Flüchtlingsunterbringung in Aurich Landkreis übernimmt fast das gesamte Gelände der Auricher Kaserne
Überraschung für die Stadt Aurich: Der Landkreis möchte neun Gebäude der Kaserne als Notunterkunft herrichten. Deutlich mehr, als bislang bekannt.
Aurich - Neun Gebäude der früheren Blücherkaserne möchte der Landkreis Aurich kurzfristig als Notunterkunft für Geflüchtete und Vertriebene herrichten. Das teilte er am Montag im Rahmen einer Pressekonferenz mit. Dort sollen etwa 1300 Plätze geschaffen werden. Bislang sind bereits 74 Geflüchtete in einem der Gebäude, einem ehemaligen Offiziersheim, untergebracht. Damit wird der Landkreis Aurich das gesamte Kasernengelände übernehmen. Nur drei H-Gebäude sowie die Turnhalle werden nicht einbezogen. „Noch nicht“, wie Marcel Schäfer, Leiter des Kreissozialamtes, sagt.
Zuletzt war von drei Gebäuden die Rede gewesen, darunter zwei der sechs H-Gebäude. Doch nun sei die Zahl der Geflüchteten Menschen so stark angestiegen, dass der „Stab außergewöhnliche Ereignisse“ des Landkreises kurzfristig einen entsprechenden Antrag bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) gestellt hat.
Kreis schätzt Situation äußerst pessimistisch ein
Dazu gehört auch der Antrag auf Erstattung der Kosten für die Ertüchtigung der Gebäude sowie die notwendige Ausstattung. Der Bima gehört das Gelände bislang. Eigentlich geht es gerade darum, einen großen Bereich der früheren Kaserne an den Investor Norbert Dittel aus Bremen zu verkaufen, um in den denkmalgeschützten Gebäuden neue Wohnungen zu schaffen.
Laut Landkreis gehören drei H-Gebäude nicht zum Antrag für die Notunterkunft. Die Entwicklung sei den steigenden Zahlen geschuldet, die dem Landkreis zugewiesen werden. Erster Kreisrat Dr. Frank Puchert findet klare Worte. „Wir schätzen die Situation sehr pessimistisch ein.“ Puchert geht davon aus, dass der Krieg noch lange dauern wird. Der russische Präsident Putin werde vielmehr vor einem Waffenstillstand versuchen, die Front so weit wie möglich nach Westen zu verschieben. Das bedeute aber auch, dass immer mehr Menschen die Ukraine verlassen werden. Außerdem, ergänzt Marcel Schäfer, würden sich nun viele Menschen auf den Weg nach Westen machen, die bislang noch an der polnischen Grenze ausgeharrt hätten.
Krieg bringt auch Flüchtlinge aus Afrika
Die Zusammenfassung von Puchert gibt wenig Anlass zur Hoffnung auf Besserung: Die bestehenden Großunterkünfte seien im roten Bereich, die Menschen würden bereits jetzt kaum noch in Wohnungen wechseln. Zudem blieben die Ukrainer nun im Landkreis Aurich. Im Gegensatz zum Beginn des russischen Angriffs würden sie sich mehr und mehr darauf einstellen, dass sie so bald nicht mehr in die Ukraine zurückkehren könnten.
Bislang hat der Kreis mehrere Gemeinschaftsunterkünfte mit derzeit 470 Plätzen eingerichtet. Davon seien bereits 351 Plätze belegt. „Bei einem anhaltenden Flüchtlingsstrom werden die derzeit vorgehaltenen Kapazitäten in Großunterkünften bereits in circa zwei Wochen erschöpft sein“, so Puchert. Auch Container, wie der Landkreis sie bereits plant, seien keine langfristig ausreichende Lösung. Zudem sei durch die Getreideknappheit, gerade in afrikanischen Ländern und in Teilen des Nahen Ostens, ein weiterer Flüchtlingsstrom zu befürchten.
Etwa 1130 Menschen müssen bis Jahresende noch untergebracht werden
Der Landkreis müsse daher zwingend weitere Kapazitäten schaffen. Umfangreiche Erkundungen im Kreisgebiet hätten ergeben, dass es keine relevanten Alternativen zum insgesamt fast 40 Hektar großen Gelände der Kaserne gebe. Der Landkreis steht unter Druck und betonte, dass er die Bima um eine kurzfristige Entscheidung gebeten habe, da die Gebäude ja noch hergerichtet werden müssten. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine bis zum 18. Juli seien 2025 Geflüchtete registriert worden. Allein in der vergangenen Woche und an diesem Dienstag kämen 103 Personen neu hinzu. Dabei seien ursprünglich vom Land nur sechs Personen angekündigt gewesen.
1528 der registrierten Menschen kommen aus der Ukraine, 497 aus anderen Staaten. Da die Aufnahmequote für das Kreisgebiet derzeit 3155 Geflüchtete vorsehe, müssten bis Jahresende noch 1130 Menschen untergebracht werden. Und, das ist laut Puchert auch eine Erkenntnis aus der Flüchtlingskrise von 2015: Die Aufnahmequote wird immer den aktuellen Zahlen angepasst. Schon damals stiegen die Zahlen von Woche zu Woche. Das werde auch jetzt geschehen, nur sehr viel stärker als vor sieben Jahren. „Der private Wohnraum für Geflüchtete aus der Ukraine und aus Drittländern ist bereits heute nahezu erschöpft“, sagt Puchert. „Zudem kann für Geflüchtete aus Drittstaaten generell kaum Wohnraum beschafft werden.“
Für die Stadt Aurich ist diese Situation wohl wie ein Déjà-vu. Schon 2015 steckte sie in Planungen für ihr neues Quartier, als durch den Syrienkrieg das Land Anspruch auf die Kaserne erhob und dort eine Erstaufnahmeeinrichtung schuf. Nach mehreren Monaten wurde die Kaserne wieder geräumt, die Planung wieder aufgenommen. Derzeit geht es zum einen um den Verkauf des Geländes durch die Bima und die Aufstellung eines Bebauungsplanes durch die Stadt. Die Stadtverwaltung sei am Freitag über den Antrag informiert worden, so Puchert, und habe Verständnis geäußert.
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