Aurich
Ein Zeichen gegen sexuelle Belästigung
Sexuell anzügliche Zurufe in der Öffentlichkeit: Zwei junge Auricherinnen setzten sich gegen „Catcalls“ ein, doch die Resonanzen sind nicht immer positiv.
Aurich - Ein bunter Schriftzug ziert den Auricher Marktplatz. „Du hast einen geilen Arsch, den würde ich gerne mal anfassen.“ Dieser Satz ist auf dem Pflaster vor dem Sous-Turm zu lesen. Dahinter stecken zwei junge Frauen der Initiative „Catcalls of Aurich“. Der Begriff „Catcalling“ kommt aus dem Englischen. Darunter werden sexuell anzügliche Zurufe in der Öffentlichkeit verstanden. Die Auricherinnen kreiden mit wasserlöslicher Kreide Situationen sexueller Belästigung an den Orten des Geschehens an. Das Ziel: Aufmerksamkeit erregen, den Opfern zeigen, dass sie nicht alleine und nicht Schuld sind, sagen die Organisatorinnen aus Aurich im ON-Gespräch.
Und ihr Plan geht auf: Während die beiden die Zeilen am frühen Mittwochabend schreiben, erregen sie viel Aufmerksamkeit. Innerhalb von einer halben Stunde bleiben mehr als ein Dutzend Passanten stehen und zeigen Interesse. Einige von ihnen sprechen die jungen Frauen an. Sätze wie „Ich drücke euch die Daumen, das ist eine gute Sache“ fallen.
Das Geschlecht spielt keine Rolle
Doch nicht immer sind die Rückmeldungen so positiv. Die 19-jährige Lea wird während der Aktion am Mittwoch von zwei Jungen angesprochen. Einer von ihnen sagt: „Jedes Mädchen wird mal belästigt, das kann ja mal passieren.“ In solchen Situationen erklären die beiden Auricherinnen, was hinter ihrer Aktion steckt. Oft käme nach so einem Gespräch Verständnis auf, sagen die beiden. Bei den Catcalls, die sie bisher in Aurich angekreidet haben, ging es ausschließlich um Belästigung durch Männer an Frauen. Doch den beiden ist wichtig, für alle Geschlechter da zu sein und jedem zu helfen, sagen sie. Bis jetzt bekamen sie jedoch nur Nachrichten von weiblichen Personen.
Das könnte jedoch auch ihrer Reichweite geschuldet sein. Denn derzeit findet man die „Catcalls of Aurich“ im Internet nur auf Instagram. Auf dem sozialen Netzwerk folgen ihnen bereits über 100 Leute. Auf diesem Weg bekommen die Organisatorinnen auch die Situationen sexueller Belästigung zugeschickt. Die Veröffentlichung auf der Straße läuft anonym ab.
Sie sind selbst betroffen
Die Idee zu der Initiative kam bei den beiden Auricherinnen auch dadurch, dass sie selbst betroffen waren. „Ich wurde auch schon belästigt, das ist ja klar“, sagt Jasmin mit einer trockenen Selbstverständlichkeit. Das erste Mal habe sie mit 13 Jahren sexuelle Belästigung erfahren müssen. Auf dem Schulhof sei Catcalling in nahezu jeder Pause ein Gesprächsthema, erzählt sie weiter. Aller Anfang ist schwer. So auch bei der Auricher Initiative. Als sie den ersten Catcall vor dem Auricher Rathaus ankreidete, wurde Lea von einer Mitarbeiterin des Ordnungsamtes gebeten, damit aufzuhören, erzählt sie. Ungefähr für einen Monat mussten sie ihre Aktionen dann einstellen. Doch sie setzten sich mit der Auricher Gleichstellungsbeauftragten in Verbindung. Mit Erfolg: Mittlerweile haben sie die Erlaubnis vom Ordnungsamt und dem Auricher Bürgermeister.
Die Auricher Gleichstellungsbeauftragte Birgit Ehring-Timm unterstützt die Aktion. Auf ON-Nachfrage sagt sie: „Anmache und sexuelle Belästigung werden zu oft als Privatproblem abgetan.“ Es sei wichtig, diese Fälle in das öffentliche Bewusstsein zu bringen.
Aber ist in Aurich überhaupt Bedarf? Diese Frage stellte sich auch Lea, als sie das Projekt im August ins Leben rief. Doch jetzt kann sie sagen: Auf jeden Fall. Wöchentlich bekommen sie mehrere Anfragen über das soziale Netzwerk. Und das trotz der geringen Reichweite.
Die Straßen sollensicherer werden
Doch die junge Auricher Initiative ist kein Einzelfall. Weltweit setzten sich Freiwillige durch die Veröffentlichungen der Catcalls auf der Straße gegen sexuelle Belästigung ein. Die Landeshauptstadt ist das Vorbild der Auricherinnen. Die Instagram-Seite „Catcalls of Hannover“ verfolgen fast 20.000 Menschen.
So hohe Ziele stecken sich Lea und Jasmin nicht. Aber sie möchten, dass etwas von ihrer Aktion bleibt. Sie hoffen, dass die Aktion von anderen weitergeführt wird, wenn sie Aurich in den nächsten Jahren für das Studium verlassen. Sie freuen sich, wenn sich ihnen noch Weitere anschließen. Das langfristige Ziel ihrer Aktion? „Ich hoffe, dass die Straßen sicherer werden“, sagt Lea.