Folgen des Ukraine-Kriegs  Neue Flüchtlinge bedeuten für Jobcenter hohen Aufwand

| | 13.09.2022 21:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das Jobcenter hat seinen Hauptsitz im Auricher Kreishaus. Foto: Romuald Banik
Das Jobcenter hat seinen Hauptsitz im Auricher Kreishaus. Foto: Romuald Banik
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Innerhalb von wenigen Monaten sind rund 800 Hartz IV-Bedarfsgemeinschaften im Landkreis Aurich dazugekommen. Das bedeutet große Herausforderungen für die Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt.

Aurich - Dass die Flüchtlinge aus der Ukraine mangels Wohnungen immer länger in großen Sammelunterkünften bleiben müssen, ist für die Arbeit des Jobcenters des Landkreises Aurich durchaus ein Problem. Das berichtete Jobcenter-Chef Ewald Focken am Dienstag im Kreissozialausschuss. Denn aus den Groß-Unterkünften heraus seien etwa die Umsetzung von Schulpflicht und Kinderbetreuung schwieriger. „Das ist ein immenser Aufwand, um Integrationsangebote zu machen. Das hemmt uns im Moment ganz enorm“, so Focken.

Rund 800 neue Hartz IV-Bedarfsgemeinschaften

Auch der Weg zu einer möglichen Arbeitsstelle sei ein Problem. „Für die Arbeit von Utlandshörn nach Wiesmoor zu kommen, ist fast utopisch“, sagte Focken. Eine echte Integration in den Arbeitsmarkt finde daher derzeit bislang „nur sporadisch“ statt, so der Jobcenter-Leiter. Insgesamt sind seit Kriegsbeginn in der Ukraine rund 800 neue Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften mit mehr als 1600 Personen im Landkreis Aurich dazugekommen. Das sei ein Anstieg der Leistungsempfänger um rund zwölf Prozent, berichtete Focken. „Das ist eine Rasanz, die wir selbst in der Flüchtlingskrise 2015/16 nicht hatten. Das ist eine ganz andere Schlagzahl“, so der Jobcenter-Chef.

Der Großteil, rund zwei Drittel der neuen Hartz-IV-Empfänger aus der Ukraine, sind demnach weiblich – schließlich sind vor allem Frauen mit Kindern gekommen, die Männer müssen in der Armee ihr Land verteidigen.

Bislang erst 100 Ukrainer in Jobs vermittelt

Bislang seien wohl erst etwa 100 Ukrainer in Jobs vermittelt worden, genau lasse sich die Anzahl derzeit noch nicht bestimmen, weil auch nicht alle beim Jobcenter gemeldet sind.

Angesichts der erheblichen Herausforderungen und der großen Zahl an Flüchtlingen, die innerhalb eines halben Jahres kamen, sei alles bislang bemerkenswert „geräuschlos“ gegangen, so Focken. Im Hintergrund werde in den Behörden viel dafür gearbeitet. Der Vorsitzende des Sozialausschusses, Hans Forster (SPD), bekräftigte: „Es läuft viel, was als selbstverständlich hingenommen wird.“ Doch man müsse den vielen Mitarbeitern in den Behörden und den Helfern für ihre Arbeit danken.

Gute Bilanz wird durch Kriegsfolgen getrübt

Insgesamt wird die Bilanz des Jobcenters durch die vielen Ukraine-Flüchtlinge etwas getrübt. So sank die Zahl der Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften vom Höchststand im Corona-Lockdown mit gut 7500 auf knapp 6300 im März 2022. Im Laufe dieses Jahres werde man aber wohl wegen der Ukraine-Flüchtlinge wieder beim Stand von 2019 landen, also gut 7000 Bedarfsgemeinschaften. Die Zahl der Leistungsempfänger, die im Mai bei rund 8700 lag, steige derzeit ebenfalls wieder an. Man rechne in diesem Jahr insgesamt mit bis zu 2200 Erstanträgen, so Focken. Zum Vergleich: 2020 waren es rund 1800 gewesen.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze im Landkreis Aurich bewege sich gleichwohl weiter auf Rekordniveau. Im Dezember waren es rund 60.900 – so viele wie noch nie in einem Dezember. Neue Jobs seien vor allem im Bau- und im Gastgewerbe, aber auch im Bereich Heime und Sozialwesen entstanden, so Focken.

Arbeitsmarkt mit vielen offenen Stellen

Besonders positiv fiel der Anstieg um neun Prozent bei den Ausländern auf, die mittlerweile 6,6 Prozent der Jobs innehaben. Meist handele es sich dabei um Helfer- oder Anlerntätigkeiten, sagte Focken auf Nachfrage von Ausschussmitglied Jörg Köhler.

Deutliche Verluste gab es dagegen in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie. Insgesamt aber sei der Arbeitsmarkt im Landkreis Aurich derzeit „sehr aufnahmefähig“, so Ewald Focken. Es gebe nicht genügend geeignete Arbeitskräfte für die 1518 offenen Stellen.

Ein Problem seien weiter die Langzeit-Hartz-IV-Bezieher. Ihre Zahl sank zwar von gut 6400 im Jahr 2019 auf rund 6100 in diesem Jahr. „Doch zwei Drittel davon sind schon mehr als vier Jahre im Leistungsbezug und schwer zu aktivieren“, so Ewald Focken.

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