbH“, die die Beweidungsprojekte betreut.
Heeren: „Der Bonus ,Wir haben das nicht gewusst‘ gilt heute nicht mehr“
Als Tierarzt sehe er auf dem Video Tiere, die stark leiden oder sogar im Sterben liegen. Er könne nicht verstehen, dass der Nabu als großer und finanzstarker Naturschutzverband solche Zustände zulassen könne, sagte Heeren.
Der Nabu könne sich nicht mit Personalproblemen herausreden. Die Stelle des früheren Woldenhof-Geschäftsführers Uwe Betten, der die Beweidungsprojekte im Griff gehabt habe und im Februar gekündigt habe, hätte längst mit einem landwirtschaftlichen Fachmann besetzt werden müssen, so Heeren.
Der Nabu habe 2007/2008 schon eine Katastrophe produziert, als im regnerischen Frühjahr rund ein Dutzend der 60 Rinder infolge von Mangelernährung und schlechten Haltungsbedingungen qualvoll umkam – ein Ereignis, das dem Nabu bis heute nachhängt. „Der Bonus ,Wir haben das nicht gewusst‘ gilt heute nicht mehr“, so Heeren.
Vertreter des LHV schockiert über die Bilder
Kritik übt auch der Landwirtschaftliche Hauptverein (LHV) Ostfriesland: Tierhaltung sei „Verantwortung non Stop“. LHV-Präsident und Landwirt Manfred Tannen und der Vorsitzende des LHV-Kreisverbandes Leer Klaus Borde zeigten sich schockiert. Borde kritisierte, dass die gemeinschaftlichen Besichtigungstermine mit LHV-Vertretern in den Tierhaltungsarealen des Nabu, der der Landkreis Leer nach 2008 regelmäßig veranlasst habe, in den vergangenen Jahren leider ausgeblieben seien.
„Neben dem moralischen Anspruch unterliegt Tierhaltung gesetzlichen Verpflichtungen“, mahnt Tannen. Dazu gehörten neben Haltungsbedingungen auch Kennzeichnungspflichten der Tiere mit Ohrmarken.
Tannen wirft dem Nabu Doppelmoral vor
Die Verantwortlichen müssten für das Tierleid zur Rechenschaft gezogen werden. Dies sei nun Aufgabe der Veterinärbehörde des zuständigen Landkreises. Der LHV wolle unter anderem an der Kooperation mit dem Nabu beim Niedersächsischen Weg festhalten.
Nicht jede Fläche eigne sich jedoch für eine ganzjährige Beweidung. „Einerseits eine Transformation der Landwirtschaft lautstark zu fordern und anderseits den eigenen, gesetzlich wie auch ethisch begründeten Verpflichtungen nicht nachzukommen, kann einen schon fassungslos machen“, schimpft Tannen.
Nabu will Tierbestand reduzieren
Der Nabu Niedersachsen hat auf seiner Internetseite eine Stellungnahme veröffentlicht. „Wir bedauern die Verletzung zweier Rinder auf vom Nabu gepachteten Flächen im Landkreis Leer. Die Heckrinder mussten aufgrund der Schwere ihrer Verletzung getötet werden“, heißt es da. Der schlechte Zustand der Tiere wird dort mit einer Blutuntersuchung in Verbindung gebracht.
Es handele sich um „bedauerliche Einzelfälle, die aus unserer Sicht auf die missglückte Blutentnahmemaßnahme und schlechten Witterungsbedingungen zurückzuführen sind. Aufgrund krankheitsbedingter Personalausfälle sind wir um Aufstockung der Betreuung bemüht und suchen bereits seit Längerem nach weiteren Mitarbeitenden und Tierbetreuer*innen.“ Eine erste landwirtschaftliche Kraft beginne im Juni. Zudem kündigte der Nabu eine Reduzierung des Heckrinderbestandes an.
Nabu berichtet von Kooperation mit Veterinäramt bei Aktion
Der Nabu schreibt auf der Internetseite, dass in Zusammenarbeit von Veterinäramt und Nabu die Rinder und Kälber am 10. Mai für routinemäßige Blutuntersuchungen zusammengetrieben worden seien. Der Boden sei sehr aufgeweicht gewesen, das Veterinäramt habe dann den Abbruch der Untersuchung angeordnet.
Das erste Kalb sei beim Zusammentreiben wahrscheinlich von anderen Tieren verletzt worden. „Mitarbeitende von Veterinäramt und Nabu sowie Tierarzt waren vor Ort und hatten unmittelbar Kenntnis von diesem Ereignis. Der Zustand des Tieres sei zunächst beobachtet worden und am nächsten Tag ein Tierarzt mit der Einschläferung beauftragt worden.
Landkreis widerspricht der Darstellung des Nabu
Dieser Darstellung widerspricht der Landkreis Leer deutlich: Der Nabu habe sich im April an das Leeraner Veterinäramt gewandt, unter anderem wegen einer noch ausstehenden Blutuntersuchung der Heckrinder. Das Veterinäramt habe die Untersuchung daraufhin angeordnet und eine Frist gesetzt. Es sei vereinbart worden, dass der Nabu der Behörde den genauen Termin vorher ankündigt – dies sei aber nicht geschehen.
Bei der nicht angekündigten Untersuchung am 10. Mai sei es zu so gravierenden Problemen gekommen, dass der damit beauftragte praktizierende Tierarzt das Veterinäramt informiert habe, so Landkreissprecher Philipp Koenen. Eine Amtstierärztin stoppte dann die Aktion. Vor Ort seien weitere Probleme erkannt worden, wie eine mangelnde Kennzeichnung von Tieren. Zu diesem Zeitpunkt habe die Veterinärin aber keinerlei Kenntnis von dem verletzten Tier gehabt. Dies sei erst später gemeldet worden.
Weitere Hinweise gehen ein
Am Montag dieser Woche sei beim Veterinäramt noch der Hinweis eingegangen, dass sich auf der Weidefläche ein lahmendes Jungrind befinde. Eine Amtstierärztin habe noch am selben Tag vor Ort festgestellt, dass auch dieses Tier verletzt war. Es musste ebenfalls getötet werden.
Der Landkreis sei der Auffassung, dass die Heckrinderhaltung unter den gegenwärtigen Umständen nicht möglich ist, die angeordneten Maßnahmen sind vom Nabu sofort umzusetzen. „Es werden daher engmaschige amtliche Kontrollen erfolgen“, so Koenen.
Diese Auflagen macht der Kreis Leer nun
Der Nabu muss verantwortliche Betreuer für die Rinder- und Pferdehaltung auf der Weidefläche benennen. Es müssen Nachweise vorgelegt werden über Kotuntersuchungen auf Parasiten, tierärztliche Behandlungen und ein Konzept für die Haltung. Der Nabu muss die Kontrollen verbessern und zweimal täglich nach den Tieren auf der Weide sehen. Die Beobachtung erfolgt von einem Traktor aus, um möglichst nahe und gefahrlos an die Tiere heranzukommen. Die Tiere sind so stark verwildert, dass eine Annäherung laut Landkreis Leer für Menschen nicht ohne Gefahr ist. Durch Zufütterung mit schmackhaftem Futter sollen die Tiere wieder daran gewöhnt werden, Menschen näher an sich heranzulassen. Auch muss Tränkewasser zur Verfügung gestellt werden.
Die fehlende Kennzeichnung von Tieren sowie ausstehende Untersuchungen nach Tierseuchenrecht stellen Ordnungswidrigkeiten dar. Diese würden nun auch verfolgt, so der Sprecher. Im Veterinäramt gingen zahlreiche Hinweise zu der Beweidung mit Heckrindern ein. Diese würden nun ausgewertet.