Kurz vor Weidesaison  Wolf durchkreuzt neues Förderprogramm

| | 30.03.2023 21:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ostfriesland steht kurz vor der neuen Weidesaison. Doch vielen Landwirten ist beim Gedanken an Wölfe in der Gegend mulmig. Foto: Romuald Banik
Ostfriesland steht kurz vor der neuen Weidesaison. Doch vielen Landwirten ist beim Gedanken an Wölfe in der Gegend mulmig. Foto: Romuald Banik
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Niedersachsen zahlt ab diesem Jahr eine Prämie für Milchkühe, die auf die Weide dürfen. Angesichts der Wolfsattacken auf Rinder geht unter Landwirten aber die Sorge um. Bleiben die Tiere nun im Stall?

Aurich - Eigentlich hätte es an vielen Stellen in Ostfriesland in diesem Sommer noch mehr Bilderbuchweiden mit Milchkühen geben können. Denn künftig setzen nicht nur die Verbraucher durch den Kauf von Weidemilch-Produkten mit höheren Erzeugerpreisen einen Anreiz für die Weidetierhaltung. Sondern auch das Land Niedersachsen mit einem neuen Förderprogramm. Es sieht pro Milchkuh, die zwischen Mitte Mai und Mitte September an 120 Tagen mindestens für je sechs Stunden auf der Weide ist, eine Prämie vor. Doch der Erfolg des Programms gerät in Gefahr, weil viele Milchbauern nach den Angriffen von Wölfen auf Rinder und Pferde verunsichert sind.

Maren Ziegler vom Landwirtschaftlichen Hauptverein (LHV) in Aurich beobachtet eine große Sorge und Unsicherheit bei den Bauern. Von rund 150.000 Milchkühen und rund 150.000 Rindern in Ostfriesland kommen nach Einschätzung des LHV noch rund zwei Drittel der Kühe und ein Großteil der Rinder im Sommer auf die Weide.

Östlich von Aurich 14 Angriffe auf Rinder seit 2021

Bislang hätten die Landwirte gerade das Jungvieh auch auf entlegene Stücke bringen können. Die Milchkühe müssen wegen des regelmäßigen Melkens auf hofnahem Grünland weiden, sagte Ziegler. Doch nun geht nach mehreren Attacken von Wölfen des Friedeburger Rudels auf Rinder die Angst um – vor allem um die Jungtiere.

Seit 2021 gab es östlich von Aurich bis hin zum Landkreis Friesland allein 14 Angriffe auf Rinder. Und in diesem Jahr attackierten Wölfe in Ostfriesland bereits Schafe, Pferde und ein Rind – auch wenn Pferde und Rinder als eigentlich wehrhaft gelten und die meisten Tiere sogar ordnungsgemäß eingezäunt waren. Udo Haßbargen ist Landwirt in Kirchdorf. In seinem Hofladen verkauft er Weidemilch. Er gehört auch zu denen, die Weidemilch an die Molkerei Ammerland liefern und sich dabei vertraglich verpflichten, ihre Milchkühe in der Saison für mindestens 120 Tage auf die Weide zu lassen. Damit kann er auch vom neuen Förderprogramm des Landes profitieren.

Weiden für das Jungvieh liegen oft weiter entfernt vom Hof

Doch die Unsicherheit ist auch bei Haßbargen groß. Er sorgt sich aber vor allem um das Jungvieh. Während die Kühe vor allem tagsüber zwischen den beiden Melkzeiten auf hofnahen Weiden sind, ist das Jungvieh im Sommer Tag und Nacht draußen – und das auch weiter weg vom Menschen. Eine seiner Jungviehweiden liegt laut Haßbargen in relativ offener Lage in Schirum – zwei Kilometer Luftlinie entfernt von einer Stelle, an der kürzlich ein Wolf gesichtet wurde. Eine andere Weide liegt nur einen Kilometer entfernt von der Stelle, wo in Forlitz-Blaukirchen im Dezember fünf Schafe nach einem Wolfsangriff tot aufgefunden wurden und zwei verschwanden.

Trotz des mulmigen Gefühls wird Haßbargen seine Tiere wieder rausbringen. Die Weidehaltung sei gut für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Und um sämtliche Rinder den Sommer über im Stall zu halten, fehlt schlicht der Platz.

Skepsis gegen die Wirkung von Zäunen

Haßbargen hält wie viele seiner Kollegen Ostfriesland nicht für den richtigen Lebensraum für Wölfe. Mehr als 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen sind Weiden. „Hier wird Weidehaltung von den Landwirten noch gelebt“, so Haßbargen. In anderen Gegenden sei dies längst anders, die Milchkühe seien dort ganzjährig im Stall. Und es gebe Landstriche in Deutschland, die deutlich weniger dicht besiedelt seien als Ostfriesland und wo es zudem kaum Weidetierhaltung gebe – geeignetere Territorien für Wölfe nach Ansicht von Haßbargen.

Er bleibt wolfsabwehrenden Zäunen gegenüber skeptisch. Zum einen sei vielfach bewiesen, dass Wölfe diese durchaus überwinden können. Zum anderen sei die Pflege extrem aufwendig. Jede Pflanze, die den stromführenden Zaun berühre, mindere dessen Wirkung. Daher müssten alle Zäune täglich kontrolliert werden – oder in großem Abstand beispielsweise von Wallhecken gesetzt werden. Dadurch werde dann wiederum die nutzbare Fläche deutlich kleiner.

Ziegler: Halter sind nach dem Anblick von Tieren im Todeskampf traumatisiert

Auch Maren Ziegler teilt diese Skepsis. Wenn jede Weide eingezäunt werde, gleiche Ostfriesland einem Hochsicherheitstrakt – auch für Wild, das das Grünland nutzt und durchzieht. Schon jetzt zeige sich, dass Wild vor dem Wolf ausweichen wolle und daher stärker umherziehe als sonst, sagte die LHV-Geschäftsführerin.

Ziegler hat in den vergangenen Wochen eine Reihe von Landwirten besucht, die Risse zu beklagen hatten. Wer seine Tiere verletzt und hilflos zuckend vorfinde und dann auf den Tierarzt warten müsse, sei traumatisiert. Sie kenne Deichschäfer, die überlegten, ob es für sie noch weitergehe. Ein Betrieb, der noch andere Standbeine habe, habe die Schafhaltung nach einem größeren Riss vorerst aufgegeben. Immer mehr Bauern überlegten, ob sie ihre Tiere nun im Stall lassen, sagte Ziegler. Bei Schafen sei dies nicht möglich. Bei Kühen sei das in anderen Gegenden aber schon sehr verbreitet. Ostfriesland sei da immer noch eine Ausnahme gewesen.

Ziegler hält Entnahme des gesamten Friedeburger Rudels für nötig

„Die Stimmung wird gerade massiv schlecht bei den Weidetierhaltern“, so Ziegler. Sie sorgten sich inzwischen nicht nur um ihre Tiere, sondern angesichts von Wölfen, die nahe an den Wohnhäusern angreifen wie nun in Sande oder Longewehr, auch um ihre Kinder. Schlimm sei für die Betroffenen zudem, wenn sie nicht nur den Schaden hätten, sondern zudem noch angegangen und zum Teil regelrecht beschimpft würden. Es sei auch schon vorgekommen, dass Landwirte berichtet hätten, dass fremde Autos auf dem Hof gehalten hätten.

Ziegler schaut gerade auf das Friedeburger Rudel mit großer Sorge. Eine Abschussgenehmigung für den auffälligen Rüden, der mehrfach Rinder angriff, wurde im vergangenen Jahr kurzzeitig erteilt, dann aber vom Verwaltungsgericht zurückgenommen. Nun habe auch die Fähe gelernt, wie man sich gegen Rinder durchsetze. Das Rudel habe sich auf diese Beute schon spezialisiert. Und so werde das Verhalten auch an die Jungtiere vermittelt. Aus Sicht des LHV sei ein anderes Wolfsmanagement nötig. Und die Entnahme des gesamten Friedeburger Rudels, um Weidehaltung dort weiterhin zu ermöglichen.

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