Durchsuchung in Wiesmoor  Dubioses Firmennetzwerk beschäftigt Ermittler

| | 10.06.2022 22:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Soccerhalle ist eine Multifunktionsarena, wurde allerdings nicht nur sportlich, sondern auch unternehmerisch umfassend genutzt. Foto: Gerd-Arnold Ubben
Die Soccerhalle ist eine Multifunktionsarena, wurde allerdings nicht nur sportlich, sondern auch unternehmerisch umfassend genutzt. Foto: Gerd-Arnold Ubben
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Der Osnabrücker Polizeisprecher nennt die Untersuchung ein „Großverfahren“. Es geht um mehrere Straftatbestände und ein weit verzweigtes Unternehmensgeflecht.

Wiesmoor - Als die Ostfriesen-Zeitung im Januar von etlichen Firmengründungen in Wiesmoor berichtete, klang es nach einem seltenen Boom in Corona-Zeiten. 108 Betriebe wurden demnach im Jahr 2020 neu angemeldet. 2021 waren es gar 135 neue Unternehmen.

Inzwischen wird klar, dass ein Teil dieser Firmen wohl nur zu Betrugszwecken gedient hat. Im Zentrum eines großen Firmennetzwerks, das in Coronahilfen-Betrug und Testbetrug verwickelt sein soll, steht die KS Consult GmbH. Inwieweit auch die anderen Unternehmen in den Betrug eingeweiht waren, ist Gegenstand der Ermittlungen, so der Osnabrücker Polizeisprecher Marco Ellermann.

Zwei Fußballer als Geschäftsführer

Im August 2020 wurde aus der Mediterranen Verwaltungsgesellschaft zu Rostock die KS Consult GmbH. Sie verlegte ihren Sitz von Rostock an die Adresse der Wiesmoorer Soccerhalle. Zwei Ex-Germania-Wiesmoor-Fußballer wurden zu Geschäftsführern ernannt. Sie übernahmen den Posten von einem inzwischen verstorbenen Trainer des Fußballvereins, der von 2017 bis 2020 Geschäftsführer in sechs Firmen gewesen war - drei davon mit Sitz in der Soccerhalle.

Unternehmensgegenstand der KS Consult GmbH ist nach eigenen Angaben der Betrieb von Restaurants, der Handel mit Waren für Gastronomiebetriebe, Im- und Export von Waren und anderes. Das Unternehmen wurde in den Monaten nach seiner Gründung zum unbeschränkt hafteten Gesellschafter von rund 20 anderen Unternehmen, die alle als GmbH & Co KG organisiert sind. Darunter auch die Dr. Rademacher-Jelten GmbH & Co. KG, die im November 2021 als letzte Tochter der KS Consult gegründet wurde.

Soccerhalle als Business-Place

Neun der ab 2020 gegründeten Tochter-Unternehmen teilten sich die Anschrift mit der Soccerhalle in Wiesmoor. Zehn weitere KS-Consult-Töchter hatten ihren Sitz beispielsweise in Oldenburg, Aurich, Dornum oder Esens. Eine Auricher Pizzeria ist darunter, die seit Jahren existiert, aber erst seit August 2021 auch als GmbH. Ähnlich sieht es bei Lokalen in Esens, Dornum und Oldenburg aus. Hinweise auf Betrugsversuche bei Anträgen auf Coronahilfen lagen den Ermittlern aber schon im April 2020 vor. Schon vor der KS Consult hatten Unternehmen ihren Sitz an die Anschrift der Soccerhalle verlegt, darunter eine Zeitarbeitsfirma, ein Lohnunternehmen, das aus gastronomischen Betrieben hervorgegangen war, und ein Unternehmen für den Handel mit Elektroartikeln aller Art, Handelsvertretertätigkeit, Trockenbau und Spachtelarbeiten.

Am Ende tummelten sich an der Adresse Unternehmen wie eine Zeitarbeitsfirma, Immobilienunternehmen, Bauunternehmen, Gastroausstattungs- und -beratungsfirmen, eine Firma zum An- und Verkauf von Fisch und zum Betrieb eines Krabbenkutters, ein Sportwettenbüro, ein Friseursalon und ein Imbiss. Ein bunter Branchenmix also.

Polizei: Keine Bezüge zwischen Coronahilfen-Betrug und Rockermilieu

Nur wenige Geschäftsführer kümmern sich um die Leitung all dieser Unternehmen. Darunter zeitweise die beiden Ex-Fußballer von Germania Wiesmoor, über die Nachbarn sagen, dass sie auffällig schmucke Autos fahren. Einer der beiden war auch Geschäftsführer der Joy Company GmbH mit Sitz in Stade, die zuvor von der Ex-Frau und der Schwester eines Rocker-Club-Präsidenten aus Delmenhorst geführt wurde.

Ein dritter Germania-Spieler ist dort immer noch Geschäftsführer. Seine Wohnung wurde allerdings für die Ermittlungen zum Coronahilfenbetrug der Wiesmoor-Connection nicht durchsucht. Er ist nach Angaben von Polizeisprecher Marco Ellermann kein Beschuldigter in dieser Sache. „Bezüge zum Rocker-Milieu sind in unserem Verfahren nicht vorhanden“, so Ellermann.

Gegen einen Beschuldigten wird in mehreren Verfahren ermittelt

Sehr wohl gibt es aber Zusammenhänge mit dem Fund einer Drogenplantage im Zuge der Durchsuchungen. Ellermann bestätigte, dass einer der Beschuldigten wegen des Verdachts auf bandenmäßigen Subventionsbetrug auch im Verfahren wegen des Verdachts auf unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln eine Rolle spielt.

Nach ON-Informationen handelt es sich bei dem 56-jährigen Wiesmoorer, der am Tag nach der Durchsuchung und dem Drogenfund festgenommen wurde, um Christian Rademacher-Jelten. Der Unternehmer ist nicht nur Ex-Bürgermeisterkandidat in Wiesmoor, sondern war bis Dezember 2021 auch Geschäftsführer bei Germania Wiesmoor. Nach Angaben des Fußballvereins ist er derjenige, der für den Betrieb der Soccerhalle verantwortlich war und ist.

Testbetrug in Millionenhöhe gehört auch zum Firmengeflecht

Und es gibt auch Zusammenhänge mit den Ermittlungen zu gewerbsmäßigem Abrechnungsbetrug in mehreren Corona-Testzentren. Im März durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft bereits mehrere Objekte in Aurich, Hannover und Oldenburg und identifizierten eine 31-Jährige aus Aurich als Hauptverdächtige in der Sache.

Sie soll als Betreiberin mehrerer Corona-Teststationen Tests über die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen abgerechnet haben, die gar nicht gemacht wurden. So soll ein Schaden von mehr als einer Million Euro entstanden sein. Zudem ist die Auricherin seit dem Sommer 2021 Geschäftsführerin der KS Consult und weiterer Firmen. Sie löste dabei die beiden Ex-Germania-Wiesmoor-Spieler auf ihrem Posten ab. Zusammen mit Christian Rademacher-Jelten ist sie auch Geschäftsführerin der Dr. Rademacher/Jelten & Sinning GmbH.

Obwohl ihre Wohnung am 31. Mai auch im Zuge der Ermittlungen zum Coronahilfebetrug durchsucht wurde, gilt sie in der Sache nicht als eine der Hauptverdächtigen.

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