Positionspapier zum Wolf Jäger halten Akzeptanzgrenze für erreicht
In ihrer „Auricher Erklärung“ kritisieren die Küstenjägerschaften die Inkonsequenz der Politik zum Thema Wolf. In der Bevölkerung wachse unterdessen die Wut.
Aurich - Schäfer Janko Schneider hat es gerade wieder erlebt: Drei seiner Schafe wurden am 26. März wahrscheinlich von einem Wolf gerissen. Die DNA-Ergebnisse stehen noch aus. Zwei weitere Tiere wurden verletzt. Laut Schneider sind sie noch lange nicht über den Berg. Er zeigt Fotos vom dick geschwollenen Hinterbein eines Tieres. Die Wunde hat sich entzündet.
Von seinen Erfahrungen hat der Deichschäfer am Donnerstag bei der Unterzeichnung der „Auricher Erklärung“ der niedersächsischen Küstenjägerschaften berichtet. Fünfmal habe es seine Herde schon erwischt. Zweimal im Juni 2018. Einen der Fälle habe er wegen eines privaten Termins nicht gemeldet. Für das zweite Tier wurde als Verursacher „Wolf“ ermittelt. „Wir waren damals die ersten in Ostfriesland, die einen Riss hatten“, so Schneider.
Schäfer: Jeden Vorfall melden
Zwei weitere Übergriffe auf seine Tiere seien im Dezember 2021 erfolgt. Diese Risse habe er auch nicht gemeldet. „Es bringt ja nichts“, so der Schäfer. Damals sei es um insgesamt drei Schafe gegangen. Nun habe es den fünften Übergriff gegeben. Er werde nun jeden Riss beim Wolfsmonitoring melden und fordere auch alle anderen Tierhalter dazu auf.
Insgesamt habe er acht Tiere verloren. „Das Problem ist ja, wenn ein Wolf in einem Blutrausch gerät“, so der Großheider. Von den drei kürzlich gerissenen Tieren hätten nur etwa 1,5 Kilogramm Fleisch gefehlt. Der Wolf wüte. „Und dann frisst er wie ein Dackel“, so Schneider frustriert. In der Herde verblieben Unruhe und verwundete Tiere, die aufwendig gepflegt werden müssten, sowie Lämmer, die ohne ihr Muttertier elendig verhungerten, weil sie nichts anderes annehmen. So berichtet der Schäfer.
Schäfer berichtete über „Opfer“ der Einzäunung
Das Verhalten der Wölfe scheine sich zu verändern, so Schneider weiter. Während er anfangs Kehlbisse und aufgebrochene Leiber vorgefunden habe, seien nun Schafe von hinten an den Beinen gepackt worden. Er sei dafür, Wölfe unmittelbar nach einem Riss, schon am Folgetag, zum Abschuss freizugeben. „Kein Mensch kann sich vorstellen, was ein Deichschäfer durchmacht, wenn er angefressene Tiere findet, die noch zucken.“ Erlösen lassen dürfe er sie erst nach entsprechender Abklärung.
Schneider berichtet auch, dass er jedes Jahr Damwild finde, das in seinen wolfsabwehrenden Zäunen verendet sei. Ebenso Hasen, die sich verheddert hätten. Igel. Kröten. „Man muss das einfach in Kauf nehmen.“ Er zeigt ein Foto: Mitten in seiner Schafherde stehe derzeit ein Damwild-Spießer, der offenbar Schutz suche.
Jäger: Deichschutz zwingt uns, Position zu beziehen
Angesichts von Gräben und Wallhecken in Ostfriesland sei ein wirksamer Schutz durch einen wolfsabwehrenden Zaun aus seiner Sicht ohnehin nicht möglich, so der Schäfer. Sonst müssten die Zäune mit mehreren Metern Abstand zu den Wällen aufgestellt werden – eine Verkleinerung der nutzbaren Fläche.
Die Vorsitzenden der Kreis- und Bezirksjägerschaften hören aufmerksam zu. „Wir sind alle in großer Beunruhigung wegen des Wolfs. Aber nicht nur wegen des Wildes oder wegen Waldkindergärten. Der Deichschutz zwingt uns nun, Position zu beziehen“, sagte Gernold Lengert, stellvertretender Bezirksvorsitzender der Jägerschaften im Bezirk Ostfriesland. Er hoffe, dass andere Verbände sich anschließen.
Bleibende Folgen bei Opfern von Angriffen
Es zeige sich, dass Wölfe in ihrer Anpassungsfähigkeit auch in den Küstengebieten zurechtkämen. Die hiesigen Schalenwildbestände reichten aber nicht aus, weshalb die Wölfe auch Nutztiere erbeuteten. Und selbst wenn diese nicht getötet würden: Schafe hätten nach einem Wolfsangriff Panik angesichts vorbeilaufender Hunde von Spaziergängern. „Und wen wollen Sie noch auf ein Pferd setzen, das einen Angriff hinter sich hat?“
Präventionsmaßnahmen wie etwa wolfsabweisende Zäune schieden in Ostfriesland aus naturräumlichen Gründen vielfach aus. Und damit führe die Anwesenheit von Wölfen zu „einem enormen Konfliktpotenzial in Bezug auf die Nutztierhaltung und Deichsicherheit“.
Jäger halten Zäune und Herdenschutzhunde für nicht praktikabel
Mehr als 610 Kilometer Sturmflutdeiche und 1000 Kilometer Flussdeiche schützen rund 1,1 Millionen Niedersachsen und die Einwohner Bremens. Die Sicherheit dieser Deiche könne nur mit einer kontinuierlichen Beweidung durch Schafe gewährleistet werden. Ein Schutz dieser Schafe mit „wolfsabweisendem Grundschutz“ sei nicht leistbar, heißt es in der Auricher Erklärung. Auch Herdenschutzhunde seien angesichts der Touristen keine Option. Sie seien nicht mit Hütehunden zu verwechseln, sondern würden für die Verteidigung der ihnen anvertrauten Herde gegen Mensch und Tier ausgebildet. „Da wird auch die kleine Hand, die durch den Zaun greift, als Bedrohung angesehen“, sagte der ostfriesische Bezirks-Jägermeister Simon Grootes.
„Die Entwässerungsverbände ducken sich weg und protestieren nicht“, kritisierte Grootes. „Aber: Die Sicherheit des Menschen geht über alles.“ Deshalb dürfe der Wolf nicht weiterhin einen Schutzstatus genießen, der den aller anderen Tierarten und sogar den Deichschutz übersteige. „Wir kämpfen bislang mit stumpfen Waffen. Wir können uns nur auflehnen. Also stehen wir hier“, so Grootes.
Jäger wollen als Akteure geschützt werden
Die Jägerschaften wollen eine wolfsrudelfreie Zone entlang der Küstenlinie und ein Bestandsmanagement. Die Jäger, die dann für dieses Management zuständig wären, fordern in diesem Zusammenhang die Wahrung der Anonymität und des Stillschweigens über geplante Abschüsse, um Störungen zu vermeiden und die Akteure vor Beschimpfungen und Bedrohungen zu schützen.
Jäger unterzeichnen Auricher Erklärung
Flammen gegen den Wolf
Durch das Watt zur Urlaubsinsel? Warnung vor Wolfshysterie
Die Jäger sind enttäuscht, dass das Land Niedersachsen sich der Forderung von sechs anderen Bundesländern, eine Neubewertung der EU-Strategie bei der Europäischen Kommission sowie eine Überprüfung des Schutzstatus des Wolfes vorzunehmen, bislang nicht angeschlossen hat. Unter diesen Ländern seien auch welche mit Grünen in der Regierung. In Niedersachsen gebe es jedoch eine Verweigerungshaltung.
Kritik an einem „Käseglocken‐Naturschutz“
In Niedersachsen lebten inzwischen 45 Rudel, ein Paar und vier sesshafte Einzeltiere. Das sei genug, um über ein Umdenken zum Thema Bestandsmanagement nachzudenken, sagte Gernold Lengert. Vielerorts sei Akzeptanzgrenze in der Bevölkerung für den absoluten Schutz der Wölfe längst erreicht. Insbesondere Menschen die in, von und mit der Natur leben, fühlten sich von der Politik im Stich gelassen. Ein „Käseglocken‐Naturschutz“, der alle anderen Bedürfnisse der Artenvielfalt und des ländlichen Raums dem Schutz des Wolfes unterstellt, sei nicht zu rechtfertigen.
Laut Heinrich de Vries, dem Vorsitzenden der Norder Jäger, werde den Jägern meist unterstellt, dass sie Wölfe schießen oder sie als Konkurrenz loswerden wollten. Das sei absurd. Aber die Situation eskaliere bei immer mehr Angriffen auf Nutztiere. Die Halter fühlten sich ausgeliefert. Er fürchte, dass bald eine sachliche Diskussion gar nicht mehr möglich sei. Irgendwann griffen Menschen zur Selbsthilfe – was niemand wollen könne.
Deshalb sei es jetzt an der Zeit, über einen Managementplan nachzudenken, der die friedliche Koexistenz von Wolf und Mensch ermögliche. Um Schutzzonen auszuweisen seien schon jetzt die rechtlichen Grundlagen vorhanden. Die Politik müsse nur wollen, so de Vries.