Erster Freiluft-Neujahrsempfang in Emden Appelle und Visionen im stürmischem Januar-Regen
Seinen zweiten Neujahrsempfang als Oberbürgermeister veranstaltete Tim Kruithoff „Open-Air“. Der 45-Jährige plädierte für Mut zur Veränderung der Innenstadt - und stellte eine Forderung an das Land.
Emden - Stürmische Regen-Böen peitschten am Sonnabendvormittag über den Rathausplatz, als Tim Kruithoff seine Vision für die Zukunft der Seehafenstadt skizzierte. So einen Neujahrsempfang hatte es in Emden noch nicht gegeben. Der Oberbürgermeister (OB) hatte die Traditionsveranstaltung als „Open-Air-Elführtje“ in den Stadtgarten vor dem Rathaus am Delft verlegt. Denn die Nordseehalle, in die zu Kruithoffs erstem Empfang 2020 mehr als 1500 Besucher strömten, stand wegen der Belegung durch Flüchtlinge nicht zur Verfügung.
Das künftige „Festspielhaus am Wall“, das frühere Neue Theater, ist noch nicht fertig - und die Johannes a Lasco-Bibliothek wird umgebaut. Immerhin, trotz des kalten Januar-Regens waren noch einige hundert Besucher auf den Rathausplatz gekommen. Und neben einer überraschend positiven Nachricht zum baldigen Start der beliebten „Eiszeit“ und dem üblichen Rückblick hörten sie einige deutliche Appelle von ihrem OB.
Forderung: Landesregierung muss bei Erschließung des Rysumer Nackens helfen
So forderte Kruithoff von der rot-grünen niedersächsischen Landesregierung, der Stadt bei der Erschließung des Rysumer Nackens als Industriegebiet zu helfen. „Jetzt. Sonst schließt sich eine Tür, vielleicht für immer. Eine Chance wie die Energiewende kommt nicht alle fünf oder zehn Jahre.“ Er hoffe dabei auf Unterstützung der Abgeordneten in Bundes- und Landtag. Infrastruktur wie Straßen und Schienen seien das entscheidende Kriterium für Firmen-Ansiedlungen. Wer unerschlossene Flächen anbiete, werde es schwer haben. Auch die seit Jahrzehnten geforderte Vertiefung der Außenems müsse hoch oben auf der Agenda bleiben.
Ein „Meilenstein“ sei 2022 der Produktionsbeginn von Elektroautos im Emder VW-Werk gewesen. Es bleibe der Wunsch nach einer zugehörigen Batteriefabrik. „Wo sonst, wenn nicht in Emden kann eine solche Fabrik mit einem unerschöpflichen Vorrat an grüner Energie versorgt werden“, fragte Kruithoff. Dass Emden sich weiter zur „Energie-Drehscheibe“ entwickele, zeige etwa die angekündigte 600-Millionen-Euro-Investition der EWE in eine Wasserstoff-Fabrik im Borssumer Hammrich.
Einwohnerzahl wieder über 50.000er-Marke gestiegen
Insgesamt sei 2022 für Emden ein wechselhaftes Jahr gewesen. Doch es freue ihn, so Kruithoff, dass die Einwohnerzahl, auch durch Neubaugebiete und Nachverdichtung, wieder über die wichtige 50.000er-Marke gestiegen ist. Das sei ein „wichtiger Meilenstein“ zum Erhalt der kommunalen Selbstverwaltung und Kreisfreiheit Emdens.
Wichtige Projekte wie die Sanierung des Freibades Borssum oder das neue „Festspielhaus am Wall“ seien vorangekommen. Zugleich gebe es Verzögerungen durch Unvorhergesehenes, etwa bei der Sanierung der „Trogstrecke“, der Südumgehung. So etwas ärgere ihn ungemein, doch Lieferengpässe, Preissteigerungen und Fachkräftemangel erschwerten alle Bauprojekte. „Wir tun alles, die Projekte schnellstmöglich umzusetzen und die Termine einzuhalten. Garantien gibt es derzeit aber nicht und darum möchte ich Ihre Erwartungen bremsen“, so Kruithoff.
Verkehrsversuch Neutorstraße als Beispiel für Mut zu „Veremderung“
Der OB sprach auch den viel diskutierten Verkehrsversuch in der Neutorstraße an, die verkehrsberuhigt werden soll. „Wir sollten den Mut zu solchen Maßnahmen haben, um unsere Innenstadt nachhaltig attraktiver zu machen“, betonte Kruithoff, der mit dem Slogan „Veremderung“ die Wahl 2019 mit sensationellen 75 Prozent gewonnen hatte.
Neue Geschäftsansiedlungen in der Innenstadt werde es nur geben, wenn ein attraktives Umfeld geboten werde. „Nur durch den Mix von Handel, Gastronomie, Kultur und Veranstaltungen wird es gelingen, ausreichend Frequenz zu haben“, betonte Kruithoff. Für den Wandel der Innenstadt seien auch lästige Baustellen nötig, wie zuletzt 2020/21 auf dem Neuen Markt und aktuell in der angeblich ältesten Fußgängerzone Ostfrieslands „Zwischen beiden Sielen“. „Wir brauchen miteinander etwas mehr positive Vision“, appellierte Kruithoff an die Bereitschaft der Bürger, Experimente wie in der Neutorstraße zu akzeptieren.
OB: „Zentralklinik mit Landkreis Aurich war richtige Entscheidung“
Der OB bekräftigte seine Unterstützung für das gemeinsame Großprojekt mit dem Landkreis Aurich, der Zentralklinik in Uthwerdum. Die aktuellen Nachrichten über Schließungen kommunaler Krankenhäuser zeigten deutlich, dass die strategische Entscheidung richtig gewesen sei. Er sei sehr traurig darüber, dass der im vergangenen Jahr verstorbene Initiator und frühere Emder Chefarzt Dr. Christoph Schöttes die Realisierung nicht mehr miterleben kann.
Darüberhinaus habe die Stadt wieder viel Geld in Schulen und neue Kitas investiert. „Kids first“ bleibe seine Maxime, wiederholte Kruithoff sein Schlagwort von seinem ersten Neujahrsempfang 2020.
Kruithoff: „Werden Gewalt gegen Einsatzkräfte unterbinden“
Der OB betonte zugleich, dass man in Emden Gewalt gegen Einsatzkräfte wie an Silvester in einigen Großstädten nicht akzeptieren werde. „Wer Rettungskräfte, Feuerwehr oder Polizisten angreift, greift uns als Gesellschaft an. In Emden werden wir wachsam sein und Gewalt gegen Ordnungs- und Hilfskräfte von vornherein unterbinden“, so Kruithoff.
Seine Vision von Emden bleibe auch im vierten Amtsjahr die einer „starken Stadt mit einer starken bürgerschaftlichen Gemeinschaft und einem Corporate Spirit. Mit einem verbindlichen Wertekanon, der von allen Bürgerinnen und Bürgern akzeptiert und getragen und von der öffentlichen Hand aktiv umgesetzt wird.“