Folgen des Arzneimittel-Mangels  Hausärztin sammelt aus der Not heraus Kinder-Medikamente

| | 20.12.2022 18:50 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Hausärztin Franziska Fenderl aus Westerende-Kirchloog startete einen Aufruf per Whatsapp.Foto: Aiko Recke
Hausärztin Franziska Fenderl aus Westerende-Kirchloog startete einen Aufruf per Whatsapp.Foto: Aiko Recke
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Seit Wochen sind bestimmte Medikamente kaum zu bekommen. Hausärztin Franziska Fenderl aus Westerende-Kirchloog hat deshalb einen Aufruf über Whatsapp gestartet. Doch daran gibt es auch Kritik.

Aurich/Ihlow - Innerhalb weniger Stunden verbreitete sich der Aufruf über Whatsapp-Nachrichten in ganz Ostfriesland. Die Hausärztin Franziska Fenderl aus Westerende-Kirchloog (Gemeinde Ihlow) rief dazu auf, ungeöffnete Kinder-Medikamente in ihrer Praxis abzugeben. Als Grund nannte sie den „nie dagewesenen Mangel an Arzneimitteln für Kinder“.

Etwa zehn Päckchen, zum Beispiel mit Zäpfchen, habe sie bereits am Dienstagvormittag erhalten, sagte Fenderl auf ON-Anfrage. In der Notlage sei das einfach notwendig. Denn in den Apotheken seien bestimmte Kinder-Medikamente nicht mehr zu bekommen. Als Hausärztin versorge sie auch Familien mit Kindern mit. Sie könne dann fachlich schauen, wer die Medikamente besonders dringend braucht.

„Die Eltern hängen in der Luft“

Fenderl sagt ganz klar: „Unter Normalbedingungen würde ich das nicht machen. Aber die Eltern hängen in der Luft. Es geht darum, die äußerste Not abzuwenden.“ Und es sei besser, die Sammlung über einen Arzt zu organisieren als über „Nachbarschafts-Flohmärkte“, wie es Ärztepräsident Klaus Reinhardt vorgeschlagen hatte. Die Diskussion schlug am Dienstag bundesweit hohe Wellen. Apotheker aus dem Landkreis Aurich sehen die Aktion von Ärztin Fenderl durchaus kritisch.

Natürlich könne er die Idee, zu helfen, sehr gut nachvollziehen, sagt Lars Bakker. Doch letztlich sieht der Inhaber der Auricher Hof- und der Burg-Apotheke den Aufruf der Westerender Hausärztin Franziska Fenderl „hochkritisch“, wie er am Dienstag auf ON-Anfrage sagte. „Das ist schwierig, weil Sie nie wissen, wie die Medikamente gelagert wurden“, sagte Bakker. Bestimmte Mittel seien nur unter ganz bestimmten Bedingungen für eine bestimmte Zeit haltbar.

Auricher Apotheker kann Nöte der Eltern verstehen

Bakker kann gleichwohl die zunehmenden Nöte der Eltern gut verstehen. Der Auricher Apotheker hatte selbst vergangene Woche dreimal Notdienst. Und da könne man Eltern, deren Kinder 40 Grad Fieber haben, eben nicht einfach wegschicken. Man versuche dann über veränderte Dosierungen und anderes das Problem zu lösen. Aber insgesamt habe sich die Medikamentenknappheit in den vergangenen Wochen noch einmal deutlich verschärft, so Bakker.

Berend Groeneveld, Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Niedersachsen und Inhaber der Rats-Apotheke in Norden, wurde auf ON-Anfrage noch deutlicher: Er hält den Aufruf von Fenderl für „hochgradig gefährlich“ und „grob fahrlässig“. Die Patienten wüssten in dem Fall nicht, was für Medikamente sie letzten Endes erhalten. Und auch für den betreffenden Arzt sieht Groeneveld haftungsrechtliche Probleme.

Aus Sicht von Groeneveld müssten Eltern durchaus in Kauf nehmen, einmal mehrere Apotheken abzuklappern, um die gesuchten Medikamente zu finden.

Chef des Landesapothekerverbands: Lage „massiv verschärft“

Der hochrangige Verbandsvertreter sieht zudem auch ein Kommunikationsproblem. Die Arztpraxen seien für die Apotheken „kaum erreichbar“. Gleichwohl bestätigte auch Groeneveld, dass sich der Medikamentenmangel in den vergangenen Wochen noch „massiv verschärft“ habe. Die Apotheken versuchten ranzuschaffen, was möglich sei. Einige fingen auch an, selber Medikamente herzustellen. Doch selbst die dafür geeigneten Gefäße würden mittlerweile knapp, berichtete Groeneveld.

Die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach am Dienstag angekündigten Maßnahmen, durch die Krankenkassen künftig mehr für bestimmte Medikamente zahlen sollen, seien „bei Weitem nicht ausreichend“, so Landesverbandssprecher Groeneveld. „Wir brauchen eine Medikamentenproduktion in Europa“, so eine seiner Forderungen an die Politik.

Abseits aller politischen Forderungen sieht Hausärztin Franziska Fenderl aus Westerende-Kirchloog vor allem die konkreten Nöte ihrer Patienten. Grund genug für sie, die selbst drei Kinder hat, den Aufruf bei Whatsapp zu starten. Sie habe auch von Apotheken-Mitarbeitern positive Resonanz bekommen, sagte Fenderl den ON. Diese würden sich für die Unterstützung bedanken, da sie bereits häufig Eltern zurückweisen müssten.

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