Aurich
Protest für mehr Tierrechte zieht viel Aufmerksamkeit auf sich
Mehrere Aktionsbündnisse protestieren gegen die Abfertigung von Langstreckentiertransporte im Landkreis Aurich. Die anschließende Debatte dauerte mehr als vier Stunden. Dabei ging es auch ruppig zu.
Aurich - Lautstark sind am Sonnabendmittag rund 330 Demonstranten über den Auricher Innenstadtring und durch die Fußgängerzone gezogen. Sie protestierten auf Initiative des Vereins Ostfriesen gegen Tierleid und des Wiesmoorer Ratsherren und Landtagskandidaten für die Tierschutzpartei Diedrich Kleen gegen Langstreckentiertransporte in Staaten außerhalb der EU.
Mit Trillerpfeifen, Rufen wie „Aurich aufgewacht, stopp Tierquälerei in deiner Nachbarschaft“ und zahlreichen Transparenten zogen sie viel Aufmerksamkeit auf sich. Sprüche wie „Pfui VOSt“ und „Wir schämen uns für unseren Landrat“ lenkten den Fokus darauf, dass der Kreis Aurich eine der wenigen deutschen Kommunen ist, die noch Tiertransporte in Staaten wie Marokko, Algerien und Usbekistan genehmigen.
Unterschiedliche Reaktionen
Manchen Passanten traten beim Anblick der Fotos von verletzten Tieren auf den Transparenten die Tränen in die Augen. Andere erklärten ihren Kindern schnell, was dort angeprangert wird. Manche winkten ab und murmelten „Ach, Tierschützer.“ Und ein Mann rief: „In der Ukraine ist Krieg – und ihr seid gegen Tiertransporte?“
Das Thema Tierschutz berührt die Menschen. Auch bei der Kundgebung am Rathaus war jede Menge Emotion im Spiel. Dort sammelte sich die Gruppe um 12 Uhr für eine viereinhalbstündige Kundgebung und Diskussion mit Tierärzten, Landtagsabgeordneten und Vertretern von Tierschutzbündnissen. Die geplante Mahnwache am Gelände des VOSt in Schirum, wo die Tiere verladen werden, wurde abgesagt, um mehr Zeit zum Diskutieren zu haben.
Leiterin der EU-Untersuchungskommission: Viele Transporte sind grausam
Die Europaabgeordnete Tilly Metz (Grünen/EFA), die den Untersuchungsausschuss zur Prüfung von mutmaßlichen Verstößen bei der Anwendung von EU-Rechtsvorschriften zum Schutz von Tieren beim Transport geleitet hat, berichtete von Besuchen an europäischen Tierabfertigungsstellen und vielen ausgewerteten Berichten. Wenige Transporte seien tiergerecht, etliche aufgrund der Dauer oder versagender Technik grausam und viele sinnlos, resümierte Metz.
Sie prangerte an, dass Tiere oft zu lange transportiert werden und nicht an das Wasser herankommen. Viele Transporte folgten einem Markt-Irrsinn. 1,35 Milliarden Tiere werden laut Metz jährlich innerhalb und 150 Millionen Tiere aus der Europäischen Union transportiert, darunter Rinder, Schweine, Küken und Bestäuber.
Schlagabtausch unter Tierärzten auf Podium
Die Tierärzte auf dem Podium lieferten sich einen Schlagabtausch darüber, ob ein Export von Hochleistungstieren in futter- und wasserarme Regionen wie Marokko sinnvoll und nachhaltig sein kann, und über die Verantwortung der Amtsveterinäre im System des Tierhandels. Um die Bedingungen auf den Transporten selbst ging es nur am Rande. Dr. Michael Marahrens vom Arbeitskreis Tiertransport der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz sagte, dass Exporte nach Marokko nicht nachhaltig seine, weil es an Futter für die Aufzucht von Jungtieren fehle. Wenn seit mehr als 30 Jahren Rinder aus Ostfriesland dorthin transportiert würden, müsste inzwischen deutlich zu erkennen sein, dass ein Herdenaufbau stattfinde.
Die Milchleistung steige aber nicht. Zucht gelinge sicherlich in einigen Einzelfällen, dass sei aber wohl die Ausnahme. Am Ende sei der Export von Zuchtrindern ein Export von Schlachtvieh. Die ostfriesischen Tiere seien nicht auf die klimatischen Bedingungen in der Wüste eingestellt. Um eine Milchproduktion dort aufzubauen, sei allenfalls eine Einkreuzung von ostfriesischen Genen erfolgversprechend. Das könne ohne Lebenstransporte erfolgen.
Joachim Kleen: Zahlen sind eine Folge der noch fehlenden Dokumentation
Dr. Joachim Kleen aus Großheide, der Landwirte unter anderem in Zentralasien zum Thema Fütterung berät, widersprach. Er berichtete von einem sehr erfolgreichen Zuchtaufbau in Israel und erfolgversprechenden Ansätzen in Zentralasien. Wenn die Halter in Drittstaaten 2000 Euro für ein Tier bezahlten, dann sicher nicht, um es unmittelbar zu schlachten.
Der Aufbau einer Zucht brauche aber Jahrzehnte und eine große Anzahl von Tieren. Landwirte, die diesen Schritt machen, müssten dies in großem Stil tun. Dass die Daten aus Marokko derzeit keine Steigerung der Milchleistung dokumentierten, sei aus seiner Sicht kein Beleg für die Schlachtung der Tiere, sondern liege nach seiner Erfahrung in Usbekistan an der noch fehlenden Dokumentation.
Kleen sagte, dass er die Veterinäre des Landkreises kenne und sicher sei, dass sie sorgfältig ihre Arbeit machen. Er versuchte, seinen Kollegen Marahrens zu der Aussage zu bringen, dass die in Aurich abgefertigten Transporte keineswegs so brutal seien wie die auf den Fotos gezeigten. Marahrens schwieg dazu.
Tierärztin: Nehmen Sie unseren Berufstand in die Verantwortung
Kleen wurde mehrfach für seine Aussagen ausgebuht, bekam aber auch Anerkennung für seinen Mut, sich an der Diskussion zu beteiligen. Am meisten kritisiert wurde er von seinen Kolleginnen Dr. Kirsten Tönnies und Dr. Ursula Preuß-Überschär. Beide Veterinärinnen betonten, dass es nicht Aufgabe von Tierärzten sei, sich für die Interessen von Landwirten oder Verbänden einzusetzen, sondern für das Tierwohl.
Dass Amtstierärzte dazu neigten, Tiertransporte zu genehmigen, liege daran, dass dies in ihrem beruflichen Umfeld Anerkennung verspreche, so die Behauptung. Tierärzte seien ein sehr tragender Baustein im System des Tierhandels. „Nehmen Sie unseren Berufstand da in die Verantwortung“, appellierte Tönnies.
Nicht nur Vertreter der Auricher Grünen waren vor Ort, sondern auch Kreistagsmitglied und Landtagskandidat der Freien Wähler Detlev Krüger: Er sei dabei, weil er sich besser über das Thema informieren wolle. Dem Landkreis seien bei der Genehmigung von Transporten sicher oft die Hände gebunden. Es sei aber gut, wenn so viele Leute auf die Straße gingen, um auf die Politik einzuwirken. Im Kreistag müsse das Thema viel stärker thematisiert werden, so Krüger.