Aurich

„Jede Spendenübergabe war sozusagen mit Tränen überflutet“

Stephan Schmidt
|
Von Stephan Schmidt
| 09.12.2021 18:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Uwe Boden hat als Geschäftsführer von „Ein Herz für Ostfriesland“ ein bewegtes Jahr hinter sich. Er ist von der Spendenbereitschaft der Ostfriesen überwältigt. Foto: Romuald Banik
Uwe Boden hat als Geschäftsführer von „Ein Herz für Ostfriesland“ ein bewegtes Jahr hinter sich. Er ist von der Spendenbereitschaft der Ostfriesen überwältigt. Foto: Romuald Banik
Artikel teilen:

Interview: Uwe Boden, Geschäftsführer des Hilfswerks „Ein Herz für Ostfriesland“, zieht nach gut einem Jahr eine Zwischenbilanz – und blickt auf emotionale Augenblicke im Katastrophengebiet zurück.

Aurich/Stolberg/Eschweiler - Ein Herz für Ostfriesland zu zeigen: Mit diesem Anspruch wurde die gemeinnützige Gesellschaft der ZGO Zeitungsgruppe Ostfriesland im Jahr 2020 gegründet. Seitdem hat die Organisation vielen Menschen geholfen – dank der Spendenbereitschaft der Leserinnen und Leser dreier Tageszeitungstitel, darunter die Ostfriesischen Nachrichten. Uwe Boden, Leiter der ZGO-Geschäftskundenabteilung und Geschäftsführer des Hilfswerks, zieht nach etwas mehr als einem Jahr eine persönliche Zwischenbilanz. Er blickt vor allem auf das für ihn prägendste Ereignis zurück: die Flutopferhilfe im Katastrophengebiet in Nordrhein-Westfalen.

„Ein Herz für Ostfriesland“ im Überblick

Das Hilfswerk „Ein Herz für Ostfriesland“ ist eine gGmbH. Sie ist als gemeinnützig anerkannt und kann Spendenquittungen ausstellen. Gegründet wurde die Organisation 2020 als 100-prozentige Tochter der ZGO Zeitungsgruppe Ostfriesland. Zu dieser gehören die Tageszeitungen Ostfriesische Nachrichten, Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger (Rhauderfehn), und Borkumer Zeitung.

Begünstigte der Spendenaktionen waren bislang neben den Menschen im Katastrophengebiet in Nordrhein-Westfalen die Opfer der Tornado-Nacht in Großheide, die Tafeln der Diakonie im Landkreis Aurich, die Hinterbliebenen der jungen Mutter Celina Wessel aus Klostermoor oder der Förderverein „Schutzengel Huus“. In diesem Jahr unterstützen die Leserinnen und Leser der ON als Weihnachtsspendenaktion die Arbeit des Hospizvereins Aurich.

Im Beirat des Hilfswerks sind neben Geschäftsführer Uwe Boden auch Stephan Schmidt (ON-Chefredakteur), Udo Hippen (ON-Verlagsleiter), Joachim Braun (OZ-Chefredakteur), Nina Harms (Leiterin OZ-Redaktion Emden), Mareike Rohde (Assistenz der ZGO-Geschäftsleitung), Kerstin Gersema (Kassenwartin und Leiterin ZGO-Buchhaltung), Günter Radtke (GA-Redaktionsleiter) und Marion Janßen (GA-Redakteurin)

Sie haben kürzlich in Stolberg und Eschweiler an mehrere Gruppen, Vereine und Initiativen fast 300.000 Euro an Spenden aus Ostfriesland übergeben können. Wie waren Ihre Eindrücke dort?

Es war ein wunderbarer Empfang der Aachener Zeitung. Die haben uns toll unterstützt und alles vorbereitet. In Stolberg war schon einiges repariert, aber vieles war auch noch zerstört. Den modrigen Geruch in der ganzen Stadt habe ich bis heute in der Nase. Es war faulig, schimmelig. Alles klamm und nass. Der Redakteur der AZ führte uns herum. Er war auch ziemlich fertig. Er hat ja in den letzten Monaten nur über die Katastrophe geschrieben. Alle haben sehr gelitten.

Waren die Flutschäden noch überall so groß?

In Stolberg ist ein kleiner Bach, der normalerweise nur wenig Wasser führt. Der war auf sieben Meter Höhe angeschwollen und durchgerauscht. Die Schäden waren alle noch offensichtlich. Die ganzen Wohnungen und Läden im Erdgeschoss wurden alle zerstört. Die Stadt Stolberg ist ziemlich langgezogen. Auf sieben Kilometern totale Zerstörung. Fast wie nach einem Krieg.

Hat Sie überrascht, wie groß die Schäden noch waren?

Auf jeden Fall. Du lässt es nicht an dich ran. Es ist weit weg, 400 Kilometer. Du siehst es in den Medien, liest es in der Zeitung. Wenn du das aber selbst siehst, hast du schon den ersten Kloß im Hals. Solche Zerstörung und solches Elend habe ich noch nie gesehen. Die Stadt muss im Grunde neu aufgebaut werden. Das wird noch Jahre dauern.

Ist das Leben schon nach Stolberg zurückkehrt?

Nein. Da ist der Gestank, und überall brummen Bautrockner und Baumaschinen, mit denen der Putz von den Wänden geklopft wird. Ein fieser Lärm. Das geht seit Monaten so. In Stolberg ist die Innenstadt quasi tot. Das spielt sich gar nichts mehr ab. Es haben vielleicht ein, zwei Pizzabuden geöffnet, aber der Rest ist dicht.

Sah es in Eschweiler besser aus?

In Eschweiler war die Zerstörung nicht mehr ganz so sichtbar. Vieles ist kaputt, aber es war auch schon einiges aufgeräumt. Aber trotzdem ist vieles noch in einem maroden Zustand.

Wie waren die Reaktionen auf die Spendenübergabe im Flutgebiet? Waren die Menschen überrascht?

Die Menschen, egal ob in Stolberg oder Eschweiler, waren so froh, dass wir da waren und so gerührt, dass so viel Geld zusammengekommen war. Wir waren die einzigen Spender, die das Geld persönlich übergeben haben. Alle waren davon begeistert, dass die Ostfriesen 400 Kilometer entfernt für diese armen Leute spenden. Die haben einen mit großen Kulleraugen angeguckt und waren ganz fassungslos, dass sie jetzt aus Ostfriesland so viel Geld bekommen. Jede Spendenübergabe war sozusagen mit Tränen überflutet.

In Stolberg begrüßte sie mit Patrick Haas ein 40-jähriger Bürgermeister, der erst seit 2019 im Amt ist. Sah man ihm den Stress an?

Er sah völlig fertig aus, hat uns aber sehr nett empfangen. Ich glaube, der hat in den Monaten nach der Katastrophe keine Nacht durchgeschlafen. Auch das ganze Rathaus war zerstört. Die mussten alle raus und in Container und andere Unterkünfte.

Auch Eschweiler hat mit Nadine Leonhardt eine junge Bürgermeisterin, die erst seit 2020 im Amt ist. Wie hat sie auf Ihren Besuch reagiert?

Da muss ich vor allem an den Empfang im Rathaus denken, zu dem Frau Leonhardt Vertreter von begünstigten Gruppen und Vereinen eingeladen hatte. Ich durfte von unserer Hilfsaktion berichten und sagte, dass wir sie nicht im Stich lassen, dass wir sie nicht alleine lassen. Dass wir hoffen, dass wir mit dem Geld etwas Gutes tun. Danach brachen bei den Leuten alle Dämme. Die einzelnen Gruppen fingen an zu weinen. Und der Bürgermeisterin kullerten die dicken Tränen über die Wange. Beim Rausgehen sagt sie: „Herr Boden, das war nicht gut. Ich funktioniere seit drei Monaten, und jetzt kommen Sie aus Ostfriesland und bringen mich zum Heulen.“ Das fand ich so ergreifend.

Die Vertreter der Vereine nahmen vor dem Eschweiler Rathaus die symbolischen Spendenschecks entgegen, jeweils fast 59.000 Euro.
Die Vertreter der Vereine nahmen vor dem Eschweiler Rathaus die symbolischen Spendenschecks entgegen, jeweils fast 59.000 Euro.

Es fließen Hunderte von Millionen Euro von staatlicher Seite aus in die Region. Ist das Geld aus Ostfriesland nicht ein Tropfen auf den heißen Stein?

Nein. Die einzelnen Vereine haben von unseren Leserinnen und Lesern zwischen 50.000 und 60.000 Euro bekommen. Das ist eine Menge für sie. Viele bekommen sonst so gut wie nichts. Die größte Spende, die beispielsweise der SC Delphin Eschweiler davor erhalten hatte, waren 1500 Euro von einem Unternehmer vor Ort. Aus dem Bundestopf kriegen die nichts. Auch andere bekommen keinen Cent. Ein Vorteil ist außerdem, dass das Geld aus Ostfriesland schon auf deren Konto ist. Davon wurden schon Bautrockner gekauft, außerdem Nahrungsmittel und Wäsche, damit sie durch den Winter kommen.

Was war der bewegendste Augenblick der zwei Tage im Katastrophengebiet?

Den hatte ich im Auenland. Das ist eine Freizeit- und Bildungseinrichtung für Jugendliche und Familien, die das Ehepaar Medic aufgebaut hat. Dort wurde alles zerstört, weil der Fluss, die Inde, da durchgebraust ist. Die hatten noch keine müde Mark vom Staat erhalten. Als sie von uns das Geld erhielten, brachen sie in Tränen aus. Sie waren so gerührt. Sie hatten nicht mal annähernd mit so einer Summe gerechnet. Mit dem Geld können sie alles wieder aufbauen.

Ragnhild Lommen (von links) sowie Zoran und Monika Medic vom „Auenland“ nahmen die Spende von „Ein Herz für Ostfriesland“ entgegen. Fotos: Hannah Weiden
Ragnhild Lommen (von links) sowie Zoran und Monika Medic vom „Auenland“ nahmen die Spende von „Ein Herz für Ostfriesland“ entgegen. Fotos: Hannah Weiden

Als Sie das Amt des Geschäftsführers vor etwas mehr als einem Jahr angenommen haben, hätten Sie sich vorstellen können, dass es so intensiv wird?

Nach der Weihnachtsaktion ging es richtig los: Es gab die verstorbene Celina Wessel, die zwei kleine Kinder hinterlassen hat. Dann kamen die Flutopfer und die Sammlung für die Opfer des Tornados in Großheide. So richtig die Augen geöffnet hat mir die Reise nach Eschweiler und Stolberg. Es ist eine Sache, Geld zu sammeln, aber wenn du das Elend, aber auch die Freude und Dankbarkeit siehst, dann ist das nicht zu vergleichen. Es überwältigt einen emotional. Da läuft man mit einem Kloß im Hals herum.

Haben Sie erwartet, dass so viel Geld zusammenkommen würde?

Die Spendenbereitschaft der Ostfriesen bewegt mich immer wieder. Ich habe so viele Telefonate während der Flutopfer-Aktion geführt. Vereine haben Kuchen gebacken und Geld gesammelt, Firmen, die Geld spenden wollen. Der Inhaber eines Supermarktes hat mich angerufen und gesagt: Hier sind 10.000 Euro – macht was Sinnvolles damit.

Was glauben Sie: Warum spenden die Ostfriesen an „Ein Herz für Ostfriesland?“

Wir können jederzeit mit reinem Gewissen sagen, dass jeder gespendete Cent für ganz tolle und sinnvolle Zwecke ausgegeben wird, ohne jegliche Abzüge. Diejenigen, die uns das Geld zur Verfügung stellen, vertrauen uns blind. Und das können sie auch. Eines werden wir nie vergessen: Das Geld haben uns die Spenderinnen und Spender, die Leserinnen und Leser gegeben. Es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, dass dieses viele Geld an die Stellen gelangt, an denen es gut aufgehoben ist.

Ähnliche Artikel