Aurich/Norden
Kliniken: Abmeldung sorgt für Großalarm
Weil sämtliche Krankenhäuser in der Umgebung ihre Notaufnahmen abgemeldet hatten, wurde für die Rettungsdienste laut Insidern kürzlich ein besonderer Alarm ausgelöst. Die Probleme reichen aber weiter.
Aurich/Norden - Die Abmeldung verschiedener Abteilungen der hiesigen Kliniken sorgt immer wieder für Probleme. Betroffen sind davon nicht nur die Krankenhäuser selbst. Auch der Rettungsdienst steht vor einer Herausforderung, wenn Patienten nicht in das nächstgelegene Krankenhaus, sondern in teils weit entfernte Kliniken gebracht werden müssen. Am vorletzten Donnerstag zog die zuständige Leitstelle offenbar Konsequenzen: mit einem Großalarm.
Weil alle Krankenhäuser in der Umgebung ihre Notaufnahmen abgemeldet hatten, wurde der Rettungsdienst des Landkreises Aurich kürzlich in eine besondere Alarmstufe versetzt. Das berichteten mehrere Insider aus dem Gesundheitswesen den Ostfriesischen Nachrichten. Sie sprechen von einer dramatischen Situation. Demnach löste die zuständige Rettungsleitstelle am vorletzten Donnerstag den sogenannten MANV-Alarm aus. Eigentlich ist diese Alarmstufe beispielsweise für größere Unfälle gedacht, bei denen es viele Verletzte gibt.
Insider: MANV-Alarm wegen voller Krankenhäuser
MANV steht für Massenanfall an Verletzten. Eine solche Situation lag an besagtem Tag nicht vor. Dennoch wurde die Alarmstufe nach Informationen von Mitarbeitern aus dem Gesundheitswesen ausgelöst, mit der Maßgabe an den Rettungsdienst, die Kliniken direkt und ohne Rücksicht auf die Abmeldungen anzufahren. Eine Bestätigung vom Landkreis Aurich war dafür am Wochenende nicht zu bekommen. Eine entsprechende Anfrage am Sonntag blieb unbeantwortet. Das einzelne Abteilungen der Kliniken abgemeldet werden, kommt offenbar immer wieder vor. Einerseits reichen die belegbaren Betten wohl häufig nicht aus, andererseits spielt wohl auch die Personalsituation eine Rolle. Insider schildern die Lage insgesamt dramatischer als die Verantwortlichen.
Sonntag, ca. 14 Uhr: Ein 35-jähriger Patient klagt in Aurich über akute Atemnot, der Rettungsdienst hält eine Notfallversorgung für erforderlich und sucht über den Interdisziplinären Versorgungsnachweis Ivena nach einer Klinik, welche diese Versorgung übernehmen kann. Die Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich wird den Sanitätern jedoch in rot angezeigt, sie kann den Patienten nicht aufnehmen. Ein fiktives Beispiel, das aber zeigt, vor welchem Problem der Rettungsdienst immer wieder steht. In diesem Fall wäre das Krankenhaus Norden aufnahmebereit gewesen. Nicht selten sind aber alle ostfriesischen Krankenhäuser für verschiedene Krankheitsbilder ausgebucht. Weite Fahrten mit dem Rettungswagen sind dann die Folge, wie Insider berichten, die nicht namentlich genannt werden möchten.
Länger in der Notaufnahme als nötig
Zu den Abteilungen, die immer wieder abgemeldet werden, gehören auch die Notaufnahmen. Laut einer Sprecherin der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden gelte dies zum Beispiel, wenn die weiterbehandelnden Stationen keine Kapazitäten mehr aufweisen oder ein überhöhtes Patientenaufkommen auftritt. Das Ivena-System diene zur Orientierung für den Rettungswagen. Lasse der Zustand des Patienten dies zu, sei es sinnvoll, eine andere Klinik anzufahren. Akute Notfälle würden aber immer behandelt.
Insider berichten jedoch, dass wegen der Auslastung nachgelagerter Stationen immer wieder Behandlungsräume der Notaufnahmen kurzfristig für die Übernachtung von Patienten genutzt werden müssten. Dies schränke die Kapazitäten der Notaufnahmen dann noch weiter ein. Die Trägergesellschaft bestätigt dies, spricht aber von Ausnahmefällen.
Landkreis sieht „keine gravierenden Veränderungen“
Für den Rettungsdienst bedeutet die Abmeldung einzelner Abteilungen immer wieder weite Fahrten. Handelt es sich nicht um einen akuten Notfall, geht die Fahrt in solchen Situationen nicht selten in den Landkreis Leer oder ins Ammerland. Das führt aber zu Problemen in anderen Bereichen.
23 Rettungswagen sind in der Woche tagsüber im Landkreis Aurich (inklusive Inseln) im Einsatz – zumindest im Normalfall. Doch immer wieder werden vor allem in den großen Rettungswachen in Aurich und Norden einzelne Fahrzeuge abgemeldet. Das bestätigt auch der Landkreis Aurich, der den Rettungsdienst unterhält. Neben dem normalen Krankenstand spielten dabei auch Corona-Erkrankungen und Quarantäneanordnungen eine Rolle. „Gravierende Änderungen zu den Vorjahren“ habe es aber nicht gegeben. Das Bild, das Insider, die teils seit Jahrzehnten im hiesigen Gesundheitswesen arbeiten, von der Situation zeichnen, spricht jedoch eine andere Sprache. Fehlendes Personal sorge dafür, dass andere Kollegen immer wieder einspringen müssten. Auch Doppelschichten kämen vor. Nicht selten sei die Zahl der im Kreisgebiet eingesetzten Rettungswagen auch deutlich geringer als eigentlich vorgesehen. Müssten die Wagen dann noch lange Fahrten antreten, um die Patienten in aufnahmebereite Krankenhäuser zu bringen, verschärfe sich die Situation. Wie oft Rettungswagen abgemeldet werden müssen, wird laut Landkreis nicht statistisch erfasst. Dass es zu Abmeldungen kommen könne, werde bei der Bedarfsberechnung aber berücksichtigt. Gleiches gelte auch für die Personalplanung, weshalb es aktuell keine unbesetzten Stellen gebe.
Bei Lebensgefahr wird sofort gehandelt
Was die Versorgung lebensbedrohlicher Verletzungen und Erkrankungen betrifft, betont der Landkreis, dass betroffene Patienten immer in die nächstgelegene geeignete Klinik gebracht und dort behandelt werden.
Das bestätigen auch die Insider. Probleme tauchten aber vor allem dann auf, wenn der Zustand der Patienten zwar nicht bedrohlich, eine Behandlung im Krankenhaus aber dennoch nötig sei. Dann fehlten gewissermaßen die Argumente, das Klinikpersonal von der Aufnahme der Patienten zu überzeugen oder eine sogenannte Zwangszuweisung zu begründen. Ordnet der Rettungsdienst die an, muss die Klinik aufnehmen.
Oft seien diese Maßnahmen ohnehin gar nicht sinnvoll, so die Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen weiter. Schließlich meldeten die Kliniken ihre Abteilungen ja nicht ohne Grund ab. Und bevor Patienten dann auf den Krankenhausfluren „zwischengeparkt“ werden müssten, nehme der Rettungsdienst die weiteren Wege eben in Kauf. Stets in der Hoffnung darauf, dass es dadurch nicht zu gefährlichen Engpässen und Verzögerungen kommt – und darauf, dass sich bald etwas an der Lage ändert.