Prozess um Zwangsprostitution in Aurich  Aussage des Opfers nicht ohne Widersprüche

| | 07.12.2022 17:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Verhandelt wurde vor dem Auricher Landgericht im Schlossgebäude. Foto: Romuald Banik
Verhandelt wurde vor dem Auricher Landgericht im Schlossgebäude. Foto: Romuald Banik
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Eine damals Minderjährige soll von einer 38-Jährigen zum Sex mit Freiern gezwungen worden sein. Zwei Dinge wunderten jedoch eine Vernehmungsbeamtin.

Aurich - In dem Video von der Vernehmung bei der Auricher Polizei schildert die damals noch minderjährige Teenagerin, was ihr nach eigenen Angaben widerfahren sein soll. Das Video wurde am Mittwoch im Prozess gegen eine 38-Jährige gezeigt, die sich seit Anfang November wegen schwerer Zwangsprostitution und Zuhälterei vor dem Landgericht Aurich verantworten muss.

In einem Fortsetzungstermin vergangene Woche hatte das mutmaßliche, heute 20-jährige Opfer laut einem Bericht der „Ostfriesen-Zeitung“ plötzlich die Aussage bei der Polizei widerrufen. Es habe keine Prostitution, keine Schläge und keinen Essensentzug gegeben. Das wiederum mochte Richter Raap nicht recht glauben.

Im Video der Vernehmung berichtete die junge Slowakin, sie sei von ihrer Landsfrau nach Aurich geholt worden, vorgeblich als Au-pair, um auf die Kinder aufzupassen. Doch schon nach wenigen Tagen sei sie von der 38-Jährigen zum Sex mit Freiern gezwungen worden. Sie habe mit diesen in den Wald fahren müssen, Sex ohne Verhütungsmittel haben müssen. Einmal sei sie schwanger geworden, habe das Kind jedoch verloren. Die Angeklagte habe ihr ihren Pass abgenommen, habe sie angeschrien, sie geschlagen, ihr das Geld abgenommen. „Einmal hat sie mir fünf Euro für Zigaretten gegeben“, berichtet die Teenagerin den beiden Auricher Polizistinnen. Sie habe Angst vor der Angeklagten gehabt. „Angst, dass sie mich verkauft“, so die junge Frau in dem Video.

Polizistin wunderte sich

Als Zeugin gehört wurde am Mittwoch eine der beiden Auricher Vernehmungsbeamtinnen. Sie berichtete, wie man nach der Zeugenaussage mit dem Jugendamt eine Unterkunft für die junge Frau in Aurich organisiert habe. Sie habe sich aber schon gewundert, als sie das mutmaßliche Opfer später erneut in der Wohnung der Angeklagten antraf. Über einige widersprüchliche Angaben in der Vernehmung habe sie sich ebenfalls gewundert – die könnten aber einer ungenauen Übersetzung der Dolmetscherin geschuldet sein, so die Polizistin.

Der 17-jährige Sohn der Angeklagten sagte dagegen über das mutmaßliche Opfer: „Sie war glücklich bei uns. Wir waren mit ihr Eis essen, haben viel mit ihr gemacht. Meine Mutter hat ein gutes Herz. Sie hat ihr nie etwas angetan.“ Doch warum erhebe das Mädchen dann diese schweren Vorwürfe gegen seine Mutter, wollte Vorsitzender Richter Björn Raap wissen. „Ich weiß es nicht“, so der Sohn. Möglicherweise habe sie einer der Freier dazu gezwungen, sagte der Sohn. Zwei Familienhelfer berichteten als Zeugen, sie hätten bei ihren Hausbesuchen keinen Hinweis auf mögliche Zwangsprostitution gehabt.

Erste Gerichtsverhandlung war gescheitert

Laut Anklage soll die Angeklagte den Lohn für die Sexarbeit, insgesamt 5400 Euro, an sich genommen haben. Die Angeklagte habe die Hilflosigkeit der 16-Jährigen ausgenutzt, die sich ohne Geld und Sprachkenntnisse in einem fremden Land in einer Zwangslage befunden habe, hatte Oberstaatsanwältin Annette Hüfner gesagt.

Eine erste Gerichtsverhandlung im Sommer vergangenen Jahres war gescheitert, weil die junge Frau inzwischen wieder in ihrer Heimat lebte und nicht als Zeugin in Aurich erschienen war.

Im ersten Teil der Videovernehmung hatte die junge Frau geschildert, wie die Angeklagte sie im März 2020 aus der Wohnung geworfen habe, weil sie sich verweigert hatte. Über Umwege geriet sie an eine Leidensgenossin, deren Mann schließlich die Polizei einschaltete.

Urteil für 19. Dezember geplant

Die Angeklagte hatte am ersten Verhandlungstag alle Vorwürfe bestritten. „Ich habe sie nicht verkauft und nicht geschlagen“, beteuerte sie. Die junge Frau sei auf Vorschlag ihrer Mutter freiwillig nach Deutschland gekommen. Inzwischen habe sie sich unter Tränen bei ihr entschuldigt. Warum die Frau so schwere Vorwürfe erhoben hat, konnte die Angeklagte nicht erklären.

Der Prozess vor dem Auricher Landgericht geht am Montag, 19. Dezember, 13 Uhr, weiter. Dann sollen die Plädoyers gehalten und ein Urteil gesprochen werden.

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