Klimakrise als Hauptgrund Minister will mehr Geld für Deichbau locker machen
Wegen des Meeresspiegel-Anstiegs müssen viele ostfriesische Deiche erhöht werden. Dafür soll es dauerhaft mehr Landesmittel geben, sagte Umweltminister Christian Meyer beim Besuch in der Krummhörn.
Krummhörn - Wegen der Klimakrise will der niedersächsische Umweltminister Christian Meyer (Grüne) künftig dauerhaft mehr Geld für den Küstenschutz in Ostfriesland zur Verfügung stellen. Um etwa Deiche zu erhöhen oder Schöpfwerke zu ertüchtigen, will die rot-grüne Landesregierung schon in diesem Jahr zusammen mit dem Bund mehr Mittel ausgeben. Ein Nachtragshaushalt sieht eine Steigerung von insgesamt 17 Millionen Euro auf rund 79 Millionen Euro vor. „Wir brauchen diese Mittel aber mindestens auch für die Zukunft“, sagte der Grünen-Politiker beim Besuch einer Deichbaustelle bei Hamswehrum (Gemeinde Krummhörn) am Donnerstag. „Auch in den nächsten Jahren müssten wir 80 bis über 100 Millionen Euro investieren. Das ist unser Ziel als Land.“
Niedersachsen hat 610 Kilometer Deichlinie. Wegen des erwarteten Meeresspiegelanstiegs infolge des Klimawandels müssen Deiche vielerorts erhöht werden - in der Krummhörn etwa wird der Deich zwischen Upleward und Manslagt derzeit auf 600 Metern um maximal 1,50 Meter auf dann 9,40 Meter über dem Meeresspiegel erhöht.
Oberdeichrichter: „Wir brauchen das Geld“
„Im Winter, wenn sich die Anlagen gegen Stürme bewähren müssen, ist nur in Ausnahmefällen eine Bauaktivität möglich“, erklärte Dr.-Ing. Thomas Schoneboom, in der NLWKN-Betriebsstelle Aurich für die Hauptdeichlinie Ostfriesland zuständiger Leiter für Planung und Bau.
Weil die nötigen Mittel bislang aber knapp waren, kamen die Deichachten mit den Arbeiten nur langsam voran. Gerd-Udo Heikens, Oberdeichrichter der Deichacht Krummhörn, zeigte sich daher erfreut über die Zusage. „Wir brauchen das Geld, um mit dem Klimawandel, mit dem Meeresspiegelanstieg mitzukommen. Der macht nicht halt.“
Minister Meyer sagte: „Wenn wir die Klimaerwärmung nicht auf zwei Grad begrenzen, gefährden wir die Lebensräume an den Küsten dramatisch. Hier sind die Folgen längst greifbare Lebensrealität, wenn Deiche erhöht und Dünen verstärkt werden müssen. Schließlich schützen sie 14 Prozent der Landesfläche, 1,1 Millionen Einwohner, unzählige Sachwerte und wertvolle Naturflächen.“
Fast 100 Einzelprojekte zwischen Dollart und Elbe
Von den 79 Millionen Euro für 2023 fließen 57 Millionen Euro in Vorhaben der 22 Hauptdeichverbände. Insgesamt gibt es in den Gebieten zwischen Dollart und Elbe Geld für 98 Einzelprojekte.
Für die vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) koordinierten landeseigenen Vorhaben an der Festlandsküste stehen weitere 13 Millionen Euro bereit.
Im einem Abschnitt der Deichacht Norden sollen die Arbeiten am Asphaltdeckwerk abgeschlossen werden – die zweitteuerste Maßnahme des Küstenschutzes für Ostfriesland in diesem Jahr.
Im Bereich der Deich- und Sielacht Harlingerland wird die Ertüchtigung des Siel- und Schöpfwerks Accumersiel mit Arbeiten an der Hydraulik abgeschlossen. Auch im Schutzdeichbereich hinter den Sperrwerken, hier für den Leda-Jümme-Verband, stehen wichtige Maßnahmen an.
Große Projekte auf Spiekeroog und Norderney
Auf den Inseln werden 2023 insgesamt knapp sieben Millionen Euro investiert. Die vergleichsweise ruhige Sturmflutsaison im zurückliegenden Winterhalbjahr kam den Küstenschützern zugute.
Ein großes Projekt steht auf Spiekeroog an. Dort soll die Schutzdüne vor dem Zeltplatz im Inselwesten mit einem neuen Sanddepot geschützt werden. Dazu sollen 80.000 Kubikmeter Sand aufgespült werden. Auf Norderney soll dieses Jahr die Instandsetzung des Westdeiches mit dem dritten Bauabschnitt abgeschlossen werden. 2021/22 war hier der Deichfuß mit Promenade auf 800 Metern Länge umgestaltet worden. Im Zuge einer Salzwiesenrenaturierung in der Leybucht wird zudem Kleiboden für die in den nächsten Jahren geplante Erhöhung und Verstärkung des Loog-Deiches auf Juist gewonnen.
30 Stellen beim NLWKN werden entfristet
Mit dem zusätzlichen Geld für den Küstenschutz sollen außerdem in diesem Jahr 30 Stellen beim NLWKN entfristet werden. In einigen Regionen sei es durch den Fachkräftemangel mittlerweile schwierig, Küstenschützer oder Wasserbauingenieure zu finden, sagte Rainer Carstens, Geschäftsbereichsleiter Planung und Bau der NLWKN-Direktion in Norden. Die oft befristeten Stellen seien für junge Menschen wenig attraktiv. Das Personal sei aber dringend nötig, um etwa Deicherhöhungen zu planen.
Eine weitere Herausforderungen der Zukunft sei der anwachsende Geldbedarf für Material- und Grunderwerb sowie große Kompensationsvorhaben für künftige Großprojekte. Darüber hinaus seien klimaschonende Ansätze wie „Grüne Deiche“ mit möglichst wenig massiven Einbauten aus Stahl oder Stahlbeton sowie geringe Transportwege für große Materialbedarfe wichtig, so Carstens.
Auch Bund soll mehr Geld geben
Die Kosten für den Küstenschutz verteilen sich zu 70 Prozent auf den Bund und zu 30 Prozent auf das Land. Minister Meyer appellierte an den Bund, dauerhaft mehr Geld bereit zustellen. „Wir haben hier eine nationale Verantwortung“, sagte er. Der Bund hat die Küstenschutz-Mittel um mehr als zwölf Millionen Euro erhöht. Niedersachsen gibt als Kofinanzierung weitere 5,2 Millionen Euro über den Nachtragshaushalt.
Die vorherige rot-schwarze Landesregierung hatte nach Angaben des Umweltministeriums ursprünglich eine Kürzung beim Küsten- und Hochwasserschutz vorgesehen. „Beim Küstenschutz darf nicht gespart werden. Die Klimakrise gewährt keine Verschnaufpause“, betonte Meyer.