Ostfriesische Geschichte  Von einem betrunkenen Middelser Pastor – und den ersten Gaswerken

| | 10.05.2023 10:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Herausgeber mit dem neuen „Emder Jahrbuch“ (von links). Dr. Michael Hermann (Landesarchiv), Dr. Klaas-Dieter Voß (Doornkaat-Stiftung), Johannes Berg („1820-Die Kunst“), Dr. Paul Weßels (Landschaftsbibliothek) und Dr. Matthias Stenger (Landschaftsdirektor).Foto: privat
Die Herausgeber mit dem neuen „Emder Jahrbuch“ (von links). Dr. Michael Hermann (Landesarchiv), Dr. Klaas-Dieter Voß (Doornkaat-Stiftung), Johannes Berg („1820-Die Kunst“), Dr. Paul Weßels (Landschaftsbibliothek) und Dr. Matthias Stenger (Landschaftsdirektor).Foto: privat
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Seit 1872 gibt es das „Emder Jahrbuch“ mit aktuellen Berichten zur Geschichtsforschung. Diesmal gibt es mehrere Beiträge von Jungwissenschaftlern, auch aus den Niederlanden.

Aurich - Durch Trunkenheit, Gewalttätigkeit, Sittenlosigkeit und Vernachlässigung seiner Dienstpflichten fiel im 18. Jahrhundert der Pastor Erich Fridrich Bierhaus in Aurich-Middels auf. Mit seinem Fall beschäftigt sich der Jungwissenschaftler Jens Windorf in einem Beitrag zum neuen „Emder Jahrbuch“ mit aktuellen Beiträgen zur ostfriesischen Geschichte. Windorf berichtet über „deviantes Verhalten bei ostfriesischen Geistlichen im 18. Jahrhundert“. Das öffentliche Abreißen ausgehängter fürstlicher Dekrete führte beim Middelser Pastor schließlich zu einer Untersuchung. Die entsprechende Akte, die im Niedersächsischen Landesarchiv in Aurich liegt, hat Forscher Windorf ausgewertet – eine von etwa 200 Gerichtsakten, die sich vom 17. bis ins 18. Jahrhundert mit deviantem Verhalten ostfriesischer Pastoren beschäftigt haben.

Ein vergessenes Kapitel regionaler Wirtschaftsgeschichte behandelt der Leiter der Auricher Landschaftsbibliothek, Dr. Paul Weßels, in seinem Beitrag über die Gaswerke in Ostfriesland. Er zeigt, wie die ostfriesischen Hafenstädte Leer und Emden 1860/61 bereits früh über Gaswerke verfügten, während zum Beispiel in Aurich erst ab 1900 die ersten Gaslaternen brannten.

Gaswerke hielten sich bis in 1970er-Jahre

Parallel erfolgte ab den 1890er Jahren die Elektrifizierung Ostfrieslands, insbesondere über das 1907/09 errichtete Torfkraftwerk Wiesmoor. Allerdings konnten beide Energieangebote nebeneinander existieren, weil sich der Bedarf stark vergrößerte. Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Gaswerke profitabel arbeiten. Erst mit der Perspektive einer flächendeckenden Gasversorgung über Rohrnetze wurden sie bis Ende der 1970er Jahre stillgelegt.

Eingeleitet wird das neue „Emder Jahrbuch“ von zwei Doktoranden der Reichsuniversität Groningen, die seit 2021 am deutsch-niederländischen Forschungsprojekt „Grenzgänger im Nordwesten“ arbeiten. Darin werden die Alltagsmigration aus den Niederlanden, aber auch der grenzüberschreitende Einfluss der niederländischen Sprache untersucht.

Meggy Lennaerts befasst sich mit der Grenzgemeinde Bunderneuland zwischen 1600 und 1800 und stellt dar, wie die Einwohner, die hauptsächlich aus den Niederlanden stammten, immer wieder niederländische Behörden in Anspruch nahmen, obwohl das Gebiet in die ostfriesische Gerichtsbarkeit fiel.

Bericht über Kulturraub der Emder Nazis

Einen sprachwissenschaftlichen Ansatz verfolgt Gijs Altena, der das Leben des Pastors Reinhard Rahusen (1735-1793) als „mennonitischer Grenzgänger im multilingualen Ostfriesland“ behandelt. Rahusen, der lange in Leer gelebt und gewirkt hatte, nutzt wie selbstverständlich sowohl die niederländische als auch die deutsche Sprache und trat so als Vermittler auf.

Ein weiterer Beitrag mit dem Titel „Judensachen aus Holland…“ von Georg Kö befasst sich mit der Geschichte des Kulturgutraubes im nationalsozialistischen Emden. Er identifiziert die Hauptakteure des Otto Rink, Menso Folkerts und Oberbürgermeister Carl Renken, die nach 1945 nicht zur Rechenschaft gezogen wurden.

Mit der baulichen Entwicklung der Emder Stadtviertel Klein-Faldern und Groß-Faldern nach dem Zweiten Weltkrieg befasst sich Aiko Schmidt vom Ostfriesischen Landesmuseum.

Cornelia Ibbeken berichtet zusammen mit Reinold Joosten über Flurnamen zu Bergen und Warfen in Ostfriesland.

Nachruf auf herausragenden Geschichtsschreiber

Darüber hinaus werden neun aktuelle Bücher zur Geschichte Ostfrieslands ausführlich besprochen.

Im Jahrbuch findet sich zudem ein Nachruf auf Prof. Dr. Heinrich Schmidt, der am 27. Juni 2022 verstorben ist und nach Angaben der Herausgeber als „der“ herausragende ostfriesische Geschichtsschreiber des 20. Jahrhunderts angesehen werden kann.

Redigiert und lektoriert wurden die Beiträge von Dr. Michael Hermann (Landesarchiv) und Dr. Paul Weßels (Landschaftsbibliothek), unterstützt durch Dr. Regina Grünert.

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