Südbrookmerland/Aurich

Flüchtlingshelfer: „Wir fühlen uns ziemlich verarscht“

| | 16.03.2022 20:09 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zahlreiche Südbrookmerlander aus verschiedenen Vereinen und Einrichtungen packten beim Beladen des Busses in Münkeboe mit an. Foto: privat
Zahlreiche Südbrookmerlander aus verschiedenen Vereinen und Einrichtungen packten beim Beladen des Busses in Münkeboe mit an. Foto: privat
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Eigentlich wollten Freiwillige Südbrookmerlander am Wochenende geflüchtete Ukrainer mit nach Ostfriesland nehmen. Doch daraus wurde nichts. Nun kritisieren sie den Landkreis für zu viel Bürokratie.

Südbrookmerland/Aurich - Elena de Vries hat mit den Tränen zu kämpfen, wenn sie über ihre Erlebnisse der vergangenen Tage spricht. Gemeinsam mit zwei Busfahrern war sie in Zusammenarbeit mit zahlreichen Südbrookmerlander Helfern an der polnisch-ukrainischen Grenze, um dort Menschen zu helfen, die vor dem Krieg aus ihrem Heimatland flüchten. Doch während in Polen alles sehr gut organisiert sei, laufe in Deutschland vieles nicht so zusammen, wie es sein müsse. Sie selbst habe deshalb viele Menschen enttäuschen müssen. Mitschuldig daran ist in ihren Augen die Bürokratie der Behörden, insbesondere im Landkreis Aurich.

Hilfe für Geflüchtete in Südbrookmerland

Etwa 440 Geflüchtete hat der Landkreis Aurich seit Ausbruch des Ukraine-Krieges in privaten Wohnungen untergebracht. Der weitaus größte Teil dieser Menschen lebt in der Stadt Aurich. Weitere, davon gehen alle Beteiligten aus, werden folgen. Deshalb sucht der Landkreis weiterhin nach Wohnungen. Hilfe wird aber auch von privaten Initiativen organisiert. Beispielsweise von der Dorf-Arbeitsgemeinschaft Münkeboe. Für den nächsten Hilfstransport werden unter anderem haltbare Lebensmittel, Medikamente, Verbandsmaterial, Batterien und Taschenlampen sowie Babynahrung und -hygieneartikel benötigt. Abgegeben werden können diese Dinge am heutigen Donnerstag von 16 Uhr bis 18.30 Uhr und am Sonnabend ab 10 Uhr am Feuerwehrhaus in Oldeborg.

49 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, waren am Montag in den Bus aus Südbrookmerland gestiegen. Wie berichtet, hatten die Münkeboer Dorf-Arbeitsgemeinschaft und zahlreiche freiwillige Helfer einen Hilfstransport organisiert. Lebensmittel, Medikamente und Verbandsmaterial gingen nach Polen und von dort weiter in die Ukraine, geflüchtete Menschen sollten mit zurück nach Südbrookmerland gebracht werden.

Laatzen statt Ostfriesland

Daraus wurde jedoch nichts. Statt nach Ostfriesland ging es für die Geflüchteten zunächst nach Laatzen, wo das Land Niedersachsen eine Außenstelle seiner Aufnahmebehörde eingerichtet hat. Das war zwar von vornherein klar. Noch gingen die Verantwortlichen aber davon aus, dass dort lediglich eine zentrale Registrierung der Menschen erfolgen sollte, damit diese unter anderem Sozialleistungen bekommen könnten. Doch eine Registrierung wurde dort überhaupt nicht vorgenommen. Die Geflüchteten mussten dableiben. „Wir haben sie aus einer kalten Halle in Polen geholt, um sie in eine kalte Halle in Laatzen zu bringen.“ Der Landkreis, so Elena de Vries, arbeite mit Falschinformationen.

Ein Sprecher der Kreisverwaltung bestätigte den ON auf Anfrage, dass eine entsprechende Mitteilung am 9. März herausgegeben wurde. Tags drauf sei das Verfahren aber geändert worden. Zuständig für die Registrierung seien nun die Landkreise. Alle Geflüchteten, für die es noch keine Unterkunft gibt, müssten aber dennoch den Weg über Laatzen gehen. Von dort, so der Sprecher, erfolge die Verteilung auf die Landkreise.

Vertrauen der Menschen gewonnen

Genau das wollten die Südbrookmerlander Helfer aber unbedingt vermeiden. Die Busfahrer und die Dolmetscherin hätten während der Fahrt das Vertrauen der Menschen gewonnen, sagt Alwin Thesinga. Das sei in der Regel gar nicht so einfach. Dieses Vertrauen müsse andernorts erst mühsam erneut gewonnen werden. Darüber hinaus hatten sich die Helfer laut Thesinga vorab schon selbst um Unterkünfte bemüht. Vom Landkreis hatten sie sich lediglich eine vorübergehende Unterkunft gewünscht, in der die Geflüchteten mit den neuen Gastfamilien hätten zusammengebracht werden können. „Man muss doch die Helfer unterstützen und ihnen nicht im Weg stehen“, sagt Elena de Vries.

Geflüchtete Ukrainer im Grenzgebiet zwischen ihrem Heimatland und Polen. Foto: Petros Giannakouris/ DPA
Geflüchtete Ukrainer im Grenzgebiet zwischen ihrem Heimatland und Polen. Foto: Petros Giannakouris/ DPA

Sie habe ein schlechtes Gewissen gehabt, als sie den Menschen sagen musste, dass sich ihre Wege in Laatzen wieder trennen würden. Der Landkreis, so ihr Vorwurf, verstecke sich hinter einem Verteilschlüssel. „Das kommt mir wie eine Sabotage vor“, sagt sie. „Wir fühlen uns ziemlich verarscht“, drückt es Thesinga noch deutlicher aus.

Erschwerter Zugang zu Sozialleistungen

Es gehe nicht darum, ehrenamtliches Engagement zu schmälern, sagt hingegen der Landkreis. Es sei aber wichtig, dass die Geflüchteten hier vor Ort in geordnete Verhältnisse kämen. Flüchtlingstransporte ins Kreisgebiet, die nicht mit dem Landkreis abgestimmt seien, könnten zum Problem werden und den Zugang zu Sozialleistungen erschweren.

Aus Sicht der Helfer ist all das unnötige Bürokratie. Zunächst müsse es darum gehen, den Menschen zu helfen. Aus diesem Grund planen die Dorf-Arbeitsgemeinschaft und ihre Mitstreiter bereits die nächste Fahrt nach Polen. Erneut sollen Lebensmittel, Medikamente und Verbandsmaterial geliefert und Geflüchtete mit zurückgenommen werden. Diesmal, so die Ankündigung, werde man aber nicht nach Laatzen, sondern direkt in den Landkreis Aurich fahren.

Der Sprecher der Kreisverwaltung warnt indes vor solchen Aktionen. „Dann müssen die sich auch um Unterkünfte bemühen“, sagt er im ON-Gespräch. Andernfalls könnte es passieren, dass die Betroffenen nach ihrer Ankunft im Landkreis doch nach Laatzen geschickt werden. Anders sei es für die Kreisverwaltung nicht zu stemmen. Für die Geflüchteten, die im Kreisgebiet privat unterkommen, gelte zudem eine sogenannte Zuweisungsentscheidung. Das heißt: Werden sie vor Ort registriert, müssen sie auch ihren Wohnsitz im Kreisgebiet nehmen, wenn sie Sozialleistungen beziehen wollen. Ein späterer Umzug, beispielsweise zu Verwandten in anderen Teilen Deutschlands, sei dann nur schwer möglich. In jedem Fall appelliert der Sprecher an die Verantwortlichen, vor dem erneuten Start ins Grenzgebiet Kontakt mit der Behörde aufzunehmen.

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