Südbrookmerland

Wehmütige Erinnerungen an Weihnachten in schwerer Zeit

| | 23.12.2021 15:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Victorburer Hinrich Goes mit einem alten Holzpferd, das er in der Nachkriegszeit zu Weihnachten geschenkt bekam. Foto: privat
Der Victorburer Hinrich Goes mit einem alten Holzpferd, das er in der Nachkriegszeit zu Weihnachten geschenkt bekam. Foto: privat
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Kakao, Spekulatius und Weihnachtslieder auf der Mundharmonika: Weihnachten weckt beim Victorburer Hinrich Goes Erinnerungen an die Nachkriegsjahre – auch an Geschenke, die bis heute erhalten sind.

Victorbur - Ein Wiedersehen mit Freunden und der Familie, Essen in gemütlicher Runde und viele Gespräche. All das gehört an Weihnachten für viele dazu. Ebenso wie kleine und häufig auch große Geschenke. Für den Victorburer Hinrich Goes ist die Weihnachtszeit stets auch die Zeit der Erinnerungen – auch an schwere Zeiten.

1939, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, wurde Goes in Oldeborg geboren und wuchs dort auf. An die Kriegsjahre kann sich der 82-Jährige nur noch vage erinnern. „Im Gedächtnis haften geblieben sind mir die Fliegerangriffe der alliierten Streitkräfte auf Emden“, so Goes. „Nach einem Bombenhagel standen große Teile der Stadt in Flammen.“ Kilometerweit sei das Unheil durch einen riesigen Feuerschein am Himmel zu sehen gewesen. Wie viele andere auch, war Goes selbst familiär vom Krieg betroffen. „Mein Vater war bei der Wehrmacht an der Ostfront im Einsatz und kehrte 1947 aus russischer Gefangenschaft nach Hause zurück“, erinnert er sich.

Hausmusik bei Kakao und Spekulatius

Sehr gerne denkt Goes heute an die Weihnachtszeit Anfang der 1950er Jahre zurück. „Obwohl die Nachkriegsjahre armselig waren.“ Nach dem Krieg versuchten die Menschen, allmählich wieder auf die Beine zu kommen. Sehr bescheiden, aber auch besinnlich habe man damals Weihnachten gefeiert. „Ein üppiges Essen gab es ja nicht“, so Goes. „Der Schweinebraten stammte aus der eigenen Hausschlachtung, Kartoffeln und Gemüse holte man aus dem Garten.“ Mit Einbruch der Dunkelheit ging Goes an Heiligabend stets gemeinsam mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder zu Fuß nach Engerhafe in die Kirche. Autos seien zu dieser Zeit kaum unterwegs gewesen. „Häufig stapften wir dann die rund zwei Kilometer durch den Schnee.“ Zurück zu Hause angekommen gab es warmen Kakao und Spekulatius. „Der kam immer vom Bäcker Rosenboom aus Upende.“

Goes Vater kramte währenddessen seine Mundharmonika hervor und spielte Weihnachtslieder zum Mitsingen. Das, so Goes heute, sind schöne Erinnerungen. „So ganz ohne die große Hektik von heute.“ Noch heute sieht er förmlich seine Mutter, wie sie den Weihnachtsbaum, der auf einem Ecktisch stand, mit Engelshaar, Lametta und silberfarbenen Kugeln schmückte. „Besonders schön fand ich immer die bunten Glasvögel mit den langen Schwänzen“, so der 82-Jährige.

Beliebtes Geschenk vom Dorfschmied

Die Zeiten, so Goes, haben sich geändert. Vor allem bei den Geschenken. Heute würden Kinder mit Spielekonsolen, Skateboards und Smartphones überhäuft, die längst die Kinderzimmer erobert hätten. In seiner Kindheit wurde noch selbst gebastelt. „Die Menschen waren arm und man musste mit wenigen Mitteln etwas machen.“ Erinnerungen daran wurden vor einigen Jahren bei Goes geweckt. Auf dem Dachboden seines Elternhauses entdeckte er einige der alten Weihnachtsgeschenke wieder. Unter anderem ein aus einem dünnen Brett gesägtes Holzpferd, das vor über siebzig Jahren für ihn unter dem Weihnachtsbaum stand. Für die damaligen Verhältnisse ein begehrtes Geschenk war ein stabiler, eiserner Rodelschlitten. Den hatte der Oldeborger Dorfschmied Sieben Philipps handgeschmiedet.

Etwa aus dieser Zeit stammen auch die hölzernen Schlittschuhe mit Eisenkufen, die mit Lederriemen und Bindfäden am Schuhwerk befestigt wurden. „Die Kuhweide bei Bauer Gerdes war in den Wintermonaten oft überschwemmt und verwandelte sich bei Dauerfrost in eine große Eisfläche“, erinnert sich der 82-Jährige. „Bei klirrender Kälte herrschte dann Hochbetrieb.“

Seine Erinnerungen stimmen Goes oft wehmütig, wie er sagt. Vieles habe sich verändert. Die Ruhe und Beschaulichkeit in der Weihnachtszeit seien Stress und Hektik gewichen. Für viele sei Weihnachten mittlerweile ein Konsumfest. Die Pandemie sorge derzeit für eine gewisse Entschleunigung. Ganz so wie früher, da ist sich Goes sicher, wird es aber nie mehr werden.

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