Klimaschutz in Aurich Vom Papier zur Tat
Aurich hat einen neuen Fachbereich für Klimaschutz. Marisa Tammen und Patrick Mentzel sollen aus Konzepten wirkungsvolle Handlungen machen.
Aurich - Über mangelnde Arbeit können Marisa Tammen und Patrick Mentzel sich nicht beklagen. Seit wenigen Monaten sind sie im Amt, doch die Projekte warten nicht, bis sie sich in Ruhe eingearbeitet haben. Und die Energie-Krise hat es nicht besser gemacht, denn sie bringt zusätzlichen Druck auf den Kessel, der eh schon pfeift.
Mentzel ist Geograf und seit Mitte Juni der neue Klimaschutzmanager der Stadt Aurich. Seine beiden Vorgängerinnen hatten jeweils nach wenigen Monaten gekündigt und dem 28-Jährigen somit eine Reihe angefangener Projekte hinterlassen. Seit Juli ist Marisa Tammen seine Vorgesetzte und Kollegin. Sie leitet den neu gegründeten Fachdienst Klima/Umwelt/Verkehr, zu dem unter anderem Landschaftspfleger Thomas Wulle und Landschaftsarchitektin Iris Brunken gehören.
Vom Landkreis Friesland nach Aurich
Tammen ist ebenfalls Geografin und arbeitet seit mehreren Jahren im Bereich Regionalplanung, Raumplanung, Klimaschutz und Klimaanpassung. Zuletzt war sie Beauftragte für Klimaschutz- und Klimaanpassung im Landkreis Friesland. Nun geht es darum, Strukturen in Aurich aufzubauen, Daten zu erheben und konkrete Projekte zu organisieren.
Patrick Mentzel ist dabei, ein Entsiegelungskataster zu erstellen. Dies ist inzwischen gesetzlich vorgeschrieben und soll dazu beitragen, Starkregenereignisse besser abfedern zu können. Ein weiteres Aufgabenfeld ist es, eine Wärmeplanung zu machen, um zu wissen, wie viel Energie kommunale Gebäude in der Stadt Aurich verbrauchen und wie man dort Energie einsparen kann. Dazu soll es auch eine neue Software geben, die diese Verbräuche kalkuliert und die Effekte von Sanierungsmaßnahmen durchrechnet. „Das ist ein schönes Instrument, um schnell zu sehen, welche Maßnahme etwas bringt“, so Mentzel.
100.000 Kilometer in drei Wochen zusammengeradelt
Im Landkreis Aurich wird zudem derzeit eine Planung aufgestellt, welche Freiflächen in Außenbereichen sich besonders für Fotovoltaikanlagen eignen würden. Mentzel schaut sich dafür die städtischen Potenziale an. Er befasst sich mit Moorvernässung. Und er hat an der Organisation des Stadtradelns mitgewirkt, an dem 683 Auricher Radler teilnahmen und fast 100.000 Kilometer in knapp drei Wochen zusammenfuhren. Laut CO2-Rechner wurde somit 15 Tonnen Kohlendioxid nicht ausgestoßen.
Sind die beiden neuen Klimaexperten im Auricher Rathaus von der Aussagekraft solcher Zahlen überzeugt? Ja, im Grunde schon, sagen sie. Natürlich seien es Standardwerte, die dort angenommen würden. Wer immer zur Arbeit radle, spare konkret beim Stadtradeln natürlich weniger CO2 ein als jemand, der sonst mit dem SUV alleine zur Arbeit fahre und nun ausnahmsweise das Rad nehme. Aber durch die Vergleichszahl, die auf valide ermittelten Daten beruhe, werde der Beitrag, den die Stadtradler leisten, leichter vorstellbar. „Und die Richtwerte sind fundiert und methodisch sinnvoll“, so Mentzel.
Einfügen in größere Netze
Tammen hat ebenfalls dicke Pakete auf dem Tisch, die in konkrete Politik gegossen werden sollen. Unter anderem geht es dabei um das Verkehrskonzept für Aurich, um die Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) – insbesondere die Zukunft des Anrufbusses – und um den Masterplan Radverkehr. Welche weiteren Empfehlungen für Fahrradstraßen gibt es? Wie soll künftig der Parkraum in Aurich bewirtschaftet werden? Und wie fügt sich die Stadt in übergreifende Netze ein, beispielsweise beim ÖPNV und bei der E-Ladesäulen-Versorgung?
Und wie kann klimagerechte Bauleitplanung aussehen? Bislang hätten da eher die Investoren das Heft des Handelns in die Hand genommen. „Jetzt geht es darum, einen Kriterienkatalog zu entwickeln und in Baugebieten beispielsweise die Dachausrichtung festzulegen, damit Fotovoltaik installiert werden kann“, sagt Tammen. Und die Liste der zulässigen Bäume auf deren Klimaresistenz hin zu aktualisieren. Das Bewusstsein der Bürger für solche Fragen sei deutlich gewachsen.
Etwas im Hintertreffen
Haben die beiden einen schweren Start, weil der Klimaschutzmotor durch die personellen Wechsel im Auricher Rathaus mehrfach ruckelte? Einerseits hänge Aurich im Vergleich beispielsweise mit Emden wohl um mehrere Jahre hinterher, sagt Tammen. Andererseits habe bei ihrem Einstieg das Klimaschutzkonzept fertig vorgelegen. „Das ist jetzt da, nun geht es mit uns in die Umsetzung.“
Klimaschutz-Fachleute müssen immer beantworten, wo sie selber ihren Beitrag leisten. Hier nicht. Aber sie sollen sagen, an welchen Punkten sie persönlich so richtig Potenzial für Veränderungen sehen. Mentzel nennt das Stadtradeln. Das sei generationenübergreifend, biete Anreiz durch Wettbewerb und sei zwar eine kleine Aktion, aber eine konkrete und umsetzbare. Wer es drei Wochen lang schaffe, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, bleibe vielleicht dabei.
Tammen nimmt die Häuslebauer in den Blick. Sanieren sei deutlich CO2-sparsamer als abreißen und neu bauen. Wenn es dort ein Umdenken gebe, sei das ein echtes Einsparpotenzial. Und sie selber setze auf erneuerbare Energien beim Weg zur Arbeit. Sie fahre mit dem E-Auto und hausgemachtem eigenen Strom.