Mit 80 zum Sozialamt? Eigenanteil erhöht sich für Menschen, die Pflege in Anspruch nehmen
Die Personal- und Energiekosten steigen deutlich und auch die Pflegekräfte bekommen ab September mehr Lohn. Das freut viele Senioren, kostet sie aber auch teils Hunderte Euro mehr.
Aurich - Das Wohnen im Seniorenheim wird ebenso teurer wie die Betreuung durch ambulante Pflegedienste. Der Grund dafür liegt im sogenannten Tariftreuegesetz, das sicherstellen soll, dass in den Einrichtungen ein Lohn gezahlt wird, der mindestens an den Tarif angelehnt ist und den Pflegekräften das regional übliche Entgelt sichert.
Die Regelung tritt zum 1. September in Kraft und beschert den Pflegeeinrichtungen nicht nur mehr Aufwand, sondern trifft vor allem die Gepflegten, deren Eigenanteil sich erhöht. Das könnte für viele Senioren den Weg in die Sozialhilfe bedeuten. Nach Angaben des Landkreises Aurich erhalten derzeit bereits 500 Personen stationäre Hilfe zur Pflege. Weitere etwa 85 Personen erhalten ambulante Hilfe zur Pflege. „Es steht zu erwarten, dass die Personen, die Hilfe zur Pflege in Anspruch nehmen, einen höheren Eigenanteil übernehmen müssen und daher aus bisherigen Selbstzahlern auch Sozialhilfeempfänger werden könnten. In welchem Umfang diese Situation den Bereich treffen wird, kann derzeit nicht abgeschätzt werden“, teilte Landkreissprecher Nikolai Neumayer mit. Wie Sozialamtsleiter Michael Müller bereits in einer Sitzung des Kreissozialausschusses im Juli sagte, sei eine Prognose bisher nicht möglich. Zum einen sei kaum zu kalkulieren, wie viele Senioren die Preiserhöhung treffen werde. Und zum anderen sei nicht absehbar, ob die Mehrbelastung innerhalb der Familien aufgefangen werde.
SoVD: „Das ist für viele Betroffene brutal.“
So wird es auch bei einem Leser sein, der ON in der Sache kontaktierte, aber anonym bleiben möchte. Seine Mutter wird von einem ambulanten Pflegedienst betreut. Ihr Pflegegrad reiche schon jetzt nicht ganz zur Deckung der Ausgaben. Nun habe das Unternehmen in einem Schreiben angekündigt, den Pflegeanteil der Kosten um 30 Prozent zu erhöhen. „Das werden wir finanziell schaffen“, sagte der Leser, „aber was ist mit all den Senioren, die das nicht können und wie üblich nicht die Stimme erheben?“
Sie werden beispielsweise vom Sozialverband Deutschland (SoVD) vertreten. Der Verband fordert die Politik auf, die Betroffenen zu entlasten und am besten das ganze Finanzierungssystem in der Pflege zu reformieren. Wirklich unterstützen kann der Verband seine Mitglieder derzeit aber nicht, wie Landespressesprecherin Stefanie Jäkel sagte. Es fehle die gesetzliche Grundlage, um den Erhöhungen zu widersprechen. Deshalb bleibe den Betroffenen derzeit nur, bei Bedarf Sozialhilfe zu beantragen.
„Die Rente reicht dann nicht mehr“
Der SoVD Niedersachsen sei von etlichen Mitgliedern wegen drohender Erhöhungen kontaktiert worden. Oft gehe es um eine Mehrbelastung von 300 bis 500 Euro im Monat. „Die Rente reicht dann nicht mehr. Das ist für viele Betroffene brutal“, so Jäkel. In einem Extremfall in Südniedersachsen sei der Eigenanteil am Pflegesatz von 2000 Euro pro Monat auf knapp 4000 Euro gestiegen. Für Senioren sei es oft eine große innere Hürde, den Sozialhilfeantrag zu stellen. „Nach einem Leben, in dem man allein klar kam, will man nicht noch zum Bittsteller werden.“
Dirk Warnecke, Geschäftsführer des Seniorenzentrums Victorbur, kann auch noch nicht absehen, welche Erhöhung auf welchen Bewohner zukommt. Das Seniorenzentrum ist eine der letzten Einrichtungen in Ostfriesland, die zu keiner Kette gehören. Es verhandelt über die Erstattungen, die das Haus von den Kostenträgern bekommt, selbst. Diese Verhandlungen laufen laut Warnecke schon seit Wochen, sind aber noch nicht angeschlossen.
Viel Aufklärungsarbeit ist nötig
Warnecke erläuterte auf ON-Nachfrage, wie komplex die Berechnung ist. Denn als die Entgelterhöhung für Pflegekräfte beschlossen wurde, wurde auch ein Pflegezuschlag beschlossen, der die Senioren entlasten soll. Ursprünglich wollte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Eigenanteil für Pflege im Heim auf maximal 700 Euro begrenzen. Beschlossen wurde dann, dass die Pflegekasse im ersten Jahr 5 Prozent des pflegebedingten Eigenanteils trägt, im zweiten Jahr 25 Prozent, im dritten Jahr 45 Prozent und danach 70 Prozent.
Je länger die Bewohner schon im Pflegeheim sind, desto weniger trifft sie die Erhöhung. Bei den Senioren, die weniger als ein Jahr im Seniorenzentrum leben, könnten es laut Warnecke aber schon 600 Euro mehr werden. Im Seniorenzentrum sei bisher sehr viel Aufklärungsarbeit gemacht worden und im Großen und Ganzen sei die erhöhung auf Verständnis gestoßen. Das berichten auch Hilde Ubben vom Ambulanten Pflegedienst Hilde Ubben und Carola Fischer vom Hermann-Bontjer-Haus der Awo in Popens. Ubben rechnete auf ON-Nachfrage ein Beispiel vor, wie die Tarifsteigerung sich auf die ambulante Pflege auswirkt. Eine große Pflege koste bislang 18,48 Euro. Ab dem 1. September steige der Preis auf 21,68 Euro. Eine Kostensteigerung von 3,20 Euro. „Rechnen Sie das mal 30, dann sind Sie bei 96 Euro im Monat“, so Ubben, die betonte, dass die Gesamtberechnung tatsächlich komplizierter sei. Zudem steige die Wegepauschale. Bislang hätten die Senioren positiv reagiert, so Ubben. Sie freuten sich für die Pflegekräfte. Aber langfristig sei damit zu rechnen, dass etliche die beanspruchten Leistungen einschränken müssten.
Kostensteigerung beim Personal bereitet Sorge
Carola Fischer macht weniger die Kostensteigerung beim Personal Sorgen als die Entwicklung der Energiepreise (siehe unten). Da im Februar die Ausbildungsumlage erhöht worden sei, habe es bei der Awo schon damals eine leichte Erhöhung gegeben. Und da die Awo Tarif zahle, falle der Schritt jetzt nicht so groß aus, sondern entspreche nur der aktuellen Tarifsteigerung. „Wir sind zur Umlage gezwungen“, so Fischer.
Laut Heiko Friedrich, Geschäftsführender Gesellschafter bei Pflege-Butler betragen für die Mitarbeiter in der Pflege und Betreuung 18,69 Prozent. Die Eigenanteile aller Bewohner für die ambulanten Pflegeleistungen und die der Tagespflege insgesamt um ca. 450 Euro monatlich erhöhen. Die Grundbetreuungspauschale steigt für alle auf monatlich 200 Euro.
„Dies wird zur Folge haben, dass eine erhebliche Anzahl unserer Bewohner den Eigenanteil nicht mehr wird aufbringen und Sozialhilfeanträge wird stellen müssen. Bei der Antragstellung sowie der Bewältigung von bürokratischen Hürden wird unser Personal unsere Bewohner und deren Angehörigen nach Kräften unterstützen.“ Es werde sogar ein Sozialfachwirt gesucht, der die Bewohnern künftig bei der Refinanzierung eines benötigten Pflegeplatzes beraten.