Aus Erdbebengebiet zurück  Auricher ist erschüttert von Nachrichten aus der Türkei

Neelke Harms
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Von Neelke Harms
| 21.02.2023 18:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Auricher Muhammed Gökhan ist aus dem Erdbebengebiet zurück und sorgt sich um die Menschen vor Ort. Foto: Neelke Harms
Der Auricher Muhammed Gökhan ist aus dem Erdbebengebiet zurück und sorgt sich um die Menschen vor Ort. Foto: Neelke Harms
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Muhammed Gökhan kehrte aus dem Katastrophengebiet zurück. Nach einem weiteren Erdbeben wachsen seine Sorge und sein Wille, Spenden zu sammeln.

Aurich/Iskenderun/Adana - Kaum ist der Auricher Muhammed Gökhan aus dem Katastrophengebiet in der Türkei zurück, erschüttert ein weiteres Erdbeben die Region – und den 32-Jährigen. „Das zu hören, war heftig für mich. Ich habe den Nachrichtensender sofort ausgeschaltet“, sagt er am Dienstag den ON.

Muhammed Gökhan steckte selbst tagelang im Erdbebengebiet fest. Nun ist er in großer Sorge um seine Familie. Denn eine seiner Schwestern sowie seine Cousins leben noch dort. Und er selbst ist immer noch schockiert von dem, was er vor Ort erlebt hat.

Auch das zweite Erdbeben zerstörte in der Türkei wieder zahlreiche Gebäude. Foto: privat
Auch das zweite Erdbeben zerstörte in der Türkei wieder zahlreiche Gebäude. Foto: privat

Auricher wünschte sich in der Türkei den Tod

„Ich habe mir den Tod gewünscht. Wenn etwas vibriert, bekomme ich Angst“, sagt der Auricher vergangene Woche, einen Tag, nachdem er wieder in Ostfriesland angekommen ist. Denn was er in seiner Heimat gesehen hat, kann er nicht vergessen. Kinder, die verzweifelt ihre Eltern suchen, Frauen, die um ihre Männer weinen und leblose Körper, die kaum noch zu identifizieren sind – das sind Bilder, die für immer in seinem Kopf bleiben. „Ich bin psychisch am Ende“, sagt der 32-Jährige. Er will erst einmal nicht wieder in die Türkei reisen. Zu groß ist die Angst vor einer weiteren Katastrophe.

Elf Tage hatte der Auricher mit seiner Mutter und Schwester in der Türkei bei seiner Familie verbracht, als nachts plötzlich die Erde zu beben begann. Die Schreie seiner Mutter und ein auf ihn fallender Schrank rissen ihn aus dem Schlaf. So schnell es ging, rettete der Auricher sich und seine Familie aus dem Haus, in dem auch die Familie seines Schwagers lebt.

Die untere Etage des Hauses, in dem Muhammed Gökhan schlief, ist komplett eingestürzt. Foto: privat
Die untere Etage des Hauses, in dem Muhammed Gökhan schlief, ist komplett eingestürzt. Foto: privat

Preise haben sich vervielfacht

Danach lebte Muhammed Gökhan tagelang auf der Straße. Ein Nachbar der Familie hatte einen kleinen Bus, in dem Frauen und Kinder schlafen konnten.

Aus dem Ort Iskenderun, an dem die Erde besonders stark bebte, herauszukommen, war nicht einfach. Für die Fahrt von dort ins 127 Kilometer entfernte Adana habe er siebenmal so viel wie bei seiner Anreise gezahlt, sagt Muhammed Gökhan. Das Geld dafür lieh er sich. Denn er war den Trümmern nur mit der Kleidung, die er am Leib trug, entkommen.

Kriminalität im Katastrophengebiet

Damit ist er nicht allein. Zahlreiche Menschen haben im Erdbebengebiet alles verloren. Und wer dort einen funktionierenden Geldautomaten oder die Anlaufstelle einer staatlichen Hilfsorganisation finden will, muss teilweise kilometerweit laufen, sagt der Auricher.

Hinzu kommt laut Muhammed Gökhan die Kriminalität. In Adana angekommen hatten er und seine Familie wieder ein Dach über dem Kopf. Immer abwechselnd standen sie Wache vor dem Eingang des Hauses. Denn während viele sich gegenseitig halfen, Fremden das Leben retteten, nutzten andere die Situation schamlos aus, sagt Muhammed Gökhan. Sie brachen in die Häuser ein, und bestahlen die Leute, die ohnehin kaum etwas hatten. „Mir fällt dazu nichts mehr ein. Das sind herzlose Menschen. Die sind verloren“, sagt Muhammed Gökhan.

Mit einem Bagger wird in den Trümmern gesucht. Foto: privat
Mit einem Bagger wird in den Trümmern gesucht. Foto: privat

In wenigen Tagen 700 Euro gesammelt

Noch als er vor Ort war, startete der Auricher selbst einen Spendenaufruf: Mithilfe von Freunden und Familie kamen innerhalb weniger Tage rund 700 Euro zusammen. Davon kaufte der 32-Jährige vor allem Powerbanks, Zelte, Leichentücher und Lebensmittel. Das sei immer noch, was vor Ort am meisten gebraucht würde, so Muhammed Gökhan. Im Gespräch mit den ON zeigt er Videos, die er den Spendern als Beweis schickte. Zu sehen ist, wie er die Hilfsgüter kauft und bei ehrenamtlichen Helfern im örtlichen Rathaus abgibt.

Der 32-Jährige will auch von Aurich aus weiterhin Spendengelder sammeln und die Gelder an seine Familie senden, die sich vor Ort für die Betroffenen einsetzten. Wer ihn unterstützen möchte, kann sich entweder per E-Mail unter moo25111988@gmail.com oder unter Tel. 01 60/7 91 51 93 melden. „Mein größter Wunsch ist, dass die Menschen dort wieder mit vollem Bauch schlafen gehen“, sagt Muhammed Gökhan.

Ein Gebäude ist komplett eingestürzt. Foto: privat
Ein Gebäude ist komplett eingestürzt. Foto: privat

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