Angebote für Schwangere in Aurich Frauenklinik-Chefarzt hält Kooperation mit Geburtshaus für denkbar
Die Geburtsstation wird 2028 mit der Zentralklinik nach Uthwerdum ziehen. Doch Mütter und Hebammen wollen eine Entbindungsmöglichkeit in Aurich erhalten. Beim Infoabend gab es Annäherung und Angebote.
Aurich - Ein hebammengeführtes Geburtshaus im Gebäude der Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) in Aurich wäre nach Eröffnung der Zentralklinik in Uthwerdum 2028 grundsätzlich denkbar. Allerdings nur in Trägerschaft einer Gemeinschaft von Hebammen, auf keinen Fall durch die Klinik-Trägergesellschaft von Landkreis Aurich und Stadt Emden. Das betonte der Chefarzt der UEK-Frauenklinik, Dr. Helmut Reinhold, am Mittwochabend bei einem Infoabend zum Thema Geburtshilfe in Aurich. Bei der Veranstaltung kamen Vertreter von Klinik, Müttern und Hebammen erstmals direkt aufeinander zu – und machten Angebote.
Eine Zusammenarbeit der Zentralklinik mit einem Geburtshaus sei durchaus vorstellbar, so Reinhold. Doch den Standort würde er sich wegen der räumlichen Nähe direkt an der Zentralklinik in Uthwerdum wünschen, so der Gynäkologe.
Chefarzt: Immer mehr Risikoschwangerschaften
Reinhold gab jedoch zugleich kritisch zu bedenken, dass nur rund 1,8 Prozent der Geburten in Deutschland außerhalb von Kliniken stattfinden. Es gebe zum Beispiel immer mehr ältere Schwangere mit erheblichen Vorerkrankungen, die in einer Klinik besser versorgt werden könnten. Der Chefarzt erinnerte daran, dass rund 30 Prozent der Schwangeren aus Geburtshäusern letztlich doch in die Klinik müssen, „weil es nicht funktioniert“.
Reinhold warnte zugleich davor, die derzeitige Geburtshilfe in der UEK als nicht frauenfreundlich darzustellen. Im Gegenteil: Hier gebe es rund 1400 Geburten im Jahr – alle gut und gesund, so Reinhold. In der Zentralklinik in Uthwerdum könne man den Frauen noch mehr Komfort und Freiheit bieten.
In Uthwerdum soll es „Wohlfühlatmosphäre“ geben
Das unterstrich die Projektleiterin des Klinik-Neubaus, Andrea Janssen von der Trägergesellschaft. In Uthwerdum sei ein Eltern-Kind-Zentrum in einem Gebäude geplant mit einer engen Vernetzung von Gynäkologie, Geburtshilfe, Perinatalzentrum, Wöchnerinnenstation und Pädiatrie. Geplant seien unter anderem fünf Kreißsäle mit zwei Entbindungswannen und ein direkt angebundener Kaiserschnitt-OP-Saal. „Dort machen wir einen Quantensprung im Vergleich zur jetzigen Geburtshilfe“, so Janssen. Es solle eine „Wohlfühlatmosphäre“ für die Schwangeren geschaffen werden.
Auf dem UEK-Gelände sieht Janssen durchaus Möglichkeiten für Angebote wie eine Elternschule oder Hebammensprechstunden – auf keinen Fall aber für eine stationäre Geburtshilfe.
Für Geburtshaus auch Wirtschaftlichkeit nötig
Der Nachnutzungs-Manager für das derzeitige UEK-Gelände, Andreas Epple, sagte, in einer Machbarkeitsstudie solle geprüft werden, was auf dem Gelände möglich sei. Dabei solle auf jeden Fall die Gesundheit Priorität haben. Denkbar sei etwa ein Pflege-Kompetenzzentrum, Dialyse und Ärztehaus könnten bleiben.
Die Machbarkeitsstudie solle im zweiten Quartal 2023 vorliegen. Derzeit werde die Gebäudesubstanz geprüft. Wenn es um ein Geburtshaus gehe, müssten jedoch auch Wirtschaftlichkeitsberechnungen der Betreiber vorgelegt werden, so Epple.
Hebammenverbandschefin hinterfragt Abwanderung nach Leer
Kritische Worte gab es auf dem Podium von der Vorsitzenden des Hebammenverbandes Niedersachsen, Veronika Bujny (Westoverledingen). Sie betonte, die Geburt sei die meistgenutzte Gesundheitsleistung in Kliniken. „Für nichts anderes gehen die Menschen so oft ins Krankenhaus.“ Im Einzugsbereich der Kliniken Aurich-Emden-Norden gehe es um rund 2000 Geburten jährlich. Doch nach der Schließung der Geburtsklinik in Emden hätten sich rund 700 Schwangere für andere Kliniken, etwa die in Leer, entschieden. „Ich finde das tragisch. Und es gibt keinen Aufschrei. Wir müssen dringend erfahren, warum die 700 nicht hier gebären wollen“, so Bujny.
Auch müsse hinterfragt werden, warum alle Hebammen der geschlossenen Emder Geburtsstation nach Leer und nicht nach Aurich gewechselt seien. Womöglich sei es die bessere Bezahlung, die die hiesige Trägergesellschaft nicht habe bieten wollen, so Bujny. Außerdem müsse darauf geachtet werden, genug Hebammen auszubilden. Chefarzt Reinhold betonte, dass die UEK derzeit insgesamt fünf Hebammen ausbilde – bei 25 Mitarbeitern sei das ein guter Schnitt. „Wir tun, was wir können“, so Reinhold.
Elternverein: „Brauchen für Geburt keine Maximalversorgung“
Die Vorsitzende des Elternvereins „Motherhood“, Tanja Gerdes, betonte: „Für eine gesunde Geburt brauchen wir keine medizinische Maximalversorgung. Was die Eltern möchten, ist eine Wahlmöglichkeit für ein Geburtshaus.“
Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aurich, Birgit Ehring-Timm, die den Infoabend mit organisiert hatte, fand die Diskussion am Ende fruchtbar. „Wir nehmen Chancen mit und gucken, wo wir Spielraum haben.“ Die Klinik-Verantwortlichen betonten ebenfalls, man stehe für den weiteren Dialog bereit. Chefarzt Reinhold räumte ein: „Das hätten wir vielleicht schon eher machen sollen.“
Wie berichtet, hatte der Auricher Stadtrat im Mai eine Resolution zum Erhalt einer Geburtsmöglichkeit in Aurich beschlossen.