Folge der Inflation?  Zahl der Kirchenaustritte schnellt in der Region hoch

| | 30.12.2022 22:09 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Kirche Ihlowerfehn ist eines von acht Gotteshäusern in der Gemeinde Ihlow. Foto: Helmut Vortanz
Die Kirche Ihlowerfehn ist eines von acht Gotteshäusern in der Gemeinde Ihlow. Foto: Helmut Vortanz
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In Aurich und den umliegenden Gemeinden haben sich in diesem Jahr deutlich mehr Menschen abgemeldet. Und das ist nicht das einzige Problem der Kirchengemeinden.

Aurich/Brookmerland/Großefehn/Ihlow/Südbrookmerland - Deutlich mehr Kirchenaustritte als in den vergangenen Jahren haben diesmal die Standesämter in der Stadt Aurich, den Gemeinden Ihlow, Großefehn und Südbrookmerland sowie der Samtgemeinde Brookmerland verzeichnet. Die Standesämter registrieren diese für die christlichen Kirchen, auch Freikirchen. 2019 hat es in Deutschland schon mal eine Spitze bei den Austritten gegeben. In den befragten Gemeinden liegen die Zahlen in diesem Jahr aber darüber, teilweise nur leicht, teils deutlich.

Nimmt man den Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021 und vergleicht ihn mit den aktuellen Zahlen, haben in diesem Jahr zwischen 48 und 80 Prozent mehr Mitglieder den christlichen Kirchen den Rücken gekehrt als in den Vorjahren.

467 Austritte in der Stadt Aurich

In der Stadt Aurich ist die Entwicklung auf den ersten Blick nicht so deutlich. Nach Angaben von Enno Menssen wurden dort im Jahr 2018 insgesamt für alle christlichen Konfessionen 266 Austritte verzeichnet, 2019 waren es 365, 2020 noch 280. 2021 meldeten sich 351 Menschen ab und in diesem Jahr bis zum 22. Dezember 467 Personen. Setzt man die Zahl des bisher austrittsstärksten Jahres 2019 als Maßstab, ist dies eine Steigerung um 28 Prozent. Rechnet man den Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021 – nämlich 315,5 Austritte pro Jahr – als Maßstab, beträgt die Zunahme in diesem Jahr 48 Prozent.

Zunahme von 71 Prozent in Ihlow

In Ihlow ist die Steigerung in diesem Jahr gegenüber 2019 quasi nicht erkennbar. Dort wurden laut Standesbeamtin Gerda Janssen 2019 insgesamt 118 Austritte erklärt. In diesem Jahr waren es 121. In den Jahren dazwischen ist die Zahl jedoch deutlich geringer gewesen. 2018 traten 68 Ihlower aus den christlichen Kirchen aus, 2020 waren es 75 und 2021 dann 83. Rechnet man den Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021, nämlich 86 Austritte pro Jahr, als Maßstab, beträgt die Zunahme in diesem Jahr 71 Prozent.

Zum Vergleich: Zahl der Mitglieder in Großefehn

Die Gemeinde Großefehn hat auch die Zahl der Mitglieder und der Nichtmitglieder in den Kirchen mitgeteilt.

2018: 10.560 Mitglieder und 3.575 Nicht-Mitglieder

2019: 10.501 Mitglieder und 3.686 Nicht-Mitglieder

2020: 10.503 Mitglieder und 3.841 Nicht-Mitglieder

2021: 10.433 Mitglieder und 3.961 Nicht-Mitglieder

2022: 10.298 Mitglieder und 4.154 Nicht-Mitglieder.

Rechnet man die Austritte der Jahre 2018 bis 2022 dagegen – nämlich 522 – beträgt der Anteil der Ausgetretenen an der Zahl der in diesem Jahr noch verbleibenden Kirchenmitglieder 5 Prozent.

In Großefehn traten in diesem Jahr bis zum 22. Dezember 149 Christen aus ihrer Kirche aus. Laut dem Ersten Gemeinderat Frank Cramer kommen erfahrungsgemäß in den Tagen nach Weihnachten noch Abmeldungen hinzu. Im Jahr 2018 lag die Zahl der Austritte noch bei 73, im Jahr 2019 bei 109, im Jahr 2020 bei 83 und im vergangenen Jahr bei 108. Gegenüber dem Jahr 2019 hat sich die Zahl der Abmeldungen um 37 Prozent erhöht. Vergleicht man mit dem Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021 (93,25 Austritte pro Jahr) liegt die Steigerung bei 60 Prozent.

Steigerungen auch in Südbrookmerland und Brookmerland

In Südbrookmerland hat die Zahl der Austritte laut dem Standesbeamten Arno Janssen fast stetig zugenommen. 2018 wurden 106 Abmeldungen verzeichnet, 2019 waren es 115, im Jahr 2020 dann 122 und 2021 insgesamt 133 Austritte. In diesem Jahr wurden 192 Austritte registriert. In Südbrookmerland hat es also 2019 keine besondere Spitze gegeben. Vergleicht man die Zahl der Austritte in diesem Jahr mit dem Jahresdurchschnitt der Vorjahre (119 Austritte) liegt der Anstieg in diesem Jahr bei 61 Prozent.

Im Brookmerland ist der Trend auch zu spüren. Laut dem Standesbeamten Thorsten Donker traten im Jahr 2018 70 Mitglieder der christlichen Kirchen aus. 2019 waren es 95, 2020 insgesamt 73 und im vergangenen Jahr 95 Personen. In diesem Jahr verzeichnete das Standesamt in Marienhafe bis Mitte Dezember bereits 150 Austritte. Gegenüber 2019 ist dies eine Steigerung um 58 Prozent. Und gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021 (83,25 Austritte) eine Steigerung um 80 Prozent.

Standesbeamte tun sich mit Erklärungen schwer

Eindeutige Gründe für den deutlichen Anstieg zu benennen, fällt den Standesamten schwer, da die Austretenden keine Gründe angeben müssen. Die ON hatten gefragt, ob die deutlichen Preissteigerungen in vielen Lebensbereichen die Entscheidung für den Kirchenaustritt verstärkt haben könnten. „Ich persönlich denke schon, dass die Inflation sicherlich einer der Gründe dafür sein wird“, teile Gerda Janssen mit. Frank Cramer sieht das ähnlich: „Durch die Preis- und Kostenerhöhungen in vielen Bereichen, haben die Bürgerinnen und Bürger wohl noch intensiver nach Einsparmöglichkeiten gesucht.“

Die Kirche in Marienhafe ist ein Zeugnis der Bedeutung, den der Glaube im 13. Jahrhundert in Ostfriesland hatte. Foto: Thomas Dirks
Die Kirche in Marienhafe ist ein Zeugnis der Bedeutung, den der Glaube im 13. Jahrhundert in Ostfriesland hatte. Foto: Thomas Dirks

Sofern ihm beiläufig Gründe genannt worden seien, sei es nach seinem Eindruck vor allem um die Kirchensteuer gegangen, sagte Thorsten Donker. Es gab im zufolge im Brookmerland keine Austritte aus den Freien Gemeinden.

Tido Janssen: Einige Gemeinden melden weniger starke Rückgänge

Der für den Kirchenkreis Aurich zuständige Superintendent Tido Janssen ist angesichts der Entwicklung etwas ratlos. Auch die Kirche hat die Daten von den Standesämtern abgefragt. Einige Gemeinden hätten auch Zahlen vorgelegt, die auf einen Rückgang der Austritte oder auf relative Konstanz hindeuten. Er wolle die Gesamtzahl zunächst abwarten, sagte Janssen.

Grundsätzlich gebe es den Trend aber nicht erst seit diesem Jahr – auch wenn die Inflation ihn vermutlich verstärke. „Das müssen wir wohl nüchtern sehen“, so Janssen. Finanzielle Sorgen träfen auch immer stärker die Mitte der Gesellschaft.

Zu den Austritten kommen die Sterbefälle

Laut Janssen hatten die großen Konfessionen in den vergangenen Jahrzehnten viele Mitglieder, deren Bindung zur Kirche nicht sehr ausgeprägt gewesen sei. Diese Verknüpfung erweise sich jetzt nicht mehr als stabil. „Das ist bei den freien Gemeinden anders“, sagte der Superintendent. Umgekehrt hätten die großen Kirchen den Vorteil, dass sie mit ihren Mitgliedern leicht in Kontakt treten könnten – und umgekehrt auch. „Wir stoßen auch zügig zu den Leuten vor, die nicht so hochverbunden sind und das eröffnet beidseitig Möglichkeiten“, so Janssen. Eine so enge Gemeindebindung, wie bei den Freikirchen üblich, sei nicht notwendig, um zu den großen Konfessionen zu gehören.

Superintendent Tido Janssen hält die Inflation für einen Faktor beim Anstieg der Austritte. Foto: ON-Archiv
Superintendent Tido Janssen hält die Inflation für einen Faktor beim Anstieg der Austritte. Foto: ON-Archiv

Eine weitere Entwicklung macht den Kirchen zu schaffen. Laut Janssen versterben seit einigen Jahren jährlich mehr Gemeindeglieder, als durch Taufe hinzukommen. Das verschärft den Trend noch. In diesem Jahr scheint das in besonderer Weise der Fall gewesen zu sein. Auch wenn dem Superintendenten noch keine abschließenden Zahlen aus den Kirchengemeinden vorliegen, hätten ihm etliche Pastoren schon im Spätsommer oder Herbst berichtet, dass sie die sonst in einem Jahr übliche Zahl von Beerdigungen bereits erreicht hätten.

Helmut Kirschstein: Skandale in der katholischen Kirche „färben ab“

Dr. Helmut Kirschstein, scheidender Superintendent in Norden, hat nicht den Eindruck, dass die Austrittszahlen eklatant in die Höhe geschnellt sind: „Ich bedauere jeden einzelnen Austritt. Und ich bedauere auch, dass die fürchterlichen Skandale, von denen unsre katholische Schwesterkirche heimgesucht wird, auch auf evangelische Kirchenmitglieder abfärben und manchmal zur Distanzierung von jeder Form von Kirchlichkeit führen.“

Dr. Helmut Kirschstein sendet einen Appell an die Unzufriedenen. Foto: ON-Archiv
Dr. Helmut Kirschstein sendet einen Appell an die Unzufriedenen. Foto: ON-Archiv

Kirschstein appelliert an die Unzufriedenen, den Kontakt zu suchen. Leider sei es nicht möglich, den sehr unterschiedlichen Beweggründen der Austretenden nachzugehen, zumal der Austritt nicht im Gegenüber zu Pastor oder Pastorin vorgenommen werde. „In allen Fragen echter Glaubenszweifel kann ich ja nur freundlich raten, dass man persönlichen Kontakt zu seinem Pastor, seiner Pastorin aufnimmt. Das empfehle ich auch für den häufigeren Fall einer schleichenden Entfremdung: Suchen Sie doch gerne den Kontakt zu Ihrem Ortspastor, Ihrer Ortspastorin! Im direkten Gespräch ist es sicher möglich, Entfremdung zu überwinden und die Bedeutung kirchlicher Bindung für das eigene Leben neu wahrzunehmen“, so Kirschstein.

Er wünsche sich, dass „wieder mehr Menschen empfinden: Es ist ein Glück, in dieser Kirche beheimatet zu sein!“ Und dass es wichtig sei, dass die Kirche ihre Stimme in der Gesellschaft erhebt und entscheidende Werte für den Zusammenhalt einer menschenfreundlichen Gesellschaft vertritt.

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