Erdbeben in der Türkei Auricher Familie sendet Hilferuf aus den Trümmern
Muhammed Gökhan steckt mit seiner Mutter und seiner Schwester im Erdbebengebiet fest. Er berichtet vom Schicksal der Menschen vor Ort. Und davon, was sie nun am meisten benötigen.
Aurich/Adana - Während über ihm das Dach einstürzt, rettet der Auricher Muhammed Gökhan sich, seine Mutter und seine Schwester aus einer Wohnung in Iskenderun. Dem Ort in der Türkei, in dem die Erde besonders stark bebte. Nur mit der Kleidung, die sie am Leib trugen, und ihren Ausweispapieren entkam die Familie vor wenigen Tagen knapp den herabfallenden Trümmerteilen.
Die Auricher waren in die Heimat geflogen, um das Grab des vor fünf Monaten verstorbenen Vaters zu besuchen. Eigentlich wollten sie nun schon wieder in Ostfriesland sein. Doch der Flug wurde gestrichen. Für Dienstag kommender Woche konnte Muhammed Gökhan nun Tickets bekommen. Das Geld dafür musste er sich leihen. Erst einmal steckt die Familie nun in Adana, einem Ort 127 Kilometer von Iskenderun entfernt, fest. Unzählige Menschen rettete der Auricher bereits aus den Trümmern. Den ON erzählt er von Eltern, die ihre Kinder aus dem dritten Stock eines Hauses werfen, um ihnen das Leben zu retten, während die Erde bebt. Muhammed Gökhan stand unten und fing sie auf.
Ohne Hab und Gut auf der Straße
Mittlerweile hat die Auricher Familie wieder ein Dach über dem Kopf. Andere Verwandte verbringen Tag und Nacht auf der Straße. Und auch Muhammed Gökhan erzählt, selbst drei Tage ohne Wasser und Brot auf der Straße geschlafen zu haben. Für viele Menschen ist das immer noch Alltag. Sie haben alles verloren. Und zahlreiche Personen werden weiterhin vermisst.
Spenden für Erdbebenopfer
Wer die Menschen vor Ort mit Spenden unterstützen möchte, kann sich an Muhammed Gökhan wenden. Der Auricher ist unter moo25111988@gmail.com per E-Mail erreichbar.
Der Auricher schickt Videos aus dem Katastrophengebiet, aufgenommen vor wenigen Tagen: Eine Horde Menschen steht vor einem riesigen Haufen aus Schutt und Asche. Sie weinen, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, während andere eine in eine Decke gewickelte Person aus den Trümmern eines Hauses tragen. Ob die Person, die in dem Video aus den Trümmern geborgen wird, tot oder lebendig ist, weiß in dem Moment der Aufnahme noch niemand.
Ohne Wasser, Kleidung und Elektrizität
„Meine Psyche ist kaputt. Ich habe mehr Leichen gesehen als in einem Horrorfilm. Ich habe keine Tränen mehr“, sagt der Auricher den ON. Und bittet dringend um Hilfe. Vor Ort fehle es an allem. Die Menschen haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Warme Jacken, Schuhe und Decken werden laut Muhammed Gökhan überall gebraucht. Denn die Menschen haben kaum eine Möglichkeit, sich etwas zu kaufen. Zwar sind vereinzelte Kioske geöffnet, doch kaum ein Bankautomat funktioniert noch.
Sehr wichtig sei für die Betroffenen momentan auch, Powerbanks zu bekommen, um ihre Telefone aufzuladen, sagt Muhammed Gökhan. Denn Elektrizität gibt es vielerorts nicht. Die Menschen vor Ort verlieren den Kontakt zu ihren Angehörigen. Das erlebt auch der Auricher selbst. Für unsere Redaktion ist er nur über soziale Netzwerke erreichbar. Telefonnetz gibt es nicht.
Leichen liegen gestapelt auf den Straßen
Zudem würden Leichentücher benötigt werden, sagt der Auricher. Die Körper der verstorbenen Menschen würden mittlerweile in Plastikplanen eingewickelt und gestapelt auf öffentlichen Straßen liegen und auf den Dächern von PKW transportiert.
Hilfsorganisationen sind bereits vor Ort im Einsatz. Doch für viele Menschen seien diese unerreichbar, erzählt der Auricher. Die nächstgelegene Anlaufstelle sei rund vier Kilometer von ihm entfernt. Die Menschen könnten dort nicht hinlaufen, weil auf dem Weg zahlreiche einsturzgefährdete Häuser stünden. Und wann das nächste Erdbeben kommt, ist unberechenbar. „Es gibt den ganzen Tag über Erdbeben. Alle fünf Minuten. Es ist so eine schreckliche Situation. So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt der Auricher.
Aufnahmestopp in Krankenhäusern
Wer kann, packt im Krisengebiet mit an. Religion und Nationalität würden keine Rolle spielen, alle halten zusammen, sagt der Auricher. Er selbst habe unzählige Leute aus Trümmern gerettet. Kinder seien alleine auf den Straßen unterwegs, um ihre Familie zu finden.
Laut seinen Erzählungen ist das Gesundheitssystem komplett überlastet. „Die Krankenhäuser nehmen keine Patienten mehr an“, sagt Muhammed Gökhan. Eines sei komplett eingestürzt. „Ich werde versuchen, allen zu helfen, so gut es geht“, sagt der Auricher. Und er ruft dazu auf, sich an Hilfsorganisationen zu wenden und zu Spenden. „Uns geht es nicht gut. Ich bitte euch, uns zu helfen“, sagt der Auricher.
Am Donnerstag sind von Deutschland aus drei Flugzeuge mit rund 50 Tonnen Hilfsgütern in die Türkei geflogen. Im Laufe des Tages sollen sich drei weitere Flieger mit insgesamt 40 Tonnen Material auf den Weg machen. „Wir fliegen so lange wie nötig“, sagt Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Freitagmorgen am Militärflughafen Wunstorf bei Hannover der DPA.
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