Wiesmoor
Booster-Impfungen: Hausarzt sendet Hilferuf an Politik
Bislang heißt es, die Praxen sollen den Großteil der Auffrisch-Immunisierungen übernehmen. Doch für die Mitarbeiter bedeutet das eine hohe Belastung. Ein Arzt aus Wiesmoor hat daher eine Forderung.
Wiesmoor - Sie sind „erschöpft und mittlerweile etwas verzweifelt“: Mit einem Hilfeappell aus Sicht einer Hausarztpraxis hat sich der Wiesmoorer Dr. Jens Höllge jetzt an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gewandt. Der konkrete Anlass: Nach bisheriger Auffassung der Politik sollen die Corona-Auffrischimpfungen vorwiegend von den Hausärzten geleistet werden. Doch angesichts wieder steigender Infektionszahlen und zusätzlicher anderer Infektionskrankheiten stoßen die Praxen und ihre Mitarbeiter bereits jetzt „zunehmend an unsere Grenzen“, wie Höllge in einer Mail an den Auricher KV-Geschäftsführer Dieter Krott schreibt. Er fordert deshalb die Wiederöffnung der Impfzentren für die Booster-Impfungen.
Schwierig wird die Situation in diesem Herbst auch, weil laut Dr. Höllge wieder viele Patienten mit anderen Infektionskrankheiten als Corona in die Hausarztpraxen kommen. Doch zugleich sollen auch Geimpfte mit PCR-Tests auf Covid getestet werden. „Das ist kaum zu schaffen. Es ist unglaublich viel Arbeit. Die Zeit fehlt an allen Ecken und Enden“, sagt Dr. Höllge im Gespräch mit den ON. Mittlerweile müsse man Abstriche in der Regelversorgung der Patienten machen, etwa Vorsorgeuntersuchungen verschieben. Er befürchtet, dass wichtige Bereiche wie etwa die Krebs-Früherkennung, darunter leiden. In seinem Schreiben an die KV heißt es: „Der Spagat PCR-Tests in den vollen Infektsprechstunden versus Impfen, Impfen, Impfen, gerät außer Kontrolle. Dabei sind die Inzidenzen noch niedrig in unserer Region.“
Kritik an Regierungen
Bislang wurden in der Praxis von Höllge rund 90 Auffrischimpfungen gemacht - bei rund 3500 Erst- und Zweitimpfungen seit dem Frühjahr. „Wir werden uns da in den nächsten Wochen steigern müssen, um nicht in Verzug zu geraten.“ Doch zugleich gibt es weiterhin Patienten, die die wichtigen Erst- und Zweitimpfungen nachfragen.
Die Regierungen sähen offenbar nur die Hospitalisierungsrate und Zahl der belegten Intensivbetten als Indikator für eine Überlastung des Gesundheitssystems. „Die hierfür notwendige Vorarbeit durch Hausärzte, die Massen an täglichen Corona-PCR-Testungen durch uns, der immense Aufwand an täglichen Infektionssprechstunden, wird nicht erwähnt, ist selbstverständlich.“
„Hausärzten wird nicht ausreichend geholfen“
Und weiter schreibt der Allgemeinmediziner aus Wiesmoor: „Meine Erfahrung in der Pandemie ist: uns Hausärzten wird nicht ausreichend geholfen.“ Nach seiner Einschätzung beteiligen sich zum Beispiel nur wenige Facharztkollegen an den Impfungen. Die meisten Fachärzte kämen „relativ ungescholten durch die Pandemie“, bis auf Lungen-, HNO- und Kinderärzte.
Es ärgere ihn zudem, wenn bisweilen von Verbandsvertretern der Ärzte der Eindruck vermittelt werde, diese könnten das alles schon schaffen.
Natürlich seien die Hausarztpraxen nicht vergleichbar mit Intensivstationen. Aber auch hier seien Arbeitsbelastung und Streßpegel der Arzthelferinnen sehr hoch. „Wir sind tatsächlich erschöpft und auch etwas demoralisiert“, schreibt Höllge. „Nie war unsere Praxis geschlossen in der Pandemie, vieles haben wir erlebt. Pöbelnde Patienten in der Phase dem Impfstoffmangels, Drohungen von coronaskepischen Patienten, Bedrohung und leider auch coronaskeptische Kolleginnen.“
Höllges Appell an die Kassenärztliche Vereinigung, vor allem an die Politik: „Wir brauchen dringend mehr Hilfe in den kommenden Monaten, mehr Solidarität von allen Facharztkollegen und auch eine mindestens teilweise Reaktivierung der Impfzentren.“