Aurich

Aktivistin aus Aurich: „Ich habe Angst um meine Zukunft“

Neelke Harms
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Von Neelke Harms
| 07.03.2022 19:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Organisationsteam von Fridays-for-Future in Aurich um Lea Flemming (zweite von links) bei einem Klimastreik im September 2021. Foto: Heino Hermanns
Das Organisationsteam von Fridays-for-Future in Aurich um Lea Flemming (zweite von links) bei einem Klimastreik im September 2021. Foto: Heino Hermanns
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Lea Flemming aus Aurich spricht im ON-Gespräch darüber, weshalb sie sich in der Verantwortung sieht, selbst für eine bessere Zukunft ihrer Generation einzustehen. Dafür nimmt sie einiges in Kauf.

Aurich - Ein halbes Jahr war sie im Vorstand der Grünen Jugend in Hannover tätig. Jetzt engagiert die 19-jährige Lea Flemming sich in Aurich unter anderem für eine klima- und geschlechtergerechte Zukunft und gegen Rassismus. Der Grund für ihren Einsatz? „Ich habe Angst um meine Zukunft und sehe mich in der Verantwortung, mich dafür einzusetzen“, sagt die Auricherin den ON.

Lea Flemming absolviert in Aurich bis zum Sommer 2022 einen Freiwilligendienst. Foto: privat
Lea Flemming absolviert in Aurich bis zum Sommer 2022 einen Freiwilligendienst. Foto: privat

Unter den Jugendlichen in Aurich ist Flemming vor allem für die von ihr gegründete Initiative „Catcalls of Aurich“ bekannt. Nach einem Vorbild aus New York schreiben Aktivisten weltweit sogenannte Catcalls, also Berichte von Situationen sexueller Belästigung, mit Kreide an die Orte des Geschehens.

Sie lässt sich nicht unterkriegen

Wenn junge Leute sich engagieren, hätten sie häufig das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden, sagt die 19-Jährige. Vor allem zu Beginn ihrer Initiative sei sie häufig auf Unverständnis von Passanten gestoßen. Sie glaubt, dass die Leute sich, vor allem in einer Kleinstadt wie Aurich, erst einmal daran gewöhnen müssen. Denn neben Unverständnis kam am Anfang vor allem Verwunderung und Neugierde bei ihr an. Doch von negativen Reaktionen lässt Flemming sich nicht unterkriegen. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich das Richtige tue“, sagt sie. Schon seit ihrer frühen Jugend sei auch sie selbst mit sexueller Belästigung konfrontiert gewesen. Mittlerweile gebe es in ihrem Freundeskreis fast kein Mädchen mehr, das noch nie davon betroffen war. Ein Problem: Catcalling kann nicht zur Anzeige gebracht werden, da sich die Form der Belästigung in einer rechtlichen Grauzone abspielt. Deshalb möchte Flemming Betroffenen eine Stimme geben. „Ich bin total beflügelt nach unseren Aktionen“, sagt sie.

Doch „Catcalls of Aurich“ ist nicht der einzige Bereich, in dem sie sich engagiert. Wie auch schon in ihrer Heimat Hannover beteiligt die 19-Jährige sich in Aurich an der Organisation der Fridays-for-Future-Demonstrationen. Zudem hat Flemming einige Seminare und Veranstaltungen des Europahauses in Aurich mit Kollegen ins Leben gerufen. Dazu gehören ein „Bürgerforum“ und der „Runde Tisch“. Bei Letzterem kommen verschiedene ostfriesische Initiativen gegen Rassismus zusammen. Im Bürgerforum werden von Aurichern konkrete Forderungen an die Politik erarbeitet.

Lea Flemming mit einer Kollegin bei einer Aktion von „Catcalls of Aurich“ im November 2021 auf dem Auricher Marktplatz. Foto: Neelke Harms
Lea Flemming mit einer Kollegin bei einer Aktion von „Catcalls of Aurich“ im November 2021 auf dem Auricher Marktplatz. Foto: Neelke Harms

Jeder kann sich engagieren

Trotz ihrer Leidenschaft für die Aktionen sieht die 19-Jährige Herausforderungen. Denn neben Schule oder Ausbildung alles unter einen Hut zu bekommen, sei nicht einfach. Zeit für Hobbys habe sie selbst kaum noch. Und das, obwohl ihre eigene Initiative Teil ihres Freiwilligen Ökologischen Jahres im Europahaus ist. Wie beispielsweise Luisa Neubauer, eine der deutschen Hauptorganisatorinnen von Fridays-for-Future, alles organisiert bekomme, sei ihr ein Rätsel, sagt Flemming. Sie glaubt, dass die Zeitnot einer der Gründe ist, warum manche Jugendliche vor politischem Engagement zurückschrecken. „Das Wichtigste ist, dass eine Bewegung am Leben bleibt“, sagt sie. Jeder könne seine eigenen Fähigkeiten nutzen und müsse nur so viel Zeit investieren, wie er oder sie möchte.

In Aurich gebe es noch viele Projekte, für die sie sich engagieren wolle, sagt Flemming. Ihr fehle jedoch die Zeit dazu. Das größte Manko der Stadt ist aus ihrer Sicht das öffentliche Verkehrsnetz. Eine Anbindung Aurichs an die Bahn wäre sowohl klimapolitisch als auch für Jugendliche eine große Bereicherung, findet Flemming.

Schon seit der Kindheit interessiert

Das Interesse, sich politisch zu engagieren entstand bei der heute 19-Jährigen schon in der Kindheit. Ihr großes Vorbild: ihre Großmutter, die sich im sozialen Bereich einsetzt. Mit 15 Jahren fing Flemming an, sich mit Politik auseinanderzusetzen, und verzichtete von da an aus klimapolitischen Gründen auf Fleisch. Im Alter von 17 Jahren trat sie in ihrer Heimat Hannover der Grünen Jugend bei und wurde Mitglied des Vorstandes. Nach ihrem Freiwilligen Ökologischen Jahr in Aurich soll es auch beruflich für sie in die Politik oder politische Bildung gehen.

Im Sommer endet der Freiwilligendienst der 19-Jährigen. Für ihre letzten Monate in Aurich hat Flemming noch einiges vor. Das nächste große Ziel steht schon am Dienstag bevor: Eine Aktion anlässlich des Weltfrauentags am 8. März auf dem Auricher Marktplatz in Zusammenarbeit mit dem kurdischen Frauenrat Zelal. Aber auch eine weitere große Fridays-for-Future-Demonstration ist in Planung.

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