Brookmerland

Stornierungswelle in den Wirtsstuben

| | 30.11.2021 22:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Seit Tagen werden Termine abgesagt, die Auftragsbücher leeren sich. Symbolfoto: DPA
Seit Tagen werden Termine abgesagt, die Auftragsbücher leeren sich. Symbolfoto: DPA
Artikel teilen:

Egal ob Wirdum, Osteel, Marienhafe, Leezdorf oder Rechtsupweg: Überall werden wegen der 2G-Plus-Regelung Weihnachtsfeiern abgesagt. Einer der Wirte sagt: „Es ist wie ein Keulenschlag vor den Kopf.“

Brookmerland - Aus vollen Auftragsbüchern für den Advent sind binnen wenigen Tagen nahezu leere Auftragsbücher geworden. Die Gasthöfe im Brookmerland werden durch die ab dem 1. Dezember geltende 2G-Plus-Regelung in den Innenräumen der Gastronomie hart getroffen.

Jens Pupkes von der Gaststätte Köster in Osteel berichtete auf ON-Nachfrage von einer Stornierungswelle, die schon in der vergangenen Woche begonnen habe. Allein am Donnerstag habe er neun Absagen entgegengenommen – vor allem für Firmenweihnachtsfeiern. Beim Gespräch am Dienstagnachmittag in dieser Woche war die jüngste Absage erst eine Stunde alt: 35 Gäste werden am Freitag nicht kommen.

Nur noch wenige und kleine Feiern im Kalender

Einige kleinere private Feiern seien noch im Kalender. Pupkes betont dabei das Wort „noch“. Auch eine kleine Firmenweihnachtsfeier an diesem Wochenende wird es noch geben, da die Belegschaft ohnehin öfter getestet werden müsse. Die meisten Firmen hätten jedoch abgesagt. Die Gäste scheuten derzeit generell, Risiken einzugehen. Und der Aufwand, für einen Restaurantbesuch einen Test zu machen, sei vielen zu groß, so Pupkes.

Die Vorweihnachtszeit ist traditionell eine wichtige Zeit für die Gastronomie. Symbolfoto: DPA
Die Vorweihnachtszeit ist traditionell eine wichtige Zeit für die Gastronomie. Symbolfoto: DPA

Die Vereine seien ohnehin zuletzt schon sehr zurückhaltend bei den Reserverungen für solche Veranstaltungen gewesen. Ein Chor und zwei Dart-Vereine hätten ihre Veranstaltungen vorsorglich schon bis Ende Januar abgesagt, berichtet Pupkes. Er könne auch jeden verstehen, der nach der Arbeit nicht noch zum Testcenter rennen wollen, um sich noch rasch vor der Vereinfeier testen zu lassen. Auf diese Hektik hätten viele keine Lust.

Lieferservice läuft gut, fängt den Ausfall aber nicht auf

Einige Firmen hätten noch überlegt, ihre Feier auf ihr Gelände zu verlagern und bei ihm ein Catering zu bestellen. Doch auch dabei seien alle äußerst vorsichtig, sodass es auch für Catering-Aufträge schon Absagen gab, erzählt Pupkes.

Immerhin: Es gebe noch den Köster-Lieferservice, der seit Corona sehr gut angenommen werde. Das mache ihn entspannter als im vergangenen November beim letzten Lockdown. Was die Kunden an Essen bestellen, sei aber nicht mit einer Feier mit Ausschank zu vergleichen, so Pupkes. Der Gasthof bleibe für Restaurantkunden weiterhin geöffnet. Er sei inzwischen aber so weit, dass ihm ein klarer Lockdown lieber wäre, so der Osteeler. Das würde vielleicht einen schnelleren Erfolg bei der Senkung der Infektionszahlen bringen. Und die Lage sei für die Gastronomie auch klarer definiert. Nun gehe das Warten weiter: Werden die Reservierungen für Weihnachten auch noch abgesagt? Gibt es bis dahin genug Testcenter?

Einiger Aufwand für Traditionsveranstaltung

Wilke Saathoff vom Leezdorfer Hof hat das Gleiche erlebt. Stornierung jagte Stornierung. Die Gäste seien derzeit verängstigt und verunsichert. Am Leezdorfer Hof wird am Sonntag die Verknobelung dennoch stattfinden. Draußen, mit klaren Regeln und einer Teststation vor Ort. Diese Traditionsveranstaltung solle nicht ausfallen, so Saathoff.

Die Verknobelung in Leezdorf findet diesmal draußen und mit Corona-Abstand statt. Ausfallen soll sie aber nicht. Symbolfoto: DPA
Die Verknobelung in Leezdorf findet diesmal draußen und mit Corona-Abstand statt. Ausfallen soll sie aber nicht. Symbolfoto: DPA

Ansonsten ziehe jetzt das Liefergeschäft wieder an. Das sei im letzten Winter stark nachgefragt gewesen, so Saathoff. Er hoffe, dass sich nun alle an die Auflagen halten und Vernunft walten lassen, damit die Maßnahmen am Ende bald etwas bewirken.

400 Essen an einem Wochenende storniert

Ina Garrels vom Großen Krug in Wirdum hat ebenfalls viel telefoniert in den vergangenen Tagen. Allein für das kommende Wochenende seien inzwischen 400 Essen storniert worden. Den Gästen sei es zu umständlich, vor der Feier eine Teststation aufzusuchen – zumal es davon im Umkreis auch nicht viele gebe.

Für die Adventszeit hatten die Brookmerlander Gasthäuser jede Menge Reservierungen. Symbolfoto: DPA
Für die Adventszeit hatten die Brookmerlander Gasthäuser jede Menge Reservierungen. Symbolfoto: DPA

Einige kleinere Feiern seien umgebucht worden zu Cateringaufträgen, aber das Gros falle aus. Eine Firma habe sich einen Gutschein geben lassen, um die Feier nachholen zu können. Ein konkretes Datum gebe es dafür jedoch noch nicht, so Garrels. Bislang bietet der Große Krug kein Essen zum Abholen oder per Lieferdienst an. Die Logistik sei kompliziert, und bislang sei das auch nicht nachgefragt worden, sagte Ina Garrels. „Aber natürlich haben wir auch darüber schon nachgedacht.“

Viele Fragen - keine Antwort

Gerd Hecht vom Hotel zur Waage in Marienhafe war am Dienstag vor allem ratlos. Auch bei ihm hagelt es seit Tagen Stornierungen für Weihnachtsfeiern. Aber er habe zu den neuen Regeln auch noch etliche Fragen, die ihm die Hotline beim Landkreis Aurich nicht habe beantworten können. Dort habe es geheißen, dass erst im Laufe des Dienstags eine Entscheidung auf Landesebene falle. Das sei aber gar nicht der Fall, so Hecht. Und schon gar nicht zu den Feinheiten der 2G-Plus-Regel, die ab dem 1. Dezember gilt. Es gebe jede Menge widersprüchliche Angaben zu den Details der Verordnung.

Wie es mit dem Mini-Weihnachtsmarkt beim Hotel Zur Waage in Marienhafe weitergeht, muss sich noch zeigen. Symbolfoto: DPA
Wie es mit dem Mini-Weihnachtsmarkt beim Hotel Zur Waage in Marienhafe weitergeht, muss sich noch zeigen. Symbolfoto: DPA

Unter welchen Auflagen er seinen kleinen Weihnachtsmarkt weiter betreiben könne, wisse er also noch gar nicht. Ohnehin sei es erstaunlich, dass für seine Glühweinbude im Biergartenbereich härtere Auflagen gemacht würden als für die Weihnachtsmärkte in Aurich und Emden: nämlich eine Einzäunung, eine Einbahnstraßenregelung und Kontrollen am Ein- und Ausgang.

Ziel: Mitarbeiter weiterbeschäftigen

Am Dienstag sei der Betrieb in der Waage noch einmal gut gewesen – die Leute hätten den letzten Tag unter 2G in der Innengastronomie offenbar nutzen wollen. Doch nun hätten sich die Auftragsbücher merklich geleert. Er arbeite bereits alleine im Service und müsse darüber nachdenken, ob er unter der Woche wieder schließen müsse. Das werde die nächste Woche zeigen.

Auch er überlege, ob er nun einen Lieferdienst anbieten solle. Das sei aber noch alles im Ideenstadium. Es gehe aber drum, die Mitarbeiter weiterzubeschäftigen, damit es nach der neuerlichen Bremse wieder weitergehen könne. Hecht hat die Waage erst in diesem Frühjahr übernommen. Den Winter hatte er sich nach den vielen Buchungen anders vorgestellt.

80 Prozent schon abgesagt

Stefan Lelle, der neben seinem Cateringunternehmen in Hage das Dorfgemeinschaftshaus in Rechtsupweg betreibt, bezeichnet die 2G-Plus-Regel als „absolute Katastrophe“ für alle Gastronomen, die auf Gruppenveranstaltungen angewiesen seien. 80 Prozent der vielen Weihnachtsfeiern seien bei ihm bereits storniert. Dabei sei er im September und Oktober so optimistisch gewesen, als sich der Kalender langsam füllte. Und nun sei wieder alles abgeblasen. Und Lelle denkt schon weiter: Was wird aus den Neujahrsempfängen, aus Boßel- und Kohltouren?

Nach der Zeit der Weihnachtsfeiern kommt die Zeit der Kohltouren. Noch haben die Gastronomen Hoffnung. Symbolfoto: DPA
Nach der Zeit der Weihnachtsfeiern kommt die Zeit der Kohltouren. Noch haben die Gastronomen Hoffnung. Symbolfoto: DPA

Nun sei noch die Frage, wie es mit den kleinen Familienfeiern an Weihnachten weitergehe. Wenn die auch noch abgesagt würden, „sind wir schon bei 90 Prozent der Buchungen, die weg sind“,so Lelle.

Ankündigung, dass Feiern in anderer Jahreszeit nachgeholt werden

In den Stornierungsgesprächen mit Vereinen und Firmen sei zum Teil gesagt worden, dass gar nicht wegen der Testpflicht abgesagt werde, berichtet Lelle. Aber eine Feier, bei der abseits vom Sitzplatz eine Maske getragen werden müsse, mache keinen Spaß, so der Tenor.

Immerhin: Rund 40 Prozent der Anrufer hätten versprochen, dass sie ihre Feier unbedingt im nächsten Frühjahr oder Sommer nachholen wollten. Ob das dann auch so komme, sei abzuwarten, so Lelle. Einerseits merkt man, dass die Leute unbedingt wieder feiern wollen, anderseits seien viele ausgefallene Konfirmationen und Hochzeitsfeiern am Ende dann doch nicht mehr nachgeholt worden. Das müsse man nun abwarten.

„Ich bin nicht mehr derselbe wie vor drei Jahren“

Für die Gastronomen, die auf Gesellschaften spezialisiert seien, sei die 2G-Regelung „wie ein Keulenschlag vor den Kopf“, so Lelle. Immer wieder würden bestimmte Branchen viel stärker von den Maßnahmen getroffen als andere. Auch Künstler und DJs seien betroffen. Dieses Gefälle bei den Corona-Folgen müsse aus seiner Sicht besser ausgeglichen werden.

Seit 30 Jahren sei er selbstständig und nun ohne eigenes Zutun in eine existenzbedrohende Lage geraten. Er nehme als Caterer bereits Aufträge an, die sich kaum oder nicht rechnen – um die Kunden zu halten. Es gebe Nächte, in denen er wachliege. Nun sei wieder so eine Zeit. „Wir behalten die Hoffnung, aber ich bin nicht mehr derselbe wie vor drei Jahren“, so der Gastronom.

Ähnliche Artikel