Wiesmoorer Drogenplantage Raunen aus Zuschauerraum blieb vor Gericht ungehört
Ein Zeuge sollte im Wiesmoorer Drogenprozess auf Fotos einen mutmaßlich Beteiligten erkennen. Dass dies scheiterte, gefiel nicht allen.
Wiesmoor/Aurich - Seit neun Monaten ist der Wiesmoorer Unternehmer und Ex-Bürgermeister-Kandidat Christian Rademacher-Jelten nun in U-Haft. Und vor ziemlich genau einem Jahr – über die genauen Daten wird vor dem Auricher Landgericht derzeit noch gestritten – nahm die Drogenplantage im Wiesmoorer Autohaus ihren Anfang, wegen der er seit November vor Gericht steht.
Am Mittwoch sagten im Prozess gegen Rademacher-Jelten und einen weiteren Angeklagten, der die Marihuana-Plantage organisiert haben soll, drei Zeugen aus. Um den ersten war in der Verhandlung in der vergangenen Woche recht viel Bohei gemacht worden. Auf Antrag des Verteidigers Joë Thérond war die Öffentlichkeit zeitweise von der Verhandlung ausgeschlossen worden. Die Begründung des Verteidigers: Er wolle einen Antrag stellen, der in öffentlicher Verlesung eine Gefahr für die öffentliche Ordnung wäre. Mehr erfuhren die Zuhörer nicht, denn in der vergangenen Woche folgte die Große Strafkammer dem Antrag auf nicht-öffentliche Verhandlung.
Verteidiger: Aussage soll auch nicht-öffentlich stattfinden
In dieser Woche war nun einer der ehemaligen Mitangeklagten, der als einer von zwei Gärtnern in der Plantage bereits zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, als Zeuge geladen. Seine Aussage hatte aus Sicht der Verteidigung offenbar eine potenziell große Sprengkraft. Jedenfalls erfolgte ein erneuter Antrag, die Öffentlichkeit für die Dauer der Aussage auszuschließen, um die öffentliche Ordnung nicht zu gefährden.
So mancher Zuhörer musste aktiv das Gefühl bekämpfen, dass hinter der Drogenplantage im Autohaus womöglich noch ganz andere Dinge stecken. Da das Gericht den Antrag auf Ausschluss zurückwies – mit der Begründung, dass der Zeuge bereits öffentlich zu der Sache als Angeklagter ausgesagt habe – mutete das, was folgte, dann aber recht unspektakulär an.
Zeuge erkannte keine der Personen
Dem Zeugen, der aus der JVA in den Gerichtssaal gebracht worden war, wurden Fotos von möglichen Beteiligten vorgelegt. Er sollte in einer sogenannten Wahllichtbildvorlage sagen, ob er eine der abgebildeten Personen erkennt. In den beiden Mappen, die das Gericht ihm vorlegte, befanden sich demnach auch Fotos von gänzlich Unbeteiligten, die der fraglichen Person ähnlich sehen.
Offenbar haben die Verteidiger weitere mögliche Verdächtige ins Spiel gebracht, die nun identifiziert werden sollten. Doch der Zeuge gab bei allen Fotos an, die Person noch nie gesehen zu haben. Und auch ein Gruppenfoto, auf dem er selbst bei einer der fraglichen Wiesmoorer Immobilien in einer Gruppe zu sehen ist, konnte er nicht weiter kommentieren. Er sei von dem mysteriösen „Blonden“, der ihn und einen weiteren Hanfgärtner nach Wiesmoor gebracht habe und dort die Kontaktperson gewesen sein soll, auf dem Hof abgesetzt worden. Der Blonde, dessen Identität im Prozess noch nicht geklärt wurde, taucht seit den Aussagen der Hanfgärtner zu Prozessbeginn immer wieder als mutmaßlicher Strippenzieher auf.
Auf dem Hof seien bei seiner Ankunft zeitgleich auch die anderen Personen gewesen, die auf dem Foto zu sehen seien, so der Zeuge. Er kenne sie aber weder noch habe er mit ihnen gesprochen.
Raunen aus dem Zuschauerraum wurde unterbunden
Von einem Zuhörer war während diese Aussagen verschiedentlich ein Raunen in Richtung von Thérond zu vernehmen, dass „der Blonde“ auf dem Gruppenfoto doch direkt neben dem Zeugen stehe und dass dieser lüge. Doch diese Einmischung wurde von den Justizbeamten unterbunden.
Immerhin: Sehr sicher war der Zeuge sich, dass er in der ersten Märzwoche 2022 in Wiesmoor ankam und nach einer zweiwöchigen Wartezeit in die Hanfplantage gebracht wurde, wo vom ersten Tag an bereits Pflanzen zu pflegen waren.
Das schätzten die beiden weiteren Zeugen anders ein. Sie sagten zwar beide, dass sich Ende Februar/Anfang März 2022 etwas in den beiden fraglichen Wiesmoorer Immobilien verändert habe. Der zweite Zeuge musste beispielsweise eine Halle auf dem Gärtnereigelände räumen, auf dem später 40 Kilogramm verpacktes Marihuana gefunden wurden. Der dritte Zeuge, der seit 2020 als Fahrer für eine Autoteilefirma im Auftrag von Rademacher-Jelten mehrfach Waren zum Autohaus gebracht hatte, berichtete von einem Auftragsende im März 2022.
Zeugen standen in geschäftlicher Verbindung zum Angeklagten
Der zweite Zeuge sagte, dass er verschiedentlich für Rademacher-Jelten gearbeitet habe. Er sei auf Serviceleistungen im Zusammenhang mit Reparaturen und Gebäude spezialisiert. Der zweite Zeuge beschrieb sich als „guter Sportskamerad“ des Wiesmoorers, den er seit 20 Jahren durch den Fußball kenne. Auch als Steuerberater war Rademacher-Jelten für die Zeugen tätig. Doch das ist nicht alles: Die beiden Männer stehen geschäftlich unmittelbar oder über eine kurze Zwischenverbindung in enger Beziehung zum umfangreichen Firmennetzwerk um Rademacher-Jelten.
Der zweite Zeuge berichtete, dass er zusammen mit Rademacher-Jelten im vergangenen Jahr Ende Februar/Anfang März das Autohaus besichtigt habe, weil Rademacher-Jelten dort Wohnungen für Geflüchtete einrichten wollte. Der Wiesmoorer, gegen den auch wegen Betruges mit Corona-Testzentren und Subventionsbetruges bei Corona-Hilfen ermittelt wird, witterte offenbar schon Tage nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine ein Geschäft bei der Unterbringung von Geflüchteten.
Verteidiger wollen weitere Zeugen hören
Entsprechende E-Mails an den Landkreis hatten die Verteidiger bereits vorgelegt. Die Vermietung wäre nach seiner Einschätzung wegen des schlechten Zustands des Gebäudes aber nicht ohne aufwendigen Umbau möglich gewesen, sagte der Zeuge, sodass er vorgeschlagen habe, Wohncontainer in den großen Räumen aufzustellen. Deshalb sei auch das Tor zur Werkstatt geöffnet worden, um die Maße aufzunehmen. Eine Plantage oder Hinweise auf Pflanzen habe es da noch nicht gegeben, beteuerte der Zeuge.
Für die Verteidiger von Rademacher-Jelten war dies der Auslöser für weitere Beweisanträge. So soll ein Sachverständiger für Marihuanapflanzen gehört werden, um zu klären, wann die Plantage angelegt wurde. Auch ein Landkreismitarbeiter soll sich zu dem Angebot für die Geflüchtetenunterbringung äußern. Und die Hümmlinger Volksbank, die in Ostfriesland immer wieder im Zusammenhang mit Immobilien auftaucht – so bei Scholzes Clubhaus in Großefehn oder beim Tannenhausener Hof in Aurich – soll nach Wunsch der Verteidiger auch noch einen Zeugen schicken. Der Prozess wird 9. März fortgesetzt.
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Schwere Geschütze für mehr Akteneinsicht im Prozess
Wiesmoorer Drogenplantage – Verdächtiger wurde ausgeliefert
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