Öffentlicher Personalverkehr  Anrufbus – Senioren fühlen sich von Politik vergessen

| | 11.04.2023 15:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Noch fährt der Anrufbus durch die Stadt Aurich. Foto: Romuald Banik
Noch fährt der Anrufbus durch die Stadt Aurich. Foto: Romuald Banik
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Für das umstrittene Verkehrsmittel in Aurich soll es aus ihrer Sicht eine Fortsetzung gegeben, sonst seien Ältere von vielem abgeschnitten. Doch sieht das auch die Politik so?

Aurich - Rosemarie Legendre kennt ihre Busfahrer mit Vornamen. Wenn sie einsteigt, hebt der Fahrer ihren Rollator in den Bus. Man kennt sich. Wenn die Auricher in von A nach B muss, ruft sie den Anrufbus. Ein Angebot, das aus ihrer Sicht prima funktioniert und erhalten bleiben muss - trotz der leeren Auricher Stadtkasse.

Legendre ist Mitglied der SPD AG 60+. Und da sind noch mehr Mitglieder ihrer Meinung. Die Gruppe findet es unmöglich, dass für das Angebot, das es zunächst als Auricher Stadtbus und seit 2004 als Anrufbus gibt, noch keine konkrete Fortsetzungsperspektive feststeht.

An diesem Mittwoch wird wieder im Verkehrsausschuss über den Bus gesprochen. Im Auricher Stadtrat gibt es zahlreiche Gegner des Anrufbusses. 330.000 Euro Zuschuss gibt die Stadt jährlich dafür. Bei im Schnitt 30.000 Fahrgästen pro Jahr sei das zu viel, so das Argument. Etliche Versuche, das Angebot populärer zu machen, seien gescheitert, sagen beispielsweise CDU und AWG. der Anrufbus sei pro Fahrt schlicht zu teuer.

Unabhängigkeit für Senioren

Die AG60+ sieht das anders und wünscht sich eine ergebnisoffene Diskussion. Diese müsse aber schleunigst geführt werden, bevor der jetzige Vertrag zum Jahresende ohne Folgelösung einfach auslaufe. Deshalb wollen die Senioren nun politisch Druck machen, Unterschriften sammeln und mit Infoständen in der Innenstadt über den Anrufbus und seine Funktionsweise informieren. „Viele Auricher wissen darüber immer noch zu wenig Bescheid. Ein paar Informationen von jemandem, der dort mitfährt, können nicht schaden“, sagt Legende. Zudem meldeten sich Senioren oft nicht zu Wort. Der Auricher Stadtrat solle wissen, dass die Entscheidung Menschen betreffe.

Vor einigen Wochen fuhr die Gruppe selbst mit dem Bus, um sich anzuschauen, wie er funktioniert. Denn nicht alle SPD60+-Mitglieder sind schon Nutzer. Überzeugt habe sie das Angebot gleichwohl, sagt Schriftführer Ralf Wegener. „Er hilft den Leuten, am Leben teilzunehmen.“

Legendre ist Vielnutzerin. „Meine Tochter hat mir zwar auch angeboten, mich zu fahren, aber so bin ich unabhängiger“, sagt sie. Vor allem Senioren nutzen nach ihrer Beobachtung den Anrufbus. Sie wären sonst wohl weit weniger mobil oder müssten für vergleichbare Taxifahrten deutlich tiefer in die Tasche greifen. Legendre kennt aber auch etliche andere, die den Bus nutzen. Frauen mit Kindern beispielsweise, Schüler, die an einzelnen Tagen nicht zu den üblichen Schulbuszeiten frei haben. Auch einige Auszubildende nutzen den Bus, um zur Berufsschule zu fahren, so Legendre. Sie kann nur Gutes berichten über die Flexibilität und Pünktlichkeit des Systems und die Hilfsbereitschaft der Fahrer.

Legendre: Mitnichten ein Geisterbus

Die AG60+ fürchtet, dass vor allem Senioren in den Außenbereichen Aurich sowohl von der Innenstadt als auch von Anschlüssen an andere Linien abgeschnitten würden. Nimmt man Legendre als Beispiel, müsste sie ihre Fahrten zum Arzt anders organisieren, käme seltener zu Freunden, zum Einkaufen und zu Vereinaktivitäten. „Wer immer sagt, da fahre ein Geisterbus durch Aurich, sollte mal genauer hinschauen“, sagt die Seniorin. Leer fahre der Bus eigentlich nie - aber es führen natürlich nicht alle Fahrgäste von Anfang bis Ende einer Tour mit.

Grundsätzlich begrüßt die AG60+ die geplante bessere Vernetzung der bestehenden Buslinien im Landkreis. Doch die letzten paar Hundert Meter bis zum Ziel seien für viele Senioren nicht zu schaffen. Dagegen sei der Anrufbus, der mit den kleinen Fahrzeugen auch Haltestellen in Wohngebieten anfahren könne, für dieses Bedürfnis ideal.

Die Senioren fordern deshalb, dass der Anrufbus in der jetzigen Form so lange fortgeführt wird, bis ein neues tragfähige Verkehrskonzept umgesetzt wird. Um das Defizit zu verringern, machen sie folgende Vorschläge: Der Fahrpreis für dieses sehr individuelle Angebot sollte auf bis zu 3, 50 Euro pro Fahrt steigen. Es sollten neben Fünfertickets auch Zehner- sowie Monats- und Jahrestickets angeboten werden, um eine regelmäßige Nutzung attraktiv zu machen. Und es sollten die Fahrzeiten etwas in den Abend verlängert und auf die Wochenenden und Feiertage ausgedehnt werden.

Gut 24.000 Fahrgäste im vergangenen Jahr

Laut Jens Buß, Geschäftsführer der für den Anrufbus verantwortlichen Kreisbahn Aurich GmbH, fahren zwei Kleinbusse, ein Bulli und zwei Taxen für das Angebot. Im Jahr 2022 gab es gut 24.000 Fahrgäste.

Die Busse fahren nicht auf festen Linien, sondern die Touren werden ganz aktuell je nach den angemeldeten Fahrten zusammengestellt. Grob betrachtet, bediene jedes Fahrzeug eine Himmelsrichtung, so Buß. Es gibt allerdings im Stadtgebiet Schwerpunkte mit vielen Fahrten, nämlich laut Buß die Ortsteile Walle, Extum, Sandhorst, Tannenhausen und Wiesens.

Rund 10 Prozent der Fahrgäste sind laut Buß zwischen vier und zwölf Jahren alt. Da der Anrufbus morgens zu Schulbeginn und in einer Mittagspause ab 13.15 Uhr nicht fährt, dürfte der Anteil der Schülerfahrten dabei relativ gering sein. Der Rest der Fahrgäste verteile sich über alle Altersgruppen, so Buß. Der Schwerpunkt liege aber bei Senioren.

Anrufbus erreicht Menschen zwischen den Hauptlinien

Auch der Leiter der Kreisbahn GmbH hält es für die Stärke des Anrufbusses, dass er weitere Haltepunkte im Stadtgebiet ermöglicht. Wenn die Hauptlinien, beispielsweise Aurich-Leer oder Aurich-Emden, in den nächsten Jahren verstärkt werden sollen, sei dies sinnvoll. Aber es gehe dabei beispielsweise vor allem darum, Nutzer zu Anschlusszügen zu bringen. Diese Busse seien schnell und auf den Hauptstraßen unterwegs. „Aber die Leute wohnen dazwischen, die meisten Fahrgäste erreicht man damit nicht“, so Buß. Die Busse deshalb Schleifen durch die Orte fahren zu lassen, lasse sich nicht mit dem Ziel „kurze Fahrzeit“ vereinbaren. Der Anrufbus sei daher ein e gute Alternative für die anderen Nutzer und ein Zubringer zu den Hauptlinien. „Das Anrufbus System ist alles andere als schlecht“, so Buß.

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