Einkaufszentrum-Eröffnung naht  Politiker befürchten Verkehrswirrwarr rund um Auricher Pferdemarkt

| | 02.08.2022 22:10 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Der Pferdemarkt ist Ostfrieslands meist befahrene Kreuzung. Planer und Politiker gehen von einer Verkehrszunahme durch das Einkaufszentrum aus. Foto: Romuald Banik
Der Pferdemarkt ist Ostfrieslands meist befahrene Kreuzung. Planer und Politiker gehen von einer Verkehrszunahme durch das Einkaufszentrum aus. Foto: Romuald Banik
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Der Stadtrat freut sich über neuen Einzelhandel auf dem alten Kaufhallen-Gelände. Ein Thema ist vier Monate vor Eröffnung jedoch hochgekommen. Und nur einer ist dabei entspannt.

Aurich - Politiker und Verkehrsplaner in Aurich blicken mit Sorge auf die für Anfang Dezember geplante Neueröffnung des großen neuen Einkaufszentrums am Pferdemarkt. Die Kunden eines XL-Combi-Marktes, eines DM-Marktes, einer Bäckerei, eines Asia-Imbisses, Blumenladens sowie Tabak- und Lottoshops müssen über den Breiten Weg und den Schützenweg das Center gut anfahren können. Wie werden sich die Verkehrsströme verteilen?

Die Freude über die Ansiedlung neuer Geschäfte im Norden der Innenstadt ist bei den Politikern und in der Verwaltung weiterhin groß. Doch vier Monate vor der Eröffnung liegt noch kein Verkehrsgutachten vor. Und es ist für die Neueröffnung auch nicht nötig, wie Bürgermeister Horst Feddermann auf ON-Nachfrage sagte. Die Anpassung des Bebauungsplanes wird nötig, bevor Investor Wilhelm Schomaker aus Dörpen die 30 Wohnungen, die er bereits auf dem Zentrum baut, nutzen darf. Nach ON-Informationen steht die politische Diskussion kurz bevor. Für die Eröffnung des Einkaufszentrums spielt sie jedoch keine Rolle.

Verkehrsbehörde kann nur versuchen, Verstöße zu unterbinden

Da Schomaker innerhalb der im Bebauungsplan erlaubten Grenzen baue, gelten einstweilen auch die alten Verkehrsregelungen: Der Markt hat die bekannten Zufahrten am Breiten Weg und an der Schützenstraße. „Wir werden da im Rathaus noch mal in die Tiefe gehen und nächste Woche darüber sprechen“, so Feddermann. Als auf dem Areal noch die gut besuchte Kaufhalle war, hätten sich die Autos der Kunden auch verteilt. Der Verkehr habe seitdem aber zugenommen, sagte der Bürgermeister.

Im Dezember soll das neue Einkaufszentrum bereits eröffnen. Foto: Romuald Banik
Im Dezember soll das neue Einkaufszentrum bereits eröffnen. Foto: Romuald Banik

Das sieht auch Yasin Kilic von der Landesverkehrsbehörde in Aurich so. Schon jetzt beobachte er, dass etliche Autofahrer die Schilder am Breiten Weg missachten und nach links auf die Von-Jhering-Straße und damit mitten in den Kreuzungsbereich abbiegen, so Kilic. Und sogar, als der Nix-wie-hin-Markt nur einen Teil der Ladenfläche genutzt habe, habe es zeitweise Rückstaus in der Schützenstraße gegeben. Die Verkehrsbehörde könne nur abwarten, wie sich die Autos nach der Eröffnung verteilen und dann bei Bedarf durchsetzen, dass die Verkehrsregeln eingehalten werden. Notfalls baulich, indem das Abbiegen aus dem Breiten Weg nach links unterbunden werde.

Schomaker: Nach der Eröffnung wird es sich einspielen

Die Auricher Fraktionschefs befürchten zum Teil eine erhöhte Unfallgefahr auf den Schulwegen. Der Einzige, der die Lage völlig entspannt sieht, ist der Investor aus Dörpen. Seit Jahren äußern Planer sich skeptisch über die zu erwartende Verkehrszunahme. „Ich habe insgesamt einfach Bauchschmerzen bei der Sache“, sagte Frank Buchholz von der Landesverkehrsbehörde im vergangenen November.

Mit dem Umbau der Pferdemarktkreuzung, die nun zwei Linksabbiegespuren hat, ist bereits ein Schritt gegen Rückstaus auf der Esenser Straße getan worden. Das sagte Wilhelm Schomaker auf ON-Nachfrage. Er gab sich entspannt. Die umgebaute Pferdemarkt-Kreuzung sei leistungsfähig und könne durchaus noch mehr Verkehr vertragen. Das Verkehrsaufkommen werde auch nicht explodieren. „Wir sind immer noch auf dem Land, in Städten wie Hamburg würden die über die Auricher Verkehrsmengen lachen“, so der Investor. Er rechne keineswegs mit großen Problemen – allerhöchstens an den Tagen nach der Neueröffnung. „Dann wird sich das einspielen“, prognostiziert Schomaker.

Schomaker: Stadt hat Gutachten in Auftrag gegeben

Er rechne weder mit Rückstaus im Schützenweg noch mit einer Überlastung der Von-Jhering-Straße an der Ausfahrt Breiter Weg. Für die Radfahrer, die den Schützenweg an der Rudolf-Eucken-Allee kreuzen, solle eine Lösung entwickelt werden. Damit sei die Stadtverwaltung ebenso befasst wie mit der Lenkung der Fußgänger und Radfahrer auf der Fläche zwischen Einkaufszentrum und Pferdemarkt. Auch ein Verkehrsgutachten habe die Stadt in Auftrag gegeben, das er als Bauherr bezahle. Ergebnisse habe er aber noch keine gesehen, sagte Schomaker.

Regelmäßig biegen Autofahrer regelwidrig vom Breiten Weg in die Von-Jhering-Straße ab. Foto: Romuald Banik
Regelmäßig biegen Autofahrer regelwidrig vom Breiten Weg in die Von-Jhering-Straße ab. Foto: Romuald Banik

Die Tankstelle auf seinem Gelände sei schon jetzt gut frequentiert und nur sehr selten biege jemand verbotenerweise nach links auf die Von-Jhering-Straße ab, sagte Schomaker. Und was wolle man da auch gegen machen? Wer sich nicht regelkonform verhalte, den könne man mit einer anderen Verkehrsführung wohl auch nicht abhalten.

Neueröffnung, Weihnachtsgeschäft und dunkle Jahreszeit fallen zusammen

Anders als der Investor sind die Fraktionsvorsitzenden aus dem Auricher Stadtrat durchaus in Sorge, wie sich der Verkehr im Dezember entwickelt. Die Eröffnung werde an sich schon viele Kunden anlocken, sagte Richard Rokicki (AWG). Hinzu komme die Weihnachtszeit. Da es im Dezember dunkel sei, mache im besonders die Situation an der Einmündung des Breiten Weges Sorge. Der Schulweg des Ulricianums führe dort entlang.

Wichtig sei es auf jeden Fall, den Verkehr in alle Richtungen – also über die Schützenstraße und den Breiten Weg in beide Richtungen – abzuleiten, so Rokicki. Vermutlich müssten auch die Schaltungen der Ampeln noch optimiert werden, damit der Verkehr fließen könne.

Angrenzende Straßen zu schmal für umfassenden Umbau

Arnold Gossel (CDU) sagte, dass sowohl der Breite Weg als auch die Schützenstraße schmal seien – und dass es folglich kaum Möglichkeiten gebe, die Situation beispielsweise durch Abbiegespuren zu entzerren. Dass das Einkaufszentrum eröffnet werde, bevor es eine gründliche Verkehrsplanung gegeben habe, sei sehr unglücklich. „Die Verkehrsplanung an den geänderten Verkehr anzupassen ist immer schlechter, als es umgekehrt zu machen, so Gossel.

An der Rudolf-Eucken-Allee queren viele Radfahrer die Schützenstraße. Foto: Romuald Banik
An der Rudolf-Eucken-Allee queren viele Radfahrer die Schützenstraße. Foto: Romuald Banik

Insgesamt sei es ärgerlich, dass in Aurich zuletzt mehrere Baustellen aus dem Blick geraten seien. Die Verwaltung sei stark ausgelastet. „Und vielleicht ist auch die Politik etwas Schuld, weil die Frage etwas an uns vorbeigegangen ist“, sagte Gossel.

Sorge, dass Gutachten negative Folgen für Wohnungen haben könnte

Laut Reinhard Warmulla (Linke) hätte eine Ergänzung des B-Planes längst in Angriff genommen werden müssen. „Zumal schon kurz nach Bekanntgabe der Pläne von Herrn Schomaker seitens der Politik, aber auch vonseiten der Verwaltung, das Verkehrsproblem als größtes Hindernis für ein entsprechendes Einzelhandelsvorhaben angesehen wurde.“ In den verkehrsstarken Zeiten entstünden schon jetzt Rückstaus, zwei Ampelphasen Wartezeit seien am Pferdemarkt nicht selten.

Wie seine Ratskollegen betont Warmulla, dass er sich über die ersehnte Einzelhandelsentwicklung freut. Die Verkehrsentwicklung nach Fertigstellung der jetzt geplanten Maßnahmen mache ihm aber schon Sorge. „Es wäre sehr schade, wenn das Ergebnis eines Verkehrsgutachtens im Rahmen des Planverfahrens eine Begrenzung der Anzahl der geplanten Wohnungen zur Folge haben würde.“

Gefährliches Ausprobieren nach der Eröffnung

Sarah Buss (FDP) teilte mit, dass ihre Fraktion „sehr erstaunt und besorgt“ sei hinsichtlich der fehlenden Verkehrsplanung zu den neuen Märkten am Pferdemarkt. Die jetzigen Fraktionsmitglieder seien während der Planung noch nicht im Rat gewesen. Fest stehe, „dass wir dringend Antworten bezüglich der Verkehrsplanung brauchen. Denn hier geht es nicht nur um ein zu befürchtendes Verkehrschaos am Pferdemarkt zu den Stoßzeiten und die Mehrbelastung für die Anwohner durch Verkehr in den umliegenden Wohnstraßen, sondern hier geht es vorrangig um die Sicherheit der Schulkinder, die in dem Bereich Schützenstraße und Rudolf-Eucken-Allee zur Schule gehen und mit dem Fahrrad fahren“, so Buss.

Erst nach dem Aus für die Kaufhalle wurde die Ampel an der Schützenstraße aufgestellt. Vorher mussten Autofahrer in starkem Verkehr nach links abbiegen. Diese Ausfahrt müsste von allen Kunden genutzt werden, die in den Stadtnorden und -osten wollen. Foto: Romuald Banik
Erst nach dem Aus für die Kaufhalle wurde die Ampel an der Schützenstraße aufgestellt. Vorher mussten Autofahrer in starkem Verkehr nach links abbiegen. Diese Ausfahrt müsste von allen Kunden genutzt werden, die in den Stadtnorden und -osten wollen. Foto: Romuald Banik

Die dortige Verkehrssituation sei schon jetzt anspruchsvoll und werde sich noch deutlich verschärfen. „Wir haben hier große Bedenken und fordern die Stadt auf, kurzfristig Lösungsvorschläge zu machen“, so Buss. Es sei erstaunlich, dass die Überlegungen nicht im Rahmen der Bauplanungen erfolgt seien und kein Verkehrsgutachten eingeholt wurde – mit den prognostizierten Kundenzahlen. Dann wäre ein gefährliches „Ausprobieren“ nach Eröffnung des Centers nicht nötig gewesen.

Harald Bathmann (SPD) ist der einzige, der keine Sorge äußert. Er betont die Freude über das Projekt: Einzelhandel habe es an dieser Stelle immer gegeben und die Kaufhalle war in den 70er-Jahren ein Besuchermagnet weit über die Grenzen von Aurich hinaus. „Neu ist natürlich die Wohnbebauung, hier ist eine Verkehrsplanung nicht erfolgt und müsste im Bebauungsplan-Änderungsverfahren zügig nachgeholt werden.“

Gila Altmann (Grüne) reagierte am Dienstag nicht auf eine ON-Anfrage.

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