Superintendent im Gespräch Hohe Bindung trotz vieler Kirchenaustritte im Kreis Aurich
Tido Janssen, Superintendent des Kirchenkreises Aurich, bedauert die vielen Kirchenaustritte. Auch die finanzielle Lage ist durchaus kritisch – dennoch blickt er zuversichtlich nach vorne.
Aurich - Im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Aurich sinken die Mitgliederzahlen. „Wir können uns von dem Bundestrend nicht abkoppeln. Das ist sehr bedrückend“, sagt Superintendent Tido Janssen. Es handele sich um eine langfristige Entwicklung, die erhebliche Folgen für die Gemeinden habe. Aus dem vergangenen Jahr sind ihm bisher 770 Austritte im Kirchenkreis bekannt. Noch hätten aber nicht alle Gemeinden ihre Zahlen übermittelt. Das seien tatsächlich mehr als in den Vorjahren. Dabei gebe es Dörfer wie Bangstede, in denen niemand ausgetreten ist, oder Wiegboldsbur, die einen Austritt gemeldet haben. In Aurich selbst seien es wesentlich mehr, doch müsste dies in Relation zur Einwohnerzahl betrachtet werden, so Janssen. Einen großen Unterschied zwischen dem Verhalten auf dem Land oder in der Stadt könne er deshalb nicht feststellen.
Als Gründe würden im persönlichen Gespräch oft finanzielle Belastungen angegeben, sagt der Superintendent. Gerade durch die gestiegenen Energie- und Lebenshaltungskosten würden viele überlegen, ob sie sich die Mitgliedschaft in der Kirche noch leisten möchten. „Da geht es oft um eine Kosten-Nutzen-Rechnung.“ Auf der anderen Seite sei aber auch die Bindung bei vielen nicht mehr so da. „Früher war es selbstverständlich, zur Kirche zu gehören, das Gefüge ist brüchiger geworden“, sagt Janssen. Dennoch sei es ein Fehler zu glauben, dass alle, die ausgetreten sind, nichts mehr mit der Kirche zu tun haben wollten. „Viele sind weiter interessiert und nutzen unsere kirchlichen Angebote.“
Kirchengemeinden müssen erheblich sparen
Für Janssen ist es ein Spagat, den Bedürfnissen aller gerecht zu werden. Viele Gläubige finden es falsch, wenn Nicht-Mitglieder kirchlich getraut werden oder ihre Kinder taufen lassen können. „Ich plädiere aber dafür, für alle da zu sein. Wer sich für das Leben oder das Kind den Segen Gottes wünscht, soll ihn auch erfahren dürfen“, sagt der Auricher Superintendent. Gleichzeitig könne das vielfältige Angebot der Kirchen nur durch die Solidargemeinschaft finanziert werden. „Noch gibt es genug andere, doch die finanziellen Mittel schwinden“, erläutert Janssen.
Im Kirchenkreis Aurich und seinen 33 Mitgliedsgemeinden müssen in den kommenden sechs Jahren jeweils 600.000 Euro eingespart werden, das sind zwei Prozent des Haushalts pro Jahr. Davon betroffen ist nach Aussage des Superintendenten auch der Stellenplan. So müssen drei Pastorenstellen gestrichen werden. Andere könnten durch den Fachkräftemangel eventuell nicht mehr besetzt werden. „Da wird Geld an falscher Stelle gespart“, ist der Theologe überzeugt. Auch die Gemeinden im Kirchenkreis hätten sehr viele Gebäude zu erhalten. Allein für die Heizungssanierungen würden demnächst hohe Beträge fällig. Sollten jedoch Gebäude auf Dörfern abgegeben werden, fehle vielerorts ein Treffpunkt. „Dadurch steigt die Einsamkeit, da soziale Kontakte fehlen“, befürchtet der Superintendent. Doch um Kürzungen komme der Kirchenkreis nicht herum. Als Letztes wolle Janssen jedoch Kirchen schließen: „Sie verkörpern unsere jahrhundertelange Tradition.“ Sie könnten jedoch durch Umbauten und eine multifunktionale Nutzung an die heutigen Bedürfnisse angepasst werden.
Jugendkulturcafé in Auricher Innenstadt in Planung
Neben den Kirchenaustritten verzeichnet der Kirchenkreis Aurich pro Jahr auch etwa 100 Neueintritte. Zudem gebe es im Vergleich zu anderen Regionen eine hohe Bindung der Menschen an Kirche. Denn entgegen des Trends seien immer noch 65 bis 70 Prozent der Ostfriesen Mitglied einer Kirche. Niedersachsenweit seien es nach Angabe der Landeskirche knapp unter 40 Prozent. „Das ist unsere ostfriesische Spezialität“, sagt Janssen. Dem Kirchenkreis Aurich gehören seiner Aussage nach rund 63.000 Mitglieder an, dem Kirchenkreis Norden etwa 40.000. Hinzu kämen 15.000 reformierte Christen und geschätzt 5000 Katholiken. „Das sind von etwa 180.000 Einwohnern im Landkreis Aurich über 120.000“, so Janssen.
Dem Superintendenten ist es wichtig, die Gemeindeglieder selbst zu fragen, welche Angebote sie brauchen. Dadurch entstand die Idee eines Jugendkulturcafés in der Innenstadt Aurichs. „Da sind wir aktuell dabei, ein Konzept zu erstellen“, sagt Janssen. In Sandhorst solle ein Begegnungscafé der verschiedenen Kulturen entstehen. Wichtig sei, aus den kirchlichen Mauern herauszutreten und mit anderen Institutionen zu kooperieren. Zu den viel gefragten Angeboten des Kirchenkreises gehörten momentan die Tafeln, die Schuldnerberatung, Hilfsangebote und Gesprächskreise. „Es gibt einen unglaublich hohen Gesprächsbedarf und viel Verunsicherung“, berichtet er von seiner Arbeit. Deshalb sei es ihm wichtig, dass die Pastoren die seelsorgerische Arbeit in den Mittelpunkt stellen. Um Entlastung in den Gemeinden zu bringen, werde an einem Konzept für zentrale Sekretariate gearbeitet. So könnte die Verwaltung professionalisiert und Pastoren von Papierkram befreit werden.