Kliniken Aurich-Emden-Norden  Krankenhaus-Mitarbeiter beklagen starke Überlastung

| | 21.03.2023 14:06 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Standort Aurich der Ubbo-Emmius-Klinik. Foto: Romuald Banik
Der Standort Aurich der Ubbo-Emmius-Klinik. Foto: Romuald Banik
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In einem anonymen Brief und einer Mitteilung des Fördervereins am UEK-Standort Norden werden kritische Zustände geschildert. Es gibt schwere Vorwürfe gegen die Leitung – die nimmt dazu Stellung.

Aurich/Emden/Norden - Es rumort offenbar kräftig unter den Mitarbeitern der Kliniken Aurich-Emden-Norden. Von zwei Seiten werden jetzt zum Teil schwere Vorwürfe gegen die Leitung der Krankenhäuser erhoben.

In einem anonymen Brief an die ON schildern Mitarbeiter, dass die Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) in Aurich bisweilen von Patienten „überschwemmt“ werde. „Die Arbeitsbelastung ist mehr als am Limit“, schreiben sie. Und: „Wir sind am Ende. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Niemand spricht zu uns, niemand erklärt den Plan der Geschäftsführung“, heißt es in dem Brief.

Ab April/Mai keine Honorarärzte mehr

Die Mitarbeiter wollen erfahren haben, dass ab April/Mai an den Standorten Emden und Norden keine Honorarärzte mehr beschäftigt werden. Dadurch bekomme die UEK Aurich noch mehr Patientenzuweisungen, fürchten die Mitarbeiter. Bereits jetzt würden Patienten in Aurich nachts in der Ambulanz schlafen, weil es keine Betten mehr gebe.

Es gebe keine Abteilung, die ohne Honorarärzte arbeite, so nähmen nachts in Aurich Honorargynäkologen Kaiserschnitte vor. Die Ambulanzen seien besetzt mit Ärzten aus ganz Deutschland, die für doppelte Stundenlöhne arbeiteten und „den Laden am Laufen halten“.

Anonymer Mitarbeiter-Brief: „Die Qualität leidet, die Motivation auch“

Mit einer großen Gynäkologie, den Herzkathetern, der Unfall- und Bauchchirurgie und Pädiatrie leiste Aurich ohnehin einen Großteil der Arbeit. „Die Qualität leidet, die Motivation auch. Krankenstand und Kündigungsmotivation steigen“, heißt es in dem anonymen Brief. Es gebe in den Kliniken keine Kritikfähigkeit. „Wer kritisiert, ist ein Nestbeschmutzer. Man soll funktionieren und den Mund halten“, heißt es im Brief.

Ganz ähnliche Vorwürfe erhebt der Förderverein für die UEK am Standort Norden in einer Pressemitteilung. Dem Verein seien Fälle bekannt, in denen die Gesundheit der Patienten gefährdet werde, die Arbeitsbedingungen das Personal krank machen und Mitarbeiter die Kliniken verlassen, sagt Dr. Axel Schönian. Besonders betroffen sei davon der Standort Norden, an dem am meisten gekürzt worden sei. Die internistischen und chirurgischen Stationen in Norden seien soweit reduziert worden, dass es immer wieder zu Überlastungen komme. Dann müssten Patienten bisweilen in der Notaufnahme oder gar auf den Fluren übernachten, so voll sei es zeitweise. Bis zu zehn Patienten seien davon zeitweise betroffen. Die Krankenhäuser in Aurich und Emden könnten nicht übernehmen, da sie selbst überlastet seien, heißt es vom Förderverein. Das Personal traue sich nicht, etwas zu sagen – aus Angst um den Arbeitsplatz.

Förderverein beklagt „Intransparenz und Heimlichtuerei“

Das geplante Projekt „Statamed“ am Standort Norden sei „keine Lösung, sondern nur ein Schritt zu einer weiteren Verschlechterung“ der Versorgung, schreibt der Förderverein. Das Projekt bedeute eine Umwandlung der Klinik zu einer „besseren Pflegestation“ und der Schließung der Notfallambulanz.

Der Förderverein UEK Norden beklagt in seiner PM außerdem „Intransparenz und Heimlichtuerei der Entscheidungsträger sowie deren Inkompetenz“. Der Verein sorgt sich außerdem, dass dem neuen Klinik-Geschäftsführer Dirk Balster von der Politik nur Vorgaben zu den Finanzen, nicht aber zur medizinischen Versorgung gemacht werden. Im Gegenteil würden Kreispolitiker regelmäßig weitere Einschnitte fordern. „Dafür hat der Förderverein kein Verständnis“, heißt es.

Klinikleitung: „Überlastung leider keine Seltenheit“

Die Klinik-Trägergesellschaft hat auf ON-Anfrage zu den schweren Vorwürfen Stellung genommen. Die drei Krankenhäuser befinden sich laut der Mitteilung in einer „herausfordernden Situation“. Überlastungssituationen seien in der aktuellen Verfassung des Gesundheitswesens „leider keine Seltenheit“, so die Trägergesellschaft. Die Corona-Pandemie habe die Häuser stark belastet und noch Ende 2022 hätten diese eine starke Infektionswelle erlebt. Die Klinik-Leitung räumte ein: „In diesem Zusammenhang kam es zu Überlastungssituationen, die punktuell auch zu ungeplanten längeren Aufenthalten in den Notaufnahmen führten.“

Laut einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) seien im vergangenen Jahr viele Notaufnahmen in Deutschland von diesem Phänomen betroffen gewesen, heißt es.Dass Patienten in den Notaufnahmen längere Aufenthaltszeiten haben, sei „so nicht vorgesehen“, könne aber bei deutlich erhöhten Patientenzahlen punktuell vorkommen. Das zeige aber auch die Bereitschaft, Patienten nicht abzuweisen, sondern ihnen eine bessere medizinische Versorgung zu ermöglichen als es zu Hause möglich wäre, schreibt die Klinik-Geschäftsführung.

Klinik-Chefs sehen „Statamed“-Projekt als Chance für Norden

Umso wichtiger sei daher ein „effektiver Einsatz der Mitarbeiter“. Die Klinik-Geschäftsführung verschaffe sich derzeit einen Überblick über die Lage an den drei Standorten und prüfe mögliche Szenarien, um die Kliniken gut aufzustellen und die Attraktivität für neues Personal zu erhöhen – und das vorhandene Personal bestmöglich einzusetzen. Die Leitung betont zugleich: „Angst um seine Anstellung braucht kein Mitarbeiter aus dem medizinischen Bereich zu haben: Ihre Arbeitsplätze in den Kliniken sind sicher.“

Die Krankenhaus-Chefs nehmen auch Stellung zum am Standort Norden geplanten Projekt „Statamed“: Dieses biete eine „Brücke“ zwischen ambulanter Versorgung durch niedergelassene Haus- oder Fachärzte und stationärer Versorgung. Es solle Standorte stützen, bei denen die stationäre Versorgung wegen des Fachkräftemangels voraussichtlich nicht aufrechterhalten werden könne. Aus Sicht der Trägergesellschaft sei „Statamed“ eine „nachhaltige Chance“, gemeinsam mit den vom Gesetzgeber entwickelten Möglichkeiten am Standort Norden ein relevantes medizinisches Angebot vorzuhalten.

Klinik-Geschäftsführung: Sind in engstem Austausch mit Mitarbeitenden und Betriebsräten

Auch zur Kritik an der geplanten Zentralklinik in Uthwerdum nimmt die Klinikleitung Stellung: Ein wesentlicher Grund für die geplante Bündelung medizinischer Leistungen sei die Reduzierung von Vorhaltekosten. Derzeit sei etwa die chirurgische und internistische Rund-um-die-Uhr-Versorgung an allen drei Standorten erforderlich. „Dadurch werden erhebliche Kapazitäten gebunden, die heute anteilig durch externe Honorar-Ärzte erbracht werden, insbesondere auch zur Entlastung der eigenen Mitarbeiter. Es ist nicht davon auszugehen, dass ab April keine Honorarärzte mehr eingesetzt werden. Dies wird in der Zentralklinik in diesem Umfang nicht mehr notwendig sein“, heißt es von der Trägergesellschaft.

Die Klinik-Geschäftsführung stehe „in engstem Austausch mit den Mitarbeitenden der Standorte, den Betriebsräten und den Klinikleitungen, um in den Jahren entstandene Herausforderungen und Probleme aufzunehmen sowie Lösungen zu entwickeln“, heißt es weiter. Zur Unterstützung sei Anfang des Jahres an jedem Standort ein eigenes Leitungsgremium, bestehend aus dem jeweiligen Ärztlichen Direktor, einem Vertreter der Pflege und einem Verwaltungsmitarbeiter, etabliert worden, das als lokaler Ansprechpartner agiere, heißt es abschließend.

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