Ostfriesisches Brauchtum  Fränkisch trifft Friesisch

| | 08.12.2022 21:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gerd (links) und Nando Hecht aus Franken führen seit anderthalb Jahren den Gasthof Zur Waage in Marienhafe. Sie haben den Brookmerlandern die Maß nähergebracht. Foto: Karin Böhmer
Gerd (links) und Nando Hecht aus Franken führen seit anderthalb Jahren den Gasthof Zur Waage in Marienhafe. Sie haben den Brookmerlandern die Maß nähergebracht. Foto: Karin Böhmer
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Zwei Franken führen seit anderthalb Jahren den Gasthof „Zur Waage“ in Marienhafe. Sie spielen mit den unterschiedlichen Küchen und Bräuchen. Und haben allerlei Überraschendes erlebt.

Marienhafe - In der Gaststube des Landgasthofs Zur Waage stoßen zwei Welten ganz unauffällig aufeinander. An den Wänden hängen Geweihe und Schießscheiben aus Bayern. Auf dem Tresen ein Paket Lebkuchen neben einem Spendenschiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Und an der Wand hängt eine vollständige Sammlung mit Ottifantenfiguren. Franken stößt auf Ostfriesland. Und es passt.

Vor anderthalb Jahren haben Nando und Gerd Hecht das Hotel zur Waage übernommen. Seitdem vereinen sie auf ihrer Speisekarte fränkische Schmankerln mit typisch Ostfriesischem. Leberkäse mit bayerischem Kartoffelsalat, Weißwürste und Schweinebraten mit Kraut stehen dort neben dem Störtebeker-Omelette mit Krabben, dem Grünkohl und dem Snirtjebraten mit Kürbis.

Die Maß ist in Marienhafe das neue Maß der Dinge

Mit Stolz verkündet Gerd Hecht, dass in der Waage die Maß – also der Liter Bier – nun bei vielen Gästen der Standard sei. „Das haben wir geschafft“, so Hecht: „Am Anfang haben wir immer ein bisschen gespottet und gesagt ,Pass mal auf, dass du das kleine Glas nicht verschluckst.‘“ Die Marienhafer lernten – und vergrößerten ihren Durst. Dafür gibt es das Hecht-Bräu aus der fränkischen Familienbrauerei.

Doch nicht nur Kulinarisches trifft aufeinander. Die beiden Gastronomen aus Franken lernten in den vergangenen 18 Monaten auch eine Reihe von neuen Bräuchen in Ostfriesland kennen. Neben dem Fegen zum 30. Geburtstag, dem Bogenmachen und dem Martinisingen gehört dazu auch das Verknobeln am Nikolausabend. Noch nie hatten Nando und Gerd Hecht vor dem Umzug nach Marienhafe von dieser Tradition gehört. Der erste Anlauf im vergangenen Jahr musste wegen der Corona-Auflagen ausfallen. In diesem Jahr war der Termin vor lauter Weihnachtsfeiern und dem Christlesmarkt, der die Nürnberger Tradition nach Marienhafe bringt, fast in Vergessenheit geraten, wie Nando Hecht erzählt.

Großer Andrang zur Verknobelung

Doch kurzfristig – und mit eher geringen Erwartungen – wurden dann doch Preise besorgt und die Veranstaltung aus dem Boden gestampft. „Wir hatten gehofft, das wir wenigstens einen Knobeltisch vollbekommen“, sagte Nando Hecht. Doch Fleitjepiepen. Pünktlich um 17 Uhr pilgerten am Montag Heerscharen in die Waage, boten auf Räucherfisch, Wurst, Torten und das Würfelglück – und dann knallten an drei Tischen mit langen Schlangen die Knobelbecher. Nach einer Stunde waren die meisten Preise weg.

Ganz neuer Brauch für die Franken: die Nikolausverknobelung, die am Montag erstmals mit großem Andrang bei ihnen stattfand. Foto: Karin Böhmer
Ganz neuer Brauch für die Franken: die Nikolausverknobelung, die am Montag erstmals mit großem Andrang bei ihnen stattfand. Foto: Karin Böhmer

Auch das Boßeln war den beiden Franken, die Ostfriesland schon länger aus Urlauben kennen, zunächst fremd. Die Waage ist keine Boßelkneipe. Doch Hobbygruppen kehren nach der Boßel- und Grünkohltour dort ein. Auch andere Boßler kommen schon mal vorbei. „Wir wurden auch gefragt, ob wir in den Verein eintreten wollen, aber das schaffen wir zeitlich einfach nicht“, sagte Nando Hecht: „Aber ich glaube, dass Boßeln mir echt Spaß machen würde.“

Fränkische Spezialitäten stehen immer auf der Karte

Stattdessen servierten die Hechts zum Frühlingsmarkt „Boßelkugeln“ aus Fettgebackenem. Und Omas fränkische Feuerspatzen, die in Ostfriesland wohl als Prüllkes bezeichnet würden. Zu Ostern gab es ebenfalls typisch Fränkisches: Kerwa-Küchla – kleine Kuchen, die zur Kirchweih serviert werden – in Marienhafe nun aber auch als „Verschneite Osternester“ bekannt sind.

Kleinere sprachliche Missverständnisse prägten den von Corona geprägten harten Einstieg der beiden Wirte in Marienhafe. Als beim „Vorstellungsgespräch“ gefragt worden sei, ob die beiden auch Teetafeln anbieten, habe er geantwortet „Klar, zu jeder Gelegenheit“, sagt Nando Hecht: „Ich konnte ja nicht ahnen, dass Teetafeln nur nach Beerdigungen stattfinden. In Franken heißt das Leichenschmaus.“

Einige Sprachbarrieren waren zu überwinden

Die Tafeln mit dem Eröffnungsangebot „Fischsemmeln“ lockten erstaunlich wenig Gäste. Ebenfalls ein Missverständnis. „Nach vier Tagen hat dann einer gefragt, was denn Semmeln sind“, sagt Gerd Hecht. Seitdem steht auf dem Schild Fischbrötchen – und die Sache läuft.

Ganz neuer Brauch für die Franken: die Nikolausverknobelung, die am Montag erstmals mit großem Andrang bei ihnen stattfand. Foto: Karin Böhmer
Ganz neuer Brauch für die Franken: die Nikolausverknobelung, die am Montag erstmals mit großem Andrang bei ihnen stattfand. Foto: Karin Böhmer

Auch die Mitarbeiter hörten zunächst etliche unbekannte Worte. „Wenns schnell gehen muss und wir miteinander ins Fränkische gefallen sind, gab es schon öfter mal große Augen“, sagt Nando Hecht. Erbflsolod für Kartoffelsalat, Gaggerla für ein Ei oder Giecherla für ein Hähnchen – das Fränkische hat ebenso seine Eigenheiten wie das Plattdeutsche. „Wissen Sie was LKW mit ABS ist, also, in der Küche?“, fragt Gerd Hecht. Natürlich nicht. In der fränkischen Gastronomie ist dies die gängige Abkürzung für Leberkäs-Weggla mit a bisserla Semfd.

Begeistung und Skepsis

Inzwischen halten die beiden Franken sich in der Küche an die Schriftsprache und kämpfen sich ihrerseits ans Plattdeutsche ran. „Man versteht es so langsam schon ganz gut – zumindest, wenn die Leute nüchtern sind“, sagt Gerd Hecht.

Die Brookmerlander begegnen der fränkischen Küche teils mit Begeisterung, teils mit Neugier, teils mit Skepsis. Weißwürste, geschmorte Ochsenbäckchen und Schäufele werden sehr gut angenommen. Blaua Zibfl, also Würste aus dem Essigsud, werden probiert und auch goutiert. Die große Liebe empfinden die Brookmerlander laut Nando Hecht für die fränkische Spezialität aber noch nicht. Und der „Fränkisch-Hardcore-Abend mit Pressack“ war eher ein Reinfall.

Er hat umgekehrt seine Liebe für Grünkohl und Snirtje entdeckt, ist bei Updröögt Bohnen und Steckrüben aber noch ganz weit vorn in der Gewöhnungsphase.

Das Fischerstechen fehlt

„Ich habe mich wirklich gewundert, dass die Ostfriesen so wenig Fisch essen“, sagt Nando Hecht. Die beiden Franken schwärmen von den Karpfenzuchten in ihrer Heimat, der Aischgrund-Region. Am Ende der Saison wird das Wasser aus den Becken abgelassen und halbe Karpfen werden paniert und in Fett ausgebacken.

Nando und Gerd Hecht versuchen, mit dem „Fest im Oktober“ und dem Christkindlesmarkt auch eigene Traditionen nach Marienhafe zu bringen. Eines würden sie gerne in der neuen Heimat etablieren: das Fischerstechen. Die Ostfriesen seien dem Karpfen gegenüber skeptisch und kennen die fränkische Zubereitung nicht, sagt Gerd Hecht. Im Freundeskreis hätten die beiden Wirte schon mit dieser Spezialität gepunktet. Und das würden sie gerne auch in ihrem Gasthof.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Feste

Unbekannt sind in Franken ostfriesische Bräuche wie das Martinisingen, der Tanz in den Mai, die Nikolausverknobelung, das Bogenbringen oder die Feiern zum 25. und 30. Geburtstag, bei denen sich ledige Geburtstagskinder allerlei Schabernack wie öffentliches Fegen gefallen lassen müssen. Einer der Mitarbeiter habe am 30. Geburtstag Kronkorken fegen müssen. „Also, als Gast hat mich das sehr amüsiert“, so Nando Hecht.

Mit dem Bogenbringen haben die beiden auch schon Kontakt gehabt. Zunächst habe er den Brauch „absolut befremdlich“ gefunden, sagte Nando Hecht. Dann lernte er ihn kennen. Die Hechts selbst bekamen in Marienhafe Bögen zum ersten Jahrestag in der Waage und zum 10. Hochzeitstag gebracht. An einem Geburtstagsbogen haben sie auch schon aktiv mitgewirkt.

In Franken gehen laut Gerd und Nando Hecht viele Bräuche auf den 30-jährigen Krieg und kirchliche Ursprünge zurück. Die Heimat der beiden Wirte ist geprägt davon, dass einige Regionen protestantisch sind, andere katholisch und dass beide Gemeinschaften ihre Feste feiern.

In Dinkelsbühl, der Heimatstadt von Nando Hecht, ist die Kinderzeche in der zweiten Julihälfte das prägendste Fest. Es erinnert daran, dass im 30-jährigen Krieg der Überlieferung nach Kinder dem schwedischen Heer entgegengingen, um Gnade flehten und so dafür sorgten, dass die Stadt von Zerstörung verschont bliebt. An diesem Tag werden Tüten mit Süßigkeiten an Kinder verteilt. Es gibt die Schneckennudel, ein großes Hefegebäck, das an alle verteilt wird.

In Rothenburg ob der Tauber wird im Meisterschluck an den 30-jährigen Krieg gedacht. Der Legende nach rettete Altbürgermeister Georg Nusch die Stadt vor der Eroberung durch den Heerführer Tilly, weil er es schaffte, einen großen Humpen mit mehr als drei Litern Wein in einem Zug zu leeren.

Typisch für Franken sind auch die Fronleichnamsprozession in allen katholischen Orten sowie die Feiern zu Kirchweih beziehungsweise Kerwa.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten haben die Hechts bei Martini und Sankt Martin festgestellt. In Ostfriesland ist das Martinisingen zum Geburtstag von Martin Luther am 10. November verbreitet. In Franken wird St. Martin beziehungsweise Pelzmärtel gefeiert. Am 11. November wird des Heiligen Martin gedacht, der seinen Mantel mit einem Armen teilte. Zu beiden Festen ziehen Kinder mit Laternen umher und bekommen Süßes. In den Pelzmärtel-Brauch fließen laut Gerd Hecht auch Aspekte der Nikolaustradition mit ein. In der Zeit zwischen Sankt Martin und Weihnachten ist Gänsebraten beliebt.

Ebenfalls nur kleine Unterschiede gibt es bei der Maifeier. In beiden Regionen gibt es Maibäume. In Ostfriesland wird allerdings in den Mai getanzt, in Franken am ersten Mai gefeiert.

Über die großen Silberhochzeitsfeiern in Ostfriesland haben die Franken sich gewundert. Die finden dort in einem kleineren Kreis statt. Auch Teetafeln nach Beerdigungen sind in Ostfriesland grundsätzlich größer als der Leichenschmaus in Franken. Umgekehrt ist es nach der Beobachtung der Hechts bei Taufen und Konfirmationen. Die finden sie in Ostfriesland eher klein.

Wirklich vermissen Gerd und Nando Hecht das Fischerstechen, bei dem das Wasser aus den Karpfenteichen der Region abgelassen wird und ausgebackener Karpfen in aller Munde ist.

Speisen

Neben den Nürnberger Würsten kennzeichnen zahlreiche Speisen die fränkische Küche. Die Weißwurst ist verbreitet – in Franken vor Mittag gegessen, in Marienhafe drücken die beiden Wirte bei der Uhrzeit ein Auge zu. Es gibt auch Würste, die in einem Essigsud gegart werden, sogenannte Blaue Zipfel.

Eine Spezialität ist auch Karpfen in den Herbst- und Wintermonaten. Er wird nicht nur „blau“, sondern oft auch zweigeteilt und ausgebacken serviert.

Schweinebraten, Schäufele, geschmorte Ochsenbäckchen, Würste in Biersauce, fränkischer Sauerbraten mit Lebkuchen, Pressack sind ebenfalls Klassiker. Oft werden die Braten mit Klößen und Kraut oder Rotkraut serviert.

Typisch für Ostfriesland sind Mehlpüt mit Peeren, upstoovt, updröögt oder insett Bohnen, Steckrüben, Grünkohl, Matjes und Snirtje typische Gerichte.

Kneipenkultur

In Franken ist es laut den beiden Wirten viel verbreiteter als in Ostfriesland, nach der Kirche zum Mittagessen auszugehen. „In Ostfriesland ist der Mittagstisch sehr überschaubar, da konzentriert sich alles auf den Abend“, sagt Nando Hecht.

Während in Norddeutschland am Tresen Kontakte geknüpft werden, sind in Franken eher Stammtische verbreitet. Es gibt dabei durchaus auch offene, wo sich das Dorf in wechselnden Besetzungen trifft, wie Gerd Hecht berichtet.

Während in Norddeutschland meist Pils in Drittellitern serviert wird, ist Franken ein Land mit vielen Familienbrauereien und Liter-Maßkrügen. Im Hotel zur Waage wird Bier aus der Familienbrauerei Hecht Bräu ausgeschenkt.

Die beiden Wirte freuen sich, dass in Marienhafe noch alle Generationen in die Kneipe kommen und auch mal zu Karten oder Knobelbecher greifen. „Hier wird die Kneipenkultur noch stärker gepflegt“, findet Nando Hecht.

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