Engpass bei Flüchtlingsunterbringung  Landrat will Blücherkaserne um fast jeden Preis

| | 09.08.2022 21:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Korwin Davids (links) ist für die Unterbringung der Geflüchteten zuständig. Ebenso wie Landrat Olaf Meinen hält er die Kaserne für am geeignetsten. Foto: Romuald Banik
Korwin Davids (links) ist für die Unterbringung der Geflüchteten zuständig. Ebenso wie Landrat Olaf Meinen hält er die Kaserne für am geeignetsten. Foto: Romuald Banik
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Der Kreis Aurich wäre bereit, den Investor bei der Konversion abzulösen, wenn dort vorerst Flüchtlingsunterkünfte entstehen würden. Noch hofft er aber auf ein Happy End.

Aurich - Nächste Runde im Poker um die Auricher Kaserne: Landrat Olaf Meinen macht aus seiner Empörung über die Entscheidung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) keinen Hehl. Freitag erreichte ihn ein Schreiben mit einer Absage für die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft: „Das hat uns mächtig irritiert“, so Meinen am Dienstag bei einem Pressegespräch.

So viele Geflüchtete erwartet der Kreis noch

Seit dem 1. August 2021 kamen 2215 Geflüchtete in Aurich an. In den ersten rund sechs Monaten nahm der Kreis 252 Menschen auf. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine kamen 1963 Menschen hinzu.

Individuell eingereist sind davon 1052, vom Land zugewiesen wurden 1163. Voraussichtlich kommen in nächste Zeit weitere 940 Menschen hier an.

1665 der Geflüchteten kommen aus der Ukraine, 89 sind afghanische Ortskräfte, die vor den Taliban fliehen. 145 sind aus Syrien. Weitere Herkunftsländer sind Irak und Georgien.

In den nächsten Wochen rechnet der Kreis mit wöchentlich rund 75 bis 100 Neuzugängen.

Für 186 der Geflüchteten hat der Kreis selbst Wohnungen gemietet, 388 Plätze in Sammelunterkünften sind belegt. Weitere Personen haben sich selbst Wohnungen gesucht.

Die Bima unterbreitete dem Landkreis Aurich dabei auch Vorschläge, wie der Landkreis das Gelände der Kaserne trotzdem nutzen könne. Zwei Teilflächen von einmal 2700 Quadratmetern und einmal 24.000 Quadratmetern wolle die Bima dem Kreis überlassen, um dort Containerdörfer zu errichten. „Wie denn?“, fragte Meinen am Dienstag entnervt: „Der Markt für Container ist völlig leergefegt.“

Zahl der Geflüchteten übersteigt in Kürze alle Kapazitäten

Zudem fehle für diese Bereiche ein Gutachten für die Belastung mit Kampfmitteln, ergänzte Korwin Davids, der im Kreishaus für die Organisation von Unterkünften für die Geflüchteten zuständig ist. Das verhindere noch zusätzlich, dass es dort eine schnelle Lösung geben könne.

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Der Landkreis bleibt trotz der Absage der Bima bei seinem Anspruch, die Kaserne nutzen zu können. Der Finanzminister habe klar gesagt, dass bevorzugt ller stehende Kasernen zur Verfügung gestellt werden sollten. „Es macht keinen Spaß, solche Anträge zu stellen“, so Meinen, aber die Zahl der Personen, die kurzfristig untergebracht werden müssten, übersteige alle Kapazitäten des Landkreises. Die zwei H-Gebäude, die dem Landkreis von der Bima angeboten worden seien, seien frühestens Mitte nächsten Jahres bezugsfertig. Das eine – Gebäude 12 – stünde dann nur bis 2024 zur Verfügung, Gebäude 11 immerhin bis 2029.

Genauso viele Geflüchtete wie beim Syrienkrieg bisher – aber in der Hälfte der Zeit

In den vergangenen sechs Monaten seit Kriegsbeginn in der Ukraine seien ebenso viele Geflüchtete nach Aurich gekommen wie in den zwölf Monaten 2015/16, als Syrer vor dem Bürgerkrieg flohen. Damals richtete der Landkreis Sammelunterkünfte in der Waldorfschule Moordorf, der Alten Schule in Wiegboldsbur, der Außenstelle des Emder Johannes-Althusius-Gymnasiums (JAG) in Pewsum und der ehemaligen Küstenfunkstelle Utlandshörn ein. Zwei dieser Gebäude gibt es nicht mehr, die Küstenfunkstelle wird weiterhin genutzt, die Waldorfschule soll an einen Investor verkauft werden. Zudem gab es damals einige größere Unterkünfte bei privaten Vernietern, die sich lange nicht alle bewährt haben. Selbst in dieser bedrängten Situation stelle der Landkreis weiterhin Ansprüche an die Qualität der Wohnungen. „Und wir können auch nicht jeden Preis zahlen“, so Meinen.

Das Divisionsgebäude weckt derzeit verschiedene Begehrlichkeiten. Foto: Romuald Banik
Das Divisionsgebäude weckt derzeit verschiedene Begehrlichkeiten. Foto: Romuald Banik

„Andere große ungenutzte Gebäude fallen uns nicht mehr ein“, sagte der Landrat weiter. Und was ist mit einer halben ungenutzten Haupt- und Realschule in Moordorf und einer teils leerstehenden alten IGS in Aurich? Meinen winkt ab: Alles viel zu kompliziert.

Landkreis sieht bei einer Nutzung von Turnhallen nur Nachteile

Die Turnhallen-Lösung sei „die schlimmste mögliche Lösung“, so Meinen. Korwin Davids braucht nur Sekunden, um die Nachteile aufzuzählen: Der Sportbetrieb müsste nach den Corona-Beschränkungen schon wieder ausfallen. In den Hallen könnten jeweils nicht besonders viele Plätze geschaffen werden. Nur einige Hallen kommen wegen der sanitären Anlagen überhaupt infrage. Und der Lärm in solchen Massenunterbringungen sei auf Dauer kaum zumutbar.

Davids und Meinen haben eine klare Präferenz: Das Divisionsgebäude der Blücherkaserne wurde bereits 2015 instandgesetzt. Es hängt an der zentralen Heizung der alten Kaserne, die wieder flott gemacht werden müsste. Binnen sechs bis acht Wochen kann das riesige Gebäude im Herzen des Kasernenareals aus Sicht von Davids dennoch bezugsfertig gemacht werden und würde Platz für rund 800 Personen in Familienzusammenhängen bieten. Die Parteien müssten sich zwar die Bäder teilen, „Verglichen mit Turnhallen wäre das Divisionsgebäude ein Sechser im Lotto“, so Davids.

Zwei Gebäude, für die schon konkrete Nutzungen vorgesehen sind

Ein weiteres Gebäude, das kurzfristig bezogen werden könnte, ist das alte Sanitätsgebäude links vom Tor an der Skagerrakstraße. Eine Belastung mit Legionellen müsse zunächst ausgeschlossen werden, dann sei auch dieses Gebäude rasch bezugsfertig, sagte Davids.

Das Sanitätsgebäude ist bereits hergerichtet und könnte schnell wieder genutzt werden. Doch eigentlich möchte dort der Kindergarten Am Wasserturm seine neue Bleibe finden. Foto: Romuald Banik
Das Sanitätsgebäude ist bereits hergerichtet und könnte schnell wieder genutzt werden. Doch eigentlich möchte dort der Kindergarten Am Wasserturm seine neue Bleibe finden. Foto: Romuald Banik

Das Problem: Für genau diese Gebäude hat Investor Norbert Dittel schon recht konkrete Pläne. Für die Division gibt es einen Interessenten aus dem Bereich Altenbetreuung. Ins Sanitätsgebäude soll der vielfach vertröstete Kindergarten Am Wassertum umziehen.

Immerhin: Laut Meinen könnte die Nutzung des Wirtschaftsgebäudes ohne Interessenkonflikt mit Dittel passieren. Diese Immobilie möchte Lennart Gerstmeier aus Aurich entwickeln.

Landrat: Sozialen Wohnungsbau könnten wir ebenfalls

Dittel hatte vergangene Woche auf ON-Nachfrage gesagt, dass er sich zurückziehen müsse, wenn er keinen Zugriff auf den Großteil des Geländes bekomme. Dies bewertet Olaf Meinen als Drohung. Er hoffe, dass die Bima noch eine Einigung durch Kompromiss herbeiführe.

Das Wirtschaftsgebäude hat der Landkreis wieder als Verpflegungszentrum im Blick. Foto: Romuald Banik
Das Wirtschaftsgebäude hat der Landkreis wieder als Verpflegungszentrum im Blick. Foto: Romuald Banik

Meinen droht umgekehrt aber auch: Wenn Dittel abspringen wolle, könne auch der Landkreis einspringen und die Kaserne zusammen mit der Stadt entwickeln. „Projektieren können wir das auch und sozialen Wohnungsbau könnten wir ebenfalls“, machte der Landrat deutlich.

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