Landesarchiv in Aurich Von Meistern im Wegwerfen
Im Auricher Landesarchiv finden sich unzählige Dokumente ostfriesischer Geschichte. Doch längst nicht alle historischen Unterlagen schaffen es in die Regale.
Aurich - Was wüsste man heute über besondere ostfriesische Persönlichkeiten, über die Geschichte von Städten und Dörfern, die Gerichtsbarkeit, oder die Behörden? Ohne die Arbeit der Archivare im Landesarchiv in Aurich ganz sicher deutlich weniger. Am Wochenende wurde da 150 jährige Bestehen der Behörde, die 1872 als Königlich Preußisches Staatsarchiv gegründet wurde, gefeiert. Für Besucher wurden bei Führungen die Magazine, in denen unzählige Akten lagern, geöffnet. Sie erhielten einen Blick hinter die Kulissen, der den meisten Menschen im normalen Archiv-Alltag verwehrt bleibt. Und sie gewannen die Erkenntnis, dass Archivare längst nicht alles sammeln, was sie in die Finger bekommen. Sie bezeichnen sich selbst als „Meister des Wegwerfens“.
„Wir sind keine Jäger und Sammler“
Die klischeehaften alten Herren, die in düsteren Kellern chaotische Berge verstaubter Akten verwalten, sucht man im Auricher Landesarchiv vergebens. Kein Blatt Papier, keine Akte und keine historische Karte, die nicht fein säuberlich an dem dafür vorgesehenen Platz aufbewahrt wird. Bis solche Dokumente aber dort ankommen, steht ein ebenso langwieriger, wie für die Unterlagen überlebenswichtiger Prozess an, wie Kirsten Hoffmann, stellvertretende Leiterin des Archivs erklärt. „Wir sind keine Jäger und Sammler.“ Nur etwa ein bis zwei Prozent der Dokumente, die dem Archiv angeboten werden, laden tatsächlich in einem der unzähligen Regale. Der Rest wandert irgendwann in den Reißwolf. Aufgabe der Archivare ist es, aus einem schier undurchdringlichen Wust an Unterlagen, die Jahr für Jahr beispielsweise bei Behörden anfallen, die wichtigen und archivwürdigen Dokumente herauszufischen. Eine Verantwortung, mit der Neulinge zunächst einmal umgehen lernen müssen. Schließlich sind sie es, die heute mitentscheiden, was in naher oder ferner Zukunft einmal in den Geschichtsbüchern steht.
Viele der vor allem staatlichen Unterlagen des Archivs werden von Behörden angeboten, wenn die Aufbewahrungsfristen enden. Seien es Steuerunterlagen, Gerichtsakten, oder Kaufverträge. Theoretisch könnte alles im Archiv landen – in der Praxis ist es nur ein Bruchteil. Und so war sich Kirsten Hoffmann bei einer Führung sicher, dass im Archiv von keinem der Besucher Steuerunterlagen zu finden seien.
Was für archivwürdig befunden wird, erfährt häufig zunächst eine Nachbehandlung. Beispielsweise, wenn es sich um Unterlagen auf Papier in schlechter Qualität handelt. Oft enthält dieses Säuren, die zunächst beseitigt werden müssen – natürlich ohne die Dokumente dabei zu beschädigen. Anschließend wird katalogisiert, sicher verpackt und einsortiert. Oberstes Ziel: Die Unterlagen sollen lange nutzbar bleiben und bei Bedarf auffindbar sein.
Tierische Gegenspieler
Immer wieder bekommen es Archivare dabei aber mit einem tierischen, nur wenige Millimeter großen Gegenspieler zu tun: dem Papierfischchen. Das Tier ist verwandt mit dem viel bekannteren Silberfischchen. Machen sich die kleinen Tierchen im Archiv breit, können sie dort große Schäden anrichten. Sie fressen sich durch die Aktenseiten und können Unterlagen vernichten, die es nur dieses eine Mal gibt. In Aurich, wie auch in allen anderen Abteilungen, wird einiges dafür getan, dass es soweit nicht kommt – bislang mit Erfolg.
Genutzt werden kann das Archiv von so ziemlich jedem. Formal muss dafür ein berechtigtes Interesse begründet werden. Was kompliziert klingt, ist laut Kirsten Hoffmann aber ganz einfach. Selbst die Forschung nach den eigenen Vorfahren genügt als Begründung. Grundsätzlich ist die Nutzung kostenpflichtig, aber auch hier gibt es viele Ausnahmen. Beispielsweise für die Wissenschaft. Selbst durch die Regale schlendern und sich nach belieben durch die Akten wälzen können Besucher allerdings nicht. Für die Suche empfiehlt es sich laut Kirsten Hoffmann, das elektronische Archivinformationssystem im Internet zu nutzen.
Viele Akten unter Verschluss
Wie sieht es aber mit dem Datenschutz aus? Immerhin lagern im Archiv beispielsweise auch Gerichts- und Ermittlungsakten von herausragenden Fällen. So zum Beispiel die Unterlagen zum Prozess gegen einen Putzer aus Reepsholt wegen Mordes an einem Pastor. Damit Datenschutz- und Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben, gelten für die Freigabe der Unterlagen bestimmte Fristen. So gibt es Zugriff auf viele Akten erst zehn Jahre, nachdem die jüngste darin genannte Person verstorben ist. Lässt sich dies nicht ermitteln, werden die Unterlagen erst 100 Jahre nach deren Geburt zugänglich gemacht. Vieles von dem, was in den Archivregalen lagert, ist also vermutlich noch gar nicht erforscht.
Wer das Landesarchiv in Aurich nutzen möchte, erfährt alles Wissenswerte dazu im Internet unter www.nla.niedersachsen.de.