Ein Jahr Krieg in der Ukraine  Landrat sieht Krise bislang gut gemeistert

| | 23.02.2023 18:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf dem Auricher Kreishaus weht aus Solidarität seit längerer Zeit die ukrainische Flagge. Foto: Romuald Banik
Auf dem Auricher Kreishaus weht aus Solidarität seit längerer Zeit die ukrainische Flagge. Foto: Romuald Banik
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Mehr als 3000 ukrainische Kriegsflüchtlinge hat der Landkreis Aurich seit 24. Februar 2022 aufgenommen. Olaf Meinen zieht trotz der bedrückenden Lage eine positive Bilanz – und zeigt sich beeindruckt.

Aurich - Seit vielen Jahren lebt die Ukrainerin in der Nachbarschaft von Olaf Meinen in Strackholt. Als der Auricher Landrat erfuhr, dass deren Tochter mit ihrem Kleinkind vor dem Krieg geflohen war, sei er eines Abends rübergegangen, um zu sagen: Wenn etwas ist, gebt Bescheid. Der Schwiegersohn hatte in der Ukraine bleiben müssen und als das Handy der Frau klingelte, stellte sie es laut. Just in dem Moment ertönte eine Sirene für den Luftalarm aus dem Telefon. „Das war wie ein kalter Schauer, ein bedrückendes Gefühl“, sagt Meinen im Gespräch mit den ON ein Jahr nach Kriegsbeginn.

Der Auricher Landrat Olaf Meinen. Foto: Romuald Banik
Der Auricher Landrat Olaf Meinen. Foto: Romuald Banik

Ein Jahr Krieg in der Ukraine bedeutet nicht nur unfassbares Leid für die Menschen dort, sondern zugleich viel Arbeit für die Auricher Kreisverwaltung. Sie ist zuständig für die Unterbringung der mittlerweile mehr als 3000 Kriegsflüchtlinge, die seit 24. Februar 2022 in den Kreis kamen. Doch trotz der bedrückenden Lage und schwieriger Situationen in den vergangenen zwölf Monaten hat der Landkreis Aurich die Krise infolge des Angriffskriegs gegen die Ukraine bislang gut gemeistert, ist Meinen überzeugt.

Schwer beeindruckt von professioneller Arbeit und großer Hilfsbereitschaft

Er sei schwer beeindruckt von der schnellen und professionellen Reaktion seiner Mitarbeiter in der Kreisverwaltung, aber auch von der Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, so Meinen. Dabei hatte man im Kreishaus Anfang des Jahres 2022 eigentlich die Hoffnung, nach zwei Jahren endlich die Corona-Krise mit ihren Beschränkungen, Verordnungen, Test- und Impfzentren überwunden zu haben. „Die Belastung der Mitarbeiter war hoch“, berichtet Meinen. Und dann kam die neuerliche Flüchtlingskrise – plus eine Energiekrise.

Bereits am 24. Februar habe er die zuständigen Kollegen zusammengerufen. Am nächsten Tag wurde dann ein eigener Krisenstab gebildet, unter anderem mit Vertretern des Ordnungsamtes, des Sozial- und Jugendamtes und der Kreisvolkshochschule. „Da war schon klar, dass etwas auf uns zukommt. Aber ich war beeindruckt, wie schnell die Kollegen geschaltet haben“, erinnert sich Meinen.

Hilfreich waren Erfahrungen aus der Krise 2015/16

Sehr hilfreich seien die Erfahrungen aus der Flüchtlingskrise 2015/16 gewesen. Schon damals war vor allem die Kreisvolkshochschule federführend für die Betreuung zuständig. Hauptaufgabe des Landkreises war die Versorgung der Kriegsflüchtlinge mit Wohnraum. „Unser Job ist, den Leuten ein Obdach zu geben“, so Meinen. Zwischenzeitlich war das problematisch, händeringend wurden Wohnungen gesucht. Mittlerweile hat sich die Situation dank der alten Küstenfunkstelle Utlandshörn, Containerdörfern und der früheren Auricher Kaserne entspannt.

Zwar habe es auch für die Kreisverwaltung schwierige Situationen gegeben, etwa als Ende Juni einmal 130 unangemeldete Ukrainer zurück zur zentralen Aufnahmestelle nach Hannover geschickt werden mussten. Oder als die Bundesimmobilienanstalt Anträge für die Nutzung der Kaserne verweigerte.

„Willkommenszentrum“ Utlandshörn hatte Vorbildcharakter

Doch Projekte wie die schnelle Einrichtung eines „Willkommenszentrums“ in der ehemaligen Küstenfunkstelle Utlandshörn innerhalb weniger Tage hätten geradezu Vorbildcharakter für andere Landkreise gehabt, so Meinen. Auch die Nutzung der ehemaligen Auricher Kaserne sei letztlich, nach einigem Hin und Her mit Stadt und Bund, ein Glücksfall. Die ersten Flüchtlinge seien dieser Tage in das ehemalige Divisionsgebäude eingezogen, berichtete Meinen.

Wegen dieser und weiterer Unterbringungsmöglichkeiten, etwa in einem Containerdorf in Extum, habe man bisher auf die Belegung von Turnhallen im Kreisgebiet verzichten können – bis auf die Halle auf dem Kasernengelände. Zusätzlich zu den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine nahm aber zwischenzeitlich auch der Zustrom aus anderen Ländern wie Syrien und Afghanistan wieder zu. Derzeit kommen rund 35 Flüchtlinge pro Woche, allerdings derzeit keine Ukrainer, weil Niedersachsen seine Quote erfüllt hat. ,„Für uns war immer wichtig, dass es keine Flüchtlinge erster und zweiter Klasse gibt“, betont Landrat Meinen.

Was ihm aber auch auffiel in den letzten zwölf Monaten: „Man ist manchmal entsetzt, dass es auch hier Leute gibt, die ein Geschäft damit machen wollen.“

Landrat hofft auf weitere Finanzhilfen vom Bund

Finanziell bedeuteten die Kriegsfolgen für den Landkreis Aurich zwar eine erhebliche Herausforderung. Mehrere Millionen Euro werden bislang nicht übernommen. „Aber ich gehe davon aus, dass der Bund da noch Geld auf den Tisch legen wird“, so Meinen.

Alles in allem aber „ist es wirklich sehr gut gelaufen“, meint der Landrat. Es habe nicht, wie in anderen Teilen Deutschlands immer wieder, Proteste aus der Bevölkerung gegen Flüchtlingsunterkünfte gegeben. „Es ist uns sehr geräuschlos gelungen“, so Meinen. Schwer beeindruckt war und ist er weiter von der Hilfsbereitschaft der Ostfriesen. „Die war riesengroß und dauert bis heute an.“

In den früheren „Internationalen Gärten“ in Aurich-Extum ist ein Containerdorf entstanden. Foto: Romuald Banik
In den früheren „Internationalen Gärten“ in Aurich-Extum ist ein Containerdorf entstanden. Foto: Romuald Banik

Und wenn bald doch wieder mehr Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in den Landkreis Aurich kommen? „Wir sind gut vorbereitet“, sagt Landrat Olaf Meinen.

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