Gnadenkirche Tidofeld  Gedenkstätte will an „Boatpeople“ erinnern

| | 30.09.2022 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Vietnam-Flüchtlinge nach ihrer Ankunft im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen im Dezember 1978. Foto: DPA
Die Vietnam-Flüchtlinge nach ihrer Ankunft im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen im Dezember 1978. Foto: DPA
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Dokumentationsstätte in Norden erhält vom Bund 1,5 Millionen Euro für geplanten Erweiterungsbau. Superintendent Dr. Helmut Kirchstein spricht von einer „Sensation“.

Norden - Tausende vietnamesische „Boatpeople“ flüchteten ab 1978 nach Deutschland, mehr als die Hälfte von ihnen fanden in Norden-Norddeich Schutz. Die Geschichte dieser Menschen soll nun in einem neuen Erweiterungsbau der Dokumentationsstätte „Gnadenkirche Tidofeld“ in Norden erzählt werden. Der Bund unterstützt dieses Vorhaben jetzt mit 1,5 Millionen Euro. Das entspricht der Hälfte der veranschlagten Kosten. Superintendent Dr. Helmut Kirschstein spricht in einer Mitteilung von einer „Sensation“. Kirschstein ist Vorsitzender des Trägervereins der Dokumentationsstätte.

Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff freut sich über die Förderung des Bundes, wie er selbst mitteilt. Dadurch solle das Forum „Boatpeople“, die deutschlandweit erste Dauerausstellung zur Schicksals- und Integrationsgeschichte der vietnamesischen Flüchtlinge, in Norden ihren Platz bekommen. Saathoff: „Es liegt mir sehr am Herzen, dass es Migrationsmuseen und öffentliche Orte gibt, an denen die Geflüchteten ihre Geschichte erzählen können.“

„Zäsur“ in der bundesdeutschen Asylpolitik

Die „Boatpeople“ prägten laut Kirchstein nicht nur die Region. Die Aufnahme gelte als Zäsur in der bundesdeutschen Asylpolitik. Die Kontingentregelung, die bis heute immer wieder Anwendung finde, sei geschaffen worden. Die Förderung durch den Bund „geht weit über bloße Symbolkraft hinaus und sichere die Sockelfinanzierung unseres großen Vorhabens“, so Kirschstein weiter.

Für den Arbeitskreis gilt es Kirschstein zufolge jetzt, die Restfinanzierung zu sichern. Der Arbeitskreis möchte dafür das Land Niedersachsen gewinnen, aber auch die Stadt Norden, den Landkreis Aurich und diverse Förderstiftungen ins Boot holen. Welche Chance die bauliche Erweiterung in einem gesamtgesellschaftlichen Sinne hat, macht laut der Mitteilung Tuan Kiet Hoang, Mitglied des Arbeitskreises und Vorstandsmitglied der Dokumentationsstätte, deutlich: „Erst vor zwei Wochen bei dem Zeitzeugengespräch ,Fluchtpunkt Niedersachsen‘ in Tidofeld zeigte sich wieder, wie wichtig es ist, Geflüchteten zuzuhören und eine Stimme zu geben. Gerade in diesen Zeiten. Dass wir jetzt ganz konkret die Chance haben, das Forum Boatpeople in Norden zu verwirkli-chen, ist einmalig und überwältigend.“

Menschen flohen über das offene Meer vor dem Krieg

Seit rund vier Jahren bemüht sich der Arbeitskreis laut Kirschstein um die Erweiterung der Dokumentationsstätte. Die Menschen flohen damals über das offene Meer vor dem Krieg in ihrer Heimat Vietnam.

Seit 2013 wird die Gnadenkirche im Norder Stadtteil Tidofeld als Dokumentationsstätte genutzt. Dort entstand nach dem Zweiten Weltkrieg eines der größten Flüchtlings- und Vertriebenenlager in Niedersachsen. Bis 1960 kamen in Tidofeld insgesamt rund 6000 Flüchtlinge und Vertriebene vor allem aus Schlesien unter. 1961 wurde als Ersatz für eine Barackenkirche die heutige „Gnadenkirche Tidofeld“ gebaut.

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