Meinung

Nicht jedes Denkmal braucht eine Erklärung

Ein Kommentar von Stephan Schmidt
 | 23.04.2022 10:51 Uhr  | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Dem Middelser Denkmal mit Adler und Eisernem Kreuz wird keine erklärende Tafel zur Seite gestellt. Das entschied der Ortsrat. Foto: Romuald Banik
Dem Middelser Denkmal mit Adler und Eisernem Kreuz wird keine erklärende Tafel zur Seite gestellt. Das entschied der Ortsrat. Foto: Romuald Banik
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Nach dem Wunsch von Stadtpolitikern sollen an den Kriegerdenkmalen in Aurich Erklärtafeln angebracht werden. Doch solche „Warnhinweise“ bergen Fallstricke – und sind unnötig. Ein Kommentar von Chefredakteur Stephan Schmidt.

Hinweistafel oder nicht? Das ist die Frage, die sich die Auricher Ortsräte stellen müssen. Der Schul- und Kulturausschuss bittet sie darum, bei den Denkmalen für gefallene Soldaten erklärende Texte anzubringen. Für Middels ist die Entscheidung schon getroffen: Der Ortsrat will keine Tafel. Verständlich. Denn im vorgeschlagenen Wortlaut liegt kein Mehrwert.

In der Formulierung lauern jede Menge Fallstricke. Im von Volker Rudolph (GAP) im städtischen Fachausschuss vorgeschlagenen Text wird nichts erklärt, sondern nur das Offensichtliche ausgesprochen. Ein weiterer Krieg werde „apokalyptische Folgen“ haben.

Gleichmacherei grenzt an Geschichtsverfälschung

Die Zahl der getöteten Soldaten und Zivilisten wird genannt. Alle seien „Opfer zweier sinnloser Kriege“. Alles Opfer? Schon diese Gleichmacherei grenzt an Geschichtsverfälschung. Soldaten der Wehrmacht führten Hitlers Angriffs- und Vernichtungskrieg. Sie waren es, die Not und Elend nicht nur über Europa brachten. Ohne die Wehrmacht wäre die mörderische Umsetzung von Hitlers oder Himmlers Rassenwahn nicht möglich gewesen. Von all dem kein Wort im Text. Kriege sind keine Naturkatastrophen. Wo es Opfer gibt, muss es auch Täter geben.

Man sollte die Kriegerdenkmale in Aurich als das begreifen, als was sie geschaffen wurden: als Gedenkort für die Angehörigen der gefallenen Soldaten, aber auch als Propagandawerkzeug des jeweiligen politischen Regimes. Vor dem Ersten Weltkrieg erinnerte man im Kaiserreich an die „Helden“ des Deutsch-Französischen Kriegs, vor dem Zweiten Weltkrieg, in der Weimarer Republik, an die „Helden“ des damals so genanten „Großen Krieges“.

Es ist eine Unsitte unserer Zeit

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als weite Teile Deutschlands in Schutt und Asche lagen, war von Helden keine Rede mehr. Die Denkmale aber blieben bestehen. Als Propagandawerkzeuge nimmt sie heute niemand mehr wahr. Sie sind im kollektiven Bewusstsein zu Orten der Mahnung geworden – trotz Reichsadler, pathetischer Soldatengeste oder übertriebener Heldendarstellung.

Nicht jedes Denkmal braucht eine aktuelle Erklärung. Der Wunsch, alles Historische mit einer Art Warnhinweis zu versehen, damit niemand auf falsche Gedanken kommt, ist eine Unsitte dieser Zeit geworden. Eine ziemlich überhebliche noch dazu.

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