Aurich
Weltkriegsteilnehmer warnt vor alten Fehlern
Carl Osterwald hat als junger Mann selbst auf russische Soldaten geschossen. Der Angriff Putins auf die Ukraine entsetzt ihn. Er warnt davor, in alte Muster zurückzufallen und Fehler zu wiederholen.
Aurich/Südbrookmerland - Er hat 1945 als jugendlicher Soldat selbst an der Front gelegen und auf Russen geschossen. Bei den Bildern, die er nun im Fernsehen sieht, überkommt Carl Osterwald aus Münkeboe das blanke Entsetzen. „Ich gehöre noch zu den wenigen, die den letzten Krieg selber mitgemacht haben. Uns steckt noch in den Knochen, was wir damals erlebt haben“, so der frühere Pastor.
Angesichts der Nachrichten aus der Ukraine sei er „sehr entsetzt, ganz beklommen und hilflos“. In der ersten Nacht nach dem russischen Angriff habe er kaum geschlafen. „Ich identifiziere mich mit dem Menschen, die dem Krieg jetzt wieder ausgesetzt sind.“ Der russische Überfall auf sein Nachbarland sei ein fürchterlicher Rückfall in den alten Nationalismus.
Osterwald: 1945 gab es nur Schuld und Scham
Was ist jetzt von diesem Krieg, den drohenden wirtschaftlichen und politischen Folgen der Sanktionen und der plötzlichen deutschen Wende zur Wiederaufrüstung zu halten? Osterwald seufzt, denn die Lage sei komplex. Der Zweite Weltkrieg habe sinnlose Zerstörung gebracht. „Es gab keine Sieger, nur Opfer und Täter, nur Schuld und Scham“, so Osterwald. Wenig später sei die Welt in zwei Blöcke aufgeteilt gewesen. Der Kalte Kriege prägte über Jahrzehnte die Wahrnehmung voneinander.
Und der Kalte Krieg wirkt nach Meinung von Osterwald bis heute nach und wird wieder heiß. Während im Westen Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie Fuß gefasst hätten, seien in der Sowjetunion Gehorsam und Härte und ein die ganze Gesellschaft durchziehendes Misstrauen prägend gewesen.
„Wandel durch Handel“ hat nicht gereicht
Als dieses System durch Perestroika und Glasnost an sein Ende gekommen sei, habe es die Hoffnung gegeben, dass die Welt zusammenfinden werde. „Wandel durch Handel“ sei die Hoffnung gewesen, so Osterwald - der schlichte Glaube, dass wirtschaftliche Verflechtung weiteren Krieg unattraktiv machen würde.
In Russland gebe es seit dem Zerfallen der Sowjetunion aber bei einigen noch die Angst, auf ein Nebengleis der Geschichte abgestellt zu werden, wo man sich selbst nicht helfen könne. Durch demokratische Tendenzen sei bei Wladimir Putin der Eindruck entstanden, dass seine Macht zerfalle, meint Osterwald. Die Amerikaner hätten gedrängt, ob nicht die Ukraine in die Nato aufgenommen werden könne. Auch Georgien ist Teil der Nato-Gipfelerklärung von 2008. „Russland bröckelt an den Rändern“, so Osterwald. Nach den wiederholten Protesten auf dem Maidan habe das Herübergleiten der Ukraine zum Westen vor der Tür gestanden. „Dass Putin seine Großmacht in Gefahr sah, kann man verstehen“, so der frühere Pastor: „Und wir reagieren nur mit einem ganz starken Wir-Gefühl mit der Ukraine.“
Osterwald: „Man kann sich doch verstehen. Wir sind doch alle Menschen“
Das Mitgefühl sei groß, die Menschen seien jetzt sehr offen für die Not der Flüchtlinge. „Wir fühlen uns jetzt selber mit angegriffen“, sagt Osterwald: „Denn aus der Geschichte haben wir immer noch ein sehr gebrochenes Bild von Russland.“ Durch Partnerschaften in der Gesellschaft und in der Wirtschaft sei jahrelang gegen das Drohbild angearbeitet worden. Den jetzigen Angriff hätten diese tiefgehenden Verflechtungen zwar leider nicht verhindert. Aber sie hätten gegenseitiges Verständnis geschaffen zwischen Deutschen und Russen.
Er habe vor russischen Schülern über die Geschichte seiner Jugend gesprochen. Dass er, verblendet von der nationalsozialistischen Ideologie, selbst auf Russen geschossen habe, sagt Osterwald. „Die haben mir zugehört, wir haben uns unterhalten, und am Ende haben sie mir einen Blumenstrauß überreicht. Man kann sich doch verstehen. Wir sind doch alle Menschen.“
Größere Aufgaben sollten die Menschheit einen
Osterwald warnt davor, in alte Feindbilder und Frontstellungen zurückzufallen. Was Putin derzeit mache, sei ein Verbrechen, für das er zur Verantwortung gezogen werden müsse. Das Gefühl „wir gegen die anderen“ dürfe dennoch nicht zurückkehren. „Diese Spaltung ist unselig“, sagt Osterwald und bezieht sich auf Abraham Lincoln und Theodor Adorno: „Was moralisch falsch ist, kann politisch nicht richtig sein.“
Abgesehen von Putin und den anderen russischen Machthabern müssten jetzt die Beziehungen zum russischen Volk eher gestärkt werden, meint Osterwald. Dass 100 Milliarden in die Aufrüstung der Bundeswehr investiert werden sollen, hält er für schrecklich und den falschen Ansatz. Es werde in Zerstörungsmittel investiert.
„Dabei brauchen wir als Menschheit all unsere Kraft, um gemeinsam gegen Hunger und den Klimawandel anzukämpfen“, sagt der ehemalige Pastor: „Wir müssen weg von Rüstung und uns zusammenfinden auf der Basis der Menschenrechte. Auf keinen Fall darf die Menschheit wieder in Blöcke zerfallen.“ Neben dem Versuch der Annäherung müsse gleichzeitig unbedingt die Hand offen gehalten werden für die Menschen, die aus der Ukraine fliehen.