Einzelkämpferin  Heidrun Weber – die Antragstellerin im Auricher Stadtrat

| | 19.02.2023 16:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Heidrun Weber ist seit einem Jahr im Stadtrat. Foto: Karin Böhmer
Heidrun Weber ist seit einem Jahr im Stadtrat. Foto: Karin Böhmer
Artikel teilen:

Seit einem Jahr vertritt Heidrun Weber alleine die GfA im Auricher Rat – fast nirgendwo hat sie Rederecht, weiß sich aber zu helfen. Und das nicht nur mit ihrem Strickzeug.

Aurich - Die Stricknadeln von Heidrun Weber klicken, während rund um sie gestritten oder zumindest diskutiert wird. Weber ist seit einem Jahr Mitglied im Stadtrat und vertritt dort die Wählergemeinschaft der GfA – als Einzelkämpferin. Oft sieht man sie in Ausschusssitzungen, auch wenn sie dort kein Mitglied ist. Es gibt niemanden, mit dem sie sich die Arbeit teilen kann und der auch Gremien besucht und dort die Dinge verfolgt. Daher versucht Weber, so viele Ausschüsse wie möglich mitzunehmen, um über die dort geführte Diskussionen auf dem Laufenden zu bleiben.

„Und weil ich da nichts sagen darf, aber so unheimlich gerne was sagen würde, muss ich stricken, um das auszuhalten“, so die Auricherin. Sitzungsgeld bekommt sie für diese Termine nicht. Die Entschädigung gibt es nur, wenn die an Sitzungen des Stadtrates, des Umweltausschusses und des Ortsrates Kernstadt teilnimmt.

Nur in einem Gremium stimmberechtigt

Nach der Kommunalwahl im Herbst 2021 bestand die GfA-Fraktion zunächst noch aus Hans-Gerd Meyerholz und Hermann Ihnen. Im Januar 2022 gab Meyerholz sein Mandat zurück. Weber hatte als seine Nachfolgerin ihre erste Ratssitzung am 17. Februar. Und im März kehrte Hermann Ihnen der GfA den Rücken und nahm den Sitz zur AWG mit. Weber rückte also recht überraschend in den Stadtrat nach und war dann auch schnell auf sich allein gestellt. Die GfA verlor den Fraktionsstatus und damit die beratende Stimme im Schul-, im Sozial-, im Wirtschafts-, im Bau- und im Finanzausschuss. Nur im Umweltausschuss darf sich Heidrun Weber noch zu Wort melden, stimmberechtigt ist sie aber nur im Stadtrat.

An ihre erste Sitzung im vergangenen Februar kann Weber sich noch gut erinnern. Nach der Pflichtenbelehrung kamen die Abstimmungen. „Ich wurde dann ständig übersehen und trotzdem darüber aufgeklärt, dass ich auch mit abstimmen müsse. Johann Stromann [Leiter der Stabstelle Bürgermeister, Anmerkung der Redaktion] hat danach bestimmt noch fünfmal laut gesagt ,Frau Weber hat auch dagegengestimmt‘“, erinnert sich Weber. Das sei schon ein Gefühl des Vorgeführtwerdens gewesen. Und bei ihrer ersten Sitzung im Verwaltungsausschuss habe sie sich gemeldet und auch schon auf der Redner-Liste gestanden, als dann auch festgestellt wurde, dass sie kein Rederecht habe. Also wieder schweigen. Nicht mal Fragen stellen.

Der Antrag als einziger Weg

Weber fand einen Weg, sich Gehör zu verschaffen: Sie stellt Antrag um Antrag. „Dann muss man mich ja dazu hören und sich mit meinen Anliegen befassen“, so die Ratsfrau. Der Strauß an Themen ist dabei bunt: einzelne autofreie Sonntage in der Innenstadt, die Einführung einer Restaurierungs- und Bebauungsordnung, die Erweiterung der Öffnungszeiten der Norderstraße für den Radverkehr, Fassadenbegrünung in der Fußgängerzone, Umgestaltung des Auricher Rathausvorplatzes, Anlegen von Blühwiesen, personelle Verstärkung im Fachbereich Bauen und anderes.

Vieles stamme aus der Zeit vor ihrer Ratsarbeit, wo sie sich als Bürgerin manches anders gewünscht hätte, sagt sie. Nun versucht sie, diese Dinge in die Wege zu leiten. Durchsetzen konnte Weber sich mit den wenigsten Ideen. Diskutiert wurde aber – und zum Teil wurden die Anliegen in etwas geänderter Form beschlossen. So sollen beispielsweise tatsächlich Aushangkästen für Ankündigungen von Vereinen und Verbänden entstehen – aber etwas anders, als von Weber vorgeschlagen.

Enttäuscht über anfänglichen Umgang

Manchmal ärgert sie sich über das zähe Prozedere. So enthält ein Antrag auch die Forderung, die Rosenbeete am Sitz des Verkehrsvereins am Pferdemarkt endlich wieder zu bepflanzen. Statt daraus nun einen großen Verwaltungsakt zu machen, könne der Verkehrsverein auch einfach losgehen, auf dem Markt ein paar Rosen kaufen und diese einpflanzen, findet Weber.

Ein Ratsherr habe sie anfangs zur Seite genommen und ihr recht abschätzig vorgeworfen, naive Anträge zu stellen. „Ich glaube nicht, dass er das so auch zu einem Mann gesagt hätte“, sagt Weber. Wer im Stadtrat neu beginne, müsse schon ein wenig Durchhaltevermögen mitbringen. „Anfangs dachte ich: Was hast du bloß getan? Aber inzwischen bin ich schon fast süchtig.“ Das sagte Weber auch in der jüngsten Ratssitzung, wo sie eine durchmischte Bilanz des ersten Jahres zog.

Süchtig mache, dass sie Informationen nun aus erster Hand bekomme. „Und es wird einem sehr viel Vertrauen geschenkt.“, so die GfA-Ratsfrau. Das gelte für die Verwaltung ebenso wie für die GfA, die ihre Ratsfrau eigentlich erst kurz kenne.

Persönliche Ansprache führte zum Entschluss

Sie habe sich vor fünf Jahren schon mal bei der Wählergemeinschaft engagiert, sei aber nicht eingetreten. Und das Interesse sei auch schnell wieder erlahmt, weil die GfA ihr damals zu wenig Gewicht auf ökologische Fragen gelegt habe, berichtet Weber. Das habe sich inzwischen aber deutlich gewandelt. Als Hans-Gerd Meyerholz im Sommer 2021 bei ihr geklingelt habe, um zu fragen, ob sie kandidieren wolle, habe sie Ja gesagt. Und könne nun auch eigene Schwerpunkte setzten.

„Als ich 20 war, hat ein guter Freund schon mal zu mir gesagt, dass ich in die Politik müsste“, erzählt die Auricherin. Sie habe sich jedoch immer mehr zu Bürgerinitiativen hingezogen gefühlt, weil man dort freier und oft auch effektiver agieren könne. Aber andererseits würden viele Entscheidungen nun mal in der Politik getroffen. Und deshalb habe sie kandidiert und freue sich über den Rückhalt aus der GfA und dass ihre Ideen dort ernstgenommen werden. Verbiegen musste sie sich bislang nach eigener Aussage nicht, um ihre und die Interessen der GfA unter einen Hut zu bekommen. In einem Fall hätte sie privat anders abgestimmt, aber sie hätte nicht gegen ihr Gewissen verstoßen müssen.

„Geld, das man nicht hat, kann man nicht ausgeben“

Auch nicht beim neuen Standort der Kunstschule? Weber, die in der Kita „Pinguin“ arbeitet, den Verein Lesetoll leitet und entsprechend kultur- und bildungsbegeistert ist, hätte doch eigentlich für den Umzug stimmen müssen, oder nicht? „Nein“, sagt die Ratsfrau überzeugt. Die Nutzfläche für die Einrichtungen sei immer kleiner geworden und die Kosten seien explodiert. „Geld, das man nicht hat, kann man nicht ausgeben“, sagt Weber. „Das mache ich privat auch nicht.“

Sie wünsche sich dringend, dass sich mehr Frauen für den Rat aufstellen lassen. 15 Frauen waren nach der Wahl im 41-köpfigen Gremium vertreten. Nach den Abgängen von Klara Jéhn-de Witt und Viola Czerwonka (beide Grüne), auf die je Männer folgten, und Webers Einstieg sind es noch 14.

Aufreibend sei allerdings, dass Dinge so lange dauern und viele Vorschläge zerredet würden. Sie habe den Eindruck, dass auch persönliche Interessen nicht selten bei den Entscheidungen eine Rolle spielten. Manchmal habe sie den Eindruck, dass die Vorlagen vor der Diskussion nicht gründlich gelesen werden. Und dass Ratsleute mit abweichender Meinung es schwer hätten, Rederecht zu bekommen. Sie habe sich beispielsweise gewundert, dass sie als Kita-Mitarbeiterin im Zuge der Debatte um die Kita-Trägerschaft nie gehört worden sei. „Da kenne ich mich mit den tatsächlichen Abläufen doch aus.“ Aber sie habe schweigend dasitzen müssen. Und sich am Strickzeug festgehalten.

Ähnliche Artikel