Marihuana-Anbau in Wiesmoor Erste Geständnisse zur Drogenplantage
Im Prozess um 406 Marihuana-Pflanzen und 45 Kilogramm Drogen in Wiesmoor sagten am Donnerstag drei Angeklagte aus. Nicht jedoch der frühere Bürgermeisterkandidat Christian Rademacher-Jelten.
Aurich/Wiesmoor - Zum Auftakt des Prozesses um die Ende Mai in Wiesmoor entdeckte Drogenplantage gab es vor dem Auricher Landgericht am Donnerstag interessante neue Details zu erfahren. Angeklagt vor der 1. Großen Strafkammer sind fünf Männer, darunter der 56-jährige Christian Rademacher-Jelten, der im vergangenen Herbst in Wiesmoor als Bürgermeisterkandidat antrat und auch wegen des Verdachts auf Coronahilfenbetrug ins Visier der Fahnder geraten ist.
Der Fall
Am 31. Mai durchsuchten Fahnder aus Osnabrück und Oldenburg Immobilien in Ostfriesland, auf der Suche nach Beweisen für groß angelegten Betrug bei der Abrechnung von Coronatests und Coronahilfen. Durch Zufall entdeckten sie dabei eine Plantage mit 406 Marihuanapflanzen in einem Ex-Wiesmoorer Autohaus.
Angeklagt sind nun ein 56-Jähriger aus Wiesmoor, ein 32-Jähriger, der lange in Wiesmoor lebte, und drei Anfang-30-Jährige vom Balkan. Letzteren wird bandenmäßiger Handel mit großen Mengen Drogen vorgeworfen.
Die Wiesmoorer sind wegen Beihilfe zum Drogenhandel und Betruges angeklagt.
Fortgesetzt wird der Prozess am 24. November um 9 Uhr.
Zwei 32 Jahre alten Männern und einem 31-Jährigen wird zur Last gelegt, in diesem Frühjahr bandenmäßig mit Drogen gehandelt zu haben – bis die Plantage aufflog. Zwei von ihnen kümmerten sich um die Anzucht der Pflanzen in der Werkstatt des ehemaligen Autohauses Südema in Wiesmoor. Sie sagten am Donnerstag zu den Vorwürfen aus. Der dritte im Bunde verzichtete vorerst auf die Aussage. Ihm wird vorgeworfen, dass er den Drogenanbau organisierte.
Zahlreiche Besucher verfolgten den Prozessauftakt
Weiterhin ist ein 32-Jähriger, der lange in Wiesmoor lebte, angeklagt, Beihilfe zum Drogenhandel und zu einem Betrugsdelikt geleistet zu haben. Auch er sagte aus, bestritt aber, von der Drogenplantage gewusst zu haben. Rademacher-Jelten wollte sich hingegen nicht zu den Vorwürfen äußern. Bis zu drei Anwälte vertreten die Angeklagten jeweils. Hinzu kommen zwei Dolmetscher – es war voll im Gerichtssaal. Der Zuschauerraum war vor allem am Nachmittag gut besucht.
Laut Anklageschrift fanden die Ermittler in der Werkstatt des Autohauses 406 Marihuanapflanzen in voller Blüte. Die Polizei erntete sie ab und trocknete die Pflanzen. Sie kam auf gut 80 Kilogramm Marihuana, die nun nicht mehr in den Verkauf gelangen. Gefunden wurde im Autohaus auch eine schussbereite Pistole, mit der aber keiner der aussagebereiten Angeklagten etwas zu tun gehabt haben will.
Ein Verfahren wurde abgetrennt
Außerdem fanden die Ermittler in einem Bauernhaus bei einer Baumschule in Voßbarg ein Lager mit 45 Kilogramm verpacktem Marihuana. Diese Drogen stammen nicht von der Plantage im Autohaus, sondern von einer Plantage aus dem Umfeld, die bislang nicht aufgefunden wurde.
Nicht nur die fünf Angeklagten müssen sich im Zusammenhang mit der Drogenplantage rechtfertigen. In einem getrennten Verfahren werden laut Staatsanwaltschaft weitere Männer angeklagt. Sie waren mutmaßlich für die Verpackung der Drogen zuständig.
Baumarkt-Besuch vor dem Drogenanbau
Rademacher-Jelten soll die Bande beim Drogenanbau unterstützt haben, indem er die zwei Immobilien sowie Fahrzeuge zur Verfügung stellte und Material besorgte, unter anderem eine Tauchpumpe und Schläuche zur Bewässerung. Der Kauf wurde über eines der Firmenkonten des Wiesmoorers abgerechnet.
520 Meter Konstruktionsholz seien im Baumarkt gekauft worden, berichtete der Ankläger. Zudem sei ein Bypass um den Zählerkasten gelegt worden, um den Stromverbrauch der Plantage zu verschleiern. Filter sollten verhindern, dass Gerüche herausdringen. Kurz vor der Durchsuchung Ende Mai seien Bauzäune um das Autohaus errichtet worden, um neugierige Blicke abzuwehren.
Mysteriöser Strippenzieher namens „Der Blonde“
Klar wurde am ersten Prozesstag, dass ein mysteriöser Strippenzieher in dem Prozess fehlt. Die beiden Angeklagten, die zur Aufzucht der Pflanzen gegen Geld für einige Monate nach Wiesmoor geholt wurden, berichteten von einem Mann, den sie nur unter dem Namen „Der Blonde“ kennen. Sie beschrieben ihn als absoluten Durchschnittstyp – mit blonden Haaren. Er hatte beide angelockt, als sie in Schulden steckten und dringend Arbeit suchten.
Der 32-Jährige hatte Schulden von seinen Eltern geerbt und wollte sein Elternhaus gern halten. Weil das Geld, das er beim Fernsehen verdiente, nicht reichte, kam er nach Bremen, um Arbeit zu suchen. Er fand dort keine, wurde aber von „Dem Blonden“ nach Wiesmoor gelockt. Dort sollte er nach eigener Aussage 10.000 Euro verdienen, wenn er sich drei Monate lang um die Plantage kümmert. Seine ersten Tage in Wiesmoor bestanden aus Warten. Er war in Voßbarg untergebracht, während die Plantage im Wiesmoorer Stadtkern eingerichtet wurde.
Wiesmoorer beschreibt Rademacher-Jelten als „zu gutmütig“
Der 31-jährige Angeklagte war zunächst in Spanien, dann in Belgien unterwegs, um Geld zu verdienen. Da er ein Spielproblem hat, sei er in Belgien beim Pokern in Schulden geraten. Rasch sei Druck aufgebaut worden. Jemand habe ihm dann angeboten, dass er in einer Marihuana-Plantage in zwei bis drei Monaten 6000 Euro verdienen könne. Damit wären seine Schulden gezahlt und er hätte 1000 Euro für sich gehabt.
In Wiesmoor habe „Der Blonde“ ihn dann empfangen, im Autohaus untergebracht und als erstes sein Auto bei dem Hof in Voßbarg versteckt, so der Zeuge. Beide Angeklagten berichteten, die Immobilien in Wiesmoor kaum verlassen zu haben und nur in Begleitung des Blonden wenige Male einkaufen gewesen zu sein.
Der 32-Jährige Wiesmoorer arbeitete seit 2020, also lange vor der Drogenplantage, für Rademacher-Jelten und pflegte zuletzt seinen umfangreichen Fuhrpark. Er beschrieb das Verhältnis der beiden als fast freundschaftlich und sagte, dass Rademacher-Jelten zu gutmütig sei und von etlichen ausgenutzt wurde. „Ich kann gegen ihn nichts Schlechtes sagen – trotz meiner U-Haft“, so der 32-Jährige. Er war Anfang Juni inhaftiert, nach rund einem Monat aber auf freien Fuß gesetzt worden.