Auftritt in Auricher Markthalle Fragerunde für Ministerpräsidenten ein Heimspiel
Stephan Weil erhielt bei der Veranstaltung mit rund 100 Zuhörern viel Zustimmung. Das lag wohl auch am Publikum.
Aurich - Nicht bei all seinen Wahlkampfveranstaltungen sei es so friedlich zugegangen wie am Montagnachmittag in der Auricher Markthalle, sagte Stephan Weil. Er sei bisweilen als „Lügner“ und „Kriegstreiber“ beschimpft worden, berichtete der niedersächsische Ministerpräsident den rund 100 Zuhörern bei einer Versammlung, die Wahlkampfstrategen neudeutsch als „Townhall meeting“ bezeichnen. Die Veranstaltung unter dem Motto „Auf ein Wort“ war wegen des Regenwetters kurzfristig vom Marktplatz in die Halle verlegt worden – so bekam das umstrittene Bauwerk noch einmal für eineinhalb Stunden eine sinnvolle Nutzung. Wie zu erwarten, fanden sich unter den Zuhörern vor allem zahlreiche Unterstützer der SPD. Sie durften, wie alle anderen, Fragen an den Landesvater auf Bierdeckel schreiben. Es war ein Heimspiel in der Halle.
Doch zuvor durfte der „MP“ seine politischen Vorstellungen und Ziele darlegen. „So einen Wahlkampf habe ich noch nicht erlebt. Es geht um Energie, Energie, Energie“, berichtete der Ministerpräsident. „Für mich ist selbstverständlich, dass der Staat in so einer Situation hilft“, sagte Weil. Das Land werde eine Milliarde Euro Hilfen lockermachen, zum Beispiel zur Unterstützung von Unternehmen, versprach der Ministerpräsident den Aurichern. Auch der Tankrabatt sollte aus Weils Sicht verlängert werden.
Ostfriesland: DankEnergie gute Perspektive
Zugleich werde die Küstenregion mitsamt Ostfriesland zu den Gewinnern der Energiewende gehören. Die fossilen Energien wie Kohle und Gas würden nie wieder so billig werden wie vor dem Ukraine-Krieg. „Ab jetzt sind die Erneuerbaren wirtschaftlicher als die anderen“, so Weil. Die Industrie folge mit ihren Ansiedlungen stets der Energie und deshalb habe Ostfriesland eine „richtig gute Perspektive“. Die Offshore-Windenergie auf See, die ihre Basis auch in Ostfriesland habe, werde „das Rückgrat der deutschen Energieversorgung“ werden. Und in Sachen Onshore-Windenergie sei Ostfriesland ohnehin die Pionierregion. Er gehe zudem fest davon aus, dass bei Emden eine Batteriefabrik entstehe. Alles in allem gebe es „eine große Bewegung Richtung Norden“, meinte Weil.
Auf die Frage von Tebbe Meyer, ob die Stromversorgung in Gefahr sei, sagte Weil, da sehe er aktuell kein Risiko. In Niedersachsen gebe es viel Stromproduktion, unter anderem aus der Windenergie. Das hiesige Gas komme zudem aus Norwegen und den Niederlanden. Auch das helfe. Weil rechtfertigte zudem die Corona-Politik der von ihm angeführten SPD/CDU-Landesregierung in den vergangenen zweieinhalb Jahren. „Wir haben nie Beschränkungen gemacht, um die Leute zu ärgern, sondern um Leben zu schützen“, so Weil. Er ist sicher: Ohne Impfstoffe wäre die Pandemie „eine einzigartige Katastrophe“ geworden. Auf die Frage einer Zuhörerin nach Impfschäden sagte Weil, trotz relativ weniger Fälle müsse man dieses Thema ernstnehmen.
„Druck und Hetze sind Grundübel in der Pflege“
Gefragt wurde auch nach der Pflege. „Das Grundübel dort sind zuviel Druck und Hetze wie am Fließband“, sagte Weil. Die Pflegekräfte müssten zuviel Zeit mit der Dokumentation am Schreibtisch verbringen. „Dieser Irrsinn muss aufhören“, so Weil.
In Sachen ÖPNV findet Weil „Rufbusse eine echt spannende Alternative“ für den ländlichen Raum. Auf Bundesebene setze er sich für ein Nachfolgeangebot des Neun-Euro-Tickets ein. Wichtig sei vor allem, dass dieses bundesweit gelte. Ebenfalls stark machen will sich Weil für den Aufbau einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft. Die früheren Privatisierungen seien ein milliardenschwerer Fehler gewesen.
Klare Kante gegen Putin
Auf die Frage, warum man die Gas-Pipeline „Northstream 2“ nicht aufmache, bezog der Ministerpräsident deutlich Position. Er sei klar gegen die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland. „Putin hat den Tisch umgeschmissen. Das kann nicht akzeptiert werden. Wir müssen mit den Opfern solidarisch sein statt mit den Angreifern Geschäfte zu machen.“
Gefragt wurde Stephan Weil auch, warum er sich bereits auf die Grünen als Wunsch-Koalitionspartner festgelegt habe. „Die Wähler müssen wissen, woran sie sind.“ Von 2013 bis 2017 habe man gut mit den Grünen zusammengearbeitet. Mit der CDU sei der „Vorrat an Gemeinsamkeiten irgendwann erreicht“. Das führe letztlich zu Blockaden, so der 63-Jährige.
Am Ende konnte der Ministerpräsident mit ziemlich großer Zustimmung seiner Anhänger im Rücken zufrieden zur Meisterfeier der Handwerkskammer in die Stadthalle fahren – zum nächsten Termin im friedlichen Aurich.