Protest in Aurich  200 Demonstranten prangerten Gleichgültigkeit gegen Tierleid an

| | 30.04.2023 08:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Der Demonstrationszug setzte sich um 11 Uhr in Bewegung. Foto: Karin Böhmer
Der Demonstrationszug setzte sich um 11 Uhr in Bewegung. Foto: Karin Böhmer
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Tierschutz-Gruppen zogen lautstark über Aurichs Straßen und kritisierten den Transport von Tieren in Länder außerhalb der EU. Züchter, Veterinäre, Politiker und Verbraucher bekamen ihr Fett weg.

Aurich - Ein Jahr nach der ersten großen Tierschutzdemo in Aurich gingen am Sonnabend erneut mehrere Vereine und Verbände auf die Straße, um gegen Tiertransporte über weite Strecken und den Export von Tieren in Länder außerhalb der EU zu protestieren. Mehrere Tausend tragende Rinder werden jährlich von Aurich aus in Staaten wie Marokko und Ägypten exportiert.

VOST und Landkreis berufen sich auf Einhaltung der Vorgaben

Während die Tierschutzvereine die Qualen der Tiere auf den Transporten und an den Bestimmungsorten in dunkelsten Farben ausmalen, hat der VOST wiederholt betont, dass alle Transporte nach geltenden Standards abgefertigt werden. Die Transporte würden gründlich dokumentiert und die Bedingungen auf den Touren technisch überwacht. Gerade die Exporteure hätten ein Interesse daran, dass die Tiere wohlbehalten ans Ziel kämen. Verantwortung für alles weitere am Zielort habe der VOST nicht.

Die Kreisverwaltung teilte auf ON-Nachfrage erneut mit, dass kein Handlungsspielraum besteht: „Der Landkreis als zuständige Aufsichtsbehörde hat die Planung dieser Transporte vor Abfertigung zu kontrollieren. Sollten alle Voraussetzungen erfüllt sein, müssen entsprechende Transporte auch genehmigt werden. Dem Landkreis Aurich bleibt in dieser Entscheidung kein Ermessensspielraum und durch eine Nichtgenehmigung genehmigungspflichtiger Transporte entstünden daraus Schadensersatzansprüche an den Landkreis.“

Der Verein ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST) der die Transporte abfertigt, sprach im vergangenen Jahr von rund 8000 bis 10.000 Zuchtrindern, die pro Jahr ins EU-Ausland wie das nördliche Afrika oder Russland exportiert werden. Im vergangenen Jahr waren es - wohl bedingt durch den Ausbruch des Krieges in der Ukraine - 91 Transporte mit gut 3000 Tieren, die vor allem nach Marokko, aber auch nach Ägypten und Großbritannien verbracht wurden.

Kritik an Bundesregierung für Zögern beim nationalen Verbot

Der VOST und der Landkreis Aurich, der die Transporte genehmigt, mussten die meiste Kritik der Demonstranten einstecken. Aber auch die Verbraucher bekamen ihr Fett weg. Denn ihr Einkaufs- und Ernährungsverhalten trage entscheidend zur Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion bei, so die Demonstranten. Unter anderem die Organisatoren des Protestzuges, der Verein „Ostfriesen gegen Tierleid“, klagte auch die Konsumenten an, weil sie durch den Konsum von Milch und Milchprodukten auch „unendliches Tierleid“ verursachen würden. Tieren, die sich nicht wehren könnten, eine Stimme zu geben, sei Ziel der Demonstranten.

Die Demonstranten hatten zahlreiche Plakate dabei. Foto: Karin Böhmer
Die Demonstranten hatten zahlreiche Plakate dabei. Foto: Karin Böhmer

Nicht zuletzt gab es auch Kritik an der Politik. Die Bundesregierung weigere sich, einem nationalen Exportstopp, wie es Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) anschieben wollte, zuzustimmen. Der Grund: Solange es andere Staaten gebe, deren Gesetze dies erlauben, könnten deutsche Verbote leicht umgangen werden. „Wir sind nicht damit einverstanden, dass seitens der EU und der Bundesregierung nicht gegen den Export eingeschritten wird“, sagte eine der Rednerinnen. Die Bundesregierung übernehme auch keine Verantwortung für das, was die Tiere nach dem Überschreiten der EU-Grenzen zustoße. „So geht Tierschutz nicht!“

Sprechchöre hallten durch die Stadt

Kaum eine Sekunde waren die rund 200 Demonstranten still. Neben Trommeln und Trillerpfeifen waren vor allem die Stimmbänder im Dauereinsatz. Sätze wie „Aurich aufgepasst: Schluss mit dem Morden in der Nachbarschaft“ oder „Aurich aufgepasst: Tierquälerei in der Nachbarschaft“, „Wir sind laut, wir sind hier, für die Freiheit von Mensch und Tier“ oder „Wer Tiere in die Hölle karrt, das ist ein Mensch der schlimmsten Art“ und „Tiertransporte stoppen, jetzt sofort“ waren in der Innenstadt kaum zu überhören.

Am Standort des VOST in Schirum gab es am Nachmittag eine Mahnwache. Foto: Karin Böhmer
Am Standort des VOST in Schirum gab es am Nachmittag eine Mahnwache. Foto: Karin Böhmer

Der Zug bewegte sich von der Sparkassen-Arena über die Von-Jhering-Straße und den ZOB in Richtung Marktplatz und erregte dabei viel Aufmerksamkeit. Die Demonstranten wussten sich durch ihre Lautstärke schon von Weitem Aufmerksamkeit zu sichern. Neugierig blickten Passanten in der Stadt auf den sich nähernden Protestzug. Autofahrer reckten die Hälse. Die Polizei regelte den Verkehr, da der Innenstadtring in eine Fahrtrichtung jeweils gesperrt werden musste.

Dutzende Plakate

Auf unzähligen Plakaten waren die Botschaften zu lesen. „Frieden beginnt auf dem Teller“, „Pfui VOST“, „Amtstierärzte mit privaten Verbindungen zu VOST: Raus aus dem Veterinäramt“, „Wir schämen uns für den Landrat“, „Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Tierquälerei als systemrelevant bezeichnet wird“, „Ihr alle wisst Bescheid und lasst es trotzdem zu“ stand dort geschrieben - oft verbunden mit Bildern von Tieren auf Transporten und nicht selten auch mit Blut und den vier Buchstaben der Stammviehzüchter.

Die Tierschützer protestierenzum wiederholten Mal in Aurich, weil der Landkreis als eine der Drehscheiben für Exporte in Drittstaaten gilt. Foto: Karin Böhmer
Die Tierschützer protestierenzum wiederholten Mal in Aurich, weil der Landkreis als eine der Drehscheiben für Exporte in Drittstaaten gilt. Foto: Karin Böhmer

Sonja Lindemann, Vorsitzende des Vereins Aktive Tierfreunde Norden, war sehr zufrieden mit der Beteiligung ihrer Mitstreiter. Die Aktiven Tierfreunde seien wohl die größte lokale Gruppe in dem Demonstrationszug, sagte sie, bedauerte aber auch, dass sich so wenige andere Auricher und Norder anschließen. „Viele Menschen unterstützen unsere Forderungen, aber sie gehen leider nicht dafür auf die Straße“, so Lindemann.

Glauben an Politik verloren

Manfred Hagemann zählt zum engsten Organisationsteam. Er war zufrieden mit der Beteiligung und freute sich auch über den Durchhaltewillen der Tierschützer. Sie versammelten sich um kurz nach 14 Uhr für rund eine Stunde zu einer stillen Menschenkette an der Sammelstation des VOST in Schirum. Klar zu erkennen war am Teilnehmerkreis, dass die Forderung nach mehr Tierwohl und einer Ernährung mit weniger tierischen Produkten nicht allein von jungen, urbanen Akademikerkreisen erhoben wird, sondern sich durch alle Bevölkerungsgruppen zieht - auch auf dem Land.

Die Demonstranten erwiesen sich als sehr gemischte Gruppe. Foto: Karin Böhmer
Die Demonstranten erwiesen sich als sehr gemischte Gruppe. Foto: Karin Böhmer

Hagemann hat aber alle Hoffnung auf die Politik verloren, wie er sagte. Nicht mal zwei grüne Landwirtschaftsminister auf Landes- und Bundesebene würden etwas an der Situation ändern können. Zu groß sei der Widerstand im politischen System. Nun sei wissenschaftliche Studien in Auftrag gegeben. „Das ist fast schon Satire“, sagte Hagemann: „Alles nur Theaterdonner.“

Veränderung lasse sich aus seiner Sicht allein über ein Umdenken der Bürger erreichen. Und das gehe nur über die Empathie mit den Tieren. Aber - es werde wohl noch Jahre dauern und manche Demonstration brauchen, bis sich wirklich etwas verändere.

Nadine Miesterek: Transportverbot muss in EU-Tierschutzgesetz

Mehr Hoffnung hat da Nadine Miesterek von „Vier Pfoten“. Sie appellierte an beide grünen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir und Miriam Staudte, die historische Chance zu nutzen. Özdemir habe die Möglichkeit, die Transporte auf nationaler Ebene zu verbieten. „Dann soll er das mal machen“, rief eine der Demonstrantinnen und bekam Applaus. Niedersachsen sei bundesweit Schlusslicht bei der Weigerung, Exporte in Drittländer zu genehmigen. Die inzwischen zuständige Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte sei im vergangenen Jahr noch in Aurich gewesen und wisse um das Tierleid. Sie müsse nun tätig werden, so Miesterek.

Der Verein Aktive Tierfreunde aus Norden war mit etlichen Mitgliedern und gut ausgerüstet vertreten. Foto: Karin Böhmer
Der Verein Aktive Tierfreunde aus Norden war mit etlichen Mitgliedern und gut ausgerüstet vertreten. Foto: Karin Böhmer

Zudem gehe es derzeit um die Novellierung des EU-Tierschutzgesetzes, das auf Jahrzehnte hinaus die Bedingungen für die Tiere bestimmen werde. „In das Gesetz müssen die Transporte mit hinein“, forderte Miesterek. Deutschland sei in der Pflicht, dabei ein starke Vorbildrolle einzunehmen und ein solches Transportverbot zu verabschieden, damit andere Staaten nachziehen.

Profitgier angeprangert

Auch Ina Müller-Arnkes von „Vier Pfoten“ nannte Deutschland einen „Big Player“ bei den Tiertransporten. Neben Rindern würden auch Tausende Schweine und sogar Millionen Küken in Drittstaaten verkauft - auf oft qualvollen oder gar tödlichen Transporten. „Wir sind geschockt über die Gleichgültigkeit, mit der diese Tierquälerei seit Jahrzehnten geduldet wird“, sagte Müller-Arnkes. Die Auricher Amtsveterinäre sollten sich die Gewissensfrage stellen. „Jeder Amtsveterinär, der solche Transporte genehmigt, macht sich mitschuldig.“

Dieter Ruhnke vom Deutschen Tierschutzbund Niedersachsen schoss scharf gegen Züchter, Exporteure und Amtstierärzte. Foto: Karin Böhmer
Dieter Ruhnke vom Deutschen Tierschutzbund Niedersachsen schoss scharf gegen Züchter, Exporteure und Amtstierärzte. Foto: Karin Böhmer

Dieter Ruhnke vom Deutschen Tierschutzbund Niedersachsen prangerte die Profitgier an, die auf dem Rücken der Tiere ausgelebt werde. „Mit Verantwortung der Züchter für ihre Tiere hat das nichts zu tun“, wetterte er und verglich die Tierexporte eher mit organisierter Kriminalität. Die Züchter und Exporteure wollten den hiesigen Tierüberschuss bestmöglich vermarkten und den heimischen Markt entlasten. Das Elend der Tiere interessiere die Züchter dabei „einen Scheißdreck“, so Ruhnke. Die Amtsveterinäre, die Transporte genehmigen, setzten sich über die Berufsordnung und den Amtseid hinweg. Und die Kreistagspolitiker, die nicht gegen diese Praxis einschritten, sollten sich in die Ecke stellen und schämen.

Diedrich Kleen: VOST lehnte Angebot einer Transportbegleitung ab

Auch Diedrich Kleen aus Wiesmoor ergriff für die Gruppe „Mensch Fair Tier“ das Wort. Auch er forderte mehr Einsatz von den Grünen-Ministern in den Landwirtschaftsressorts.

Diedrich Kleen aus Wiesmoor appellierte an die Landwirtschaftsminister, ein Transportverbot durchzusetzen. Foto: Karin Böhmer
Diedrich Kleen aus Wiesmoor appellierte an die Landwirtschaftsminister, ein Transportverbot durchzusetzen. Foto: Karin Böhmer

Er habe zudem dem VOST angeboten, dass ein unabhängiger Tierarzt einen der Transporte begleite. Er kenne einen Veterinär aus Süddeutschland, der das angeboten habe. Der VOST habe dies abgelehnt und in Aussicht gestellt, dass er selbst einen Transport begleiten lasse. Dies sei dann aber allem Anschein nach nicht passiert, so Kleen. „Und das Ergebnis würden wir ohnehin kennen.“

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